Website von Henning Schramm
Website vonHenning Schramm

Bild: Jo Albert, Frankfurt

Ein interessanter Frankfurter Künstler, auf dessen Ausstel-lung ich aus meinem Buch 'Recht auf Ineffizienz' las.

 

Neu: Populismus: Merk-male und Bedeutung.

Meine Anmerkungen zu diesem Thema finden Sie unter Essays und Ausätze.

 

(Käthe Kollwitz)

 

Die rechtsradikalen Tendenzen in der Gesell-schaft bleiben aktuell und explosiv.

Lesen Sie dazu meinen Roman Flammenbilder und den aktuellen Essay

Mehr Mut braucht die Gesellschaft in der Rubrik Essays und Aufsätze.

Als Literatur zu dieser Thematik empfehle ich auch Madeleine Albright: Faschismus. Eine Warnung.

(Eine kurze Buchbesprech-ung finden Sie hier unter Buchbesprechungen.)

Banken-crash und Finanzkrise

2008

 

 

 

Es ist jetzt über 10 Jahre her, dass die Finanzkrise die Welt erschütterte ... und wie wenig ist seither passiert.

Zu diesem denkwürdigen Geschehen von damals möchte ich Sie an meinen Roman Paula M. erinnern, in dem ich, so die Wetter-auer Zeitung vom 1. 12. 2012, "einen sezierenden Blick auf die Gesellschaft und ihre Eliten werfe, die die Welt im Jahr 2008 in eine wirtschaftliche Kata-strophe geführt haben. In den Personen spiegeln sich die existenziellen Anfecht-ungen und Herausfor-derungen der Menschen in einer von ökonomischen Interessen überlagerten Welt..."

Weiter empfehle ich dazu meinen Essay: Demokratischer Marktsozialismus. Ansätze zu einer bedürnisorientierten sozialen Ökonomie.

 

Theodor W. Adorno in Frankfurt bei einem Vortrag im Studierenden Haus im Jahr 1968.

Anlässlich des Jubiläums    50 Jahre 1968er

empfehle ich Ihnen/Euch als Lekture meinen Essay:
Wirkungsgeschichte und politische Rezeption der Kritischen Theorie in den 60er Jahren.

 

Besuchen Sie auch meine Autorenseite Henning Schramm  auf Facebook. Ich würde mich freuen, wenn sie Ihnen gefällt.

Ich bedanke mich über das rege Interesse an meiner Homepage mit jetzt über 145.000 Besuchern.

 

 

 

Es wird Zeit, die Stimme zu erheben -1788/89

 

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In Paris brodelte es. Die Gerüchteküche lief auf Hochtouren. Die Menschen strömten auf die Straßen und in die Parks, um sich auszutauschen, aber auch um das schöne Wetter an diesem Sonntag zu genießen. Auch Olympe zog es ins Freie, begleitet von Pauline. Sie flanierten durch die Gärten und die Galerie des Palais Royal und schauten sich die Auslagen der Läden an oder den elegant gekleideten Prostituierten nach, die dort ihrer Arbeit nachgingen. Nachdem sie im Café Corazza in der Galerie Montpensier im Palais Royal eine heiße Schokolade getrunken hatten und gerade gehen wollten, hörten sie lautes Geschrei und sahen vor den Arkaden des Palais Royal, wie ein junger Mann, auf einem Tisch stehend, gestikulierte und vor einer ansehnlichen Menschenmenge eine Rede hielt. Sie gingen näher an den Redner auf dem improvisierten Rednerpult heran.

»Sieh nur, das ist Camille Desmoulins, ich kenne ihn aus verschiedenen Clubs«, sagte Olympe zu Pauline, »es ist ein hitzköpfiger Jüngling, aber überaus gescheit.«

Desmoulins‘ laute, zornige Stimme schallte in die Gärten als er rief: »Die Entlassung Neckers ist die Sturmglocke zu einer Bartholomäusnacht der Patrioten«, die Menschen nickten zustimmend und ballten die Fäuste und Desmoulins rief zornig in die Menge, »nur ein Ausweg bleibt uns: zu den Waffen zu greifen!« 

Olympe hielt erschrocken die Hand vor den Mund, als ob die ungeheuren Worte aus ihrem eigenen Mund gerutscht wären.

»Komm Pauline, lass uns gehen. Ich befürchte das Allerschlimmste. Das ist ein Aufruf zum bewaffneten Aufruhr. Ich habe es kommen sehen. Alles endet in einem Blutvergießen. Nur drei Tage ist es her, dass sich die Assemblée Nationale konstituiert hat. Und jetzt das! Wenn es ihr doch möglichst schnell gelänge, eine Verfassung auszuarbeiten, dann würde vielleicht noch alles gut werden.« 

»Das Volk ist unruhig. Es hat keine Zeit. Der König will die Verfassung nicht, hat Maurice mir gesagt. Wir müssen uns wehren, sonst wird sich der König schrecklich an uns rächen«, sagte Pauline.

»Hat das auch Maurice gesagt?« 

»Ja, er sagt, der König und seine Hofschranzen ziehen überall Truppen zusammen. Sie werden uns töten wie sie die Hugenotten damals ermordet haben.« 

»Die Hugenotten waren damals eine Minderheit, der König kann nicht ein ganzes Volk umbringen. Das ist Unsinn, was dein Maurice da von sich gibt. Der König liebt sein Volk.« 

Als sie das sagte, musste sie an Eduard denken und an das, was er ihr über seine hugenottischen Vorfahren gesagt hatte. Was wird er wohl gerade machen, ich habe schon längere Zeit nichts mehr von ihm gehört, dachte sie. Wie gerne würde ich mit ihm die dramatischen Ereignisse hier diskutieren … und wie gerne würde ich ihn in meine Arme schließen. 

Pauline riss sie aus ihren Gedanken. 

»Der liebt nur seine Jagd, seine Handwerksarbeit, gutes Essen und seinen Schlaf, sagt Maurice. Sein Volk ist ihm egal. Und noch weniger schert diese Marie Antoinette das Volk, sie hat nichts anderes im Kopf als Vergnügungen und sich mit schönem Geschmeide zu schmücken. Das Volk ist ihr gleichgültig. Sie wird mit Sicherheit ihren Gemahl in ihrem Sinn beeinflussen. Er macht doch alles, was sie will, sagt Maurice.« 

»Dein Maurice scheint ja wirklich ein Alleswisser zu sein. Aber du brauchst nicht alles zu glauben, was er sagt.« 

»Ich weiß schon, dass er nicht alles weiß, Madame, aber er weiß viel. Er ist in einem Bürgerkomitee, wo viel diskutiert und palavert wird und viele Informationen zusammenlaufen, wie er mir gesagt hat.« 

»Du redest immer von Maurice und seiner Meinung, was denkst du denn selbst, Pauline?« 

»Ich denke, dass er in vielem Recht hat. Dank ihrer Hilfe, Madame, habe ich lesen gelernt und habe selbst einiges verfolgen können. Ich habe ja Zeit, wenn Sie nicht da sind. Ich glaube auch, wie er, dass es in Frankreich ungerecht zugeht, dass der Adel uns kleine Leute ausplündert, und insbesondere bin ich inzwischen auch davon überzeugt, dass wir Menschen von Natur aus alle gleich sind und gleiche Rechte haben sollten, und dass der König uns diese Rechte verweigert. Die bestehende Ordnung ist schlecht und muss weg!« 

»Aber überleg doch einmal, was passiert, wenn jeder machen kann, was er will, wenn es keine Ordnung mehr gibt. Du gehst auf der Straße und die Straßenräuber fallen über dich, weil es keine Ordnung, keine Autorität mehr gibt. Willst du das?« 

»Nein, das will ich nicht. Aber Maurice sagt, dass es so nicht kommt. Wir werden uns selbst regieren und selbst bestimmen, wie wir leben wollen. Wir werden die Steuern gerechter verteilen, wir werden dafür sorgen, dass jeder zu essen hat und wir werden die Zollschranken vor Paris niederreißen, damit endlich mehr bezahlbares Getreide und andere wichtige Waren in die Stadt kommen.« 

»Ich sehe da schwarz, obwohl ich dir in Bezug auf die häufig mit den Füßen getretene Gerechtigkeit und den Gleichheitsgrundsatz zustimme. Andererseits musst du sehen, wie um jede kleine Gesetzesänderungen gefeilscht und gestritten wird. Es dauert alles viel zu lange und am Ende kommt nichts heraus. Wir brauchen eine Instanz, die Autorität hat, Beschlüsse durchsetzen und falsche Entscheidungen blockieren kann. Diese Autorität hat nur der König, die Monarchie. Natürlich gezügelt durch Gesetze und eine Verfassung, denen sich auch der König unterwerfen muss, aber wir brauchen eine von allen akzeptierte Autorität an der Spitze des Staates. Und denke nur an das Ausland, wer soll denn mit den Monarchen in Europa verhandeln? Soll das ein einfacher Bürger tun? Er würde doch von den ausländischen Monarchien nur belächelt. Er besitzt kein Ansehen und keine Verhandlungsmacht.« 

»Ja, es ist schwierig. Aber wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen. Maurice sagt, dass sie ein Dragonerregiment zusammengezogen haben, dass bereit steht, auszurücken. Sollen wir das einfach so hinnehmen? Wir müssen uns der Gewalt unterwerfen, wenn wir selbst keine Waffen haben. In diesem Punkt hat dieser Desmoulins vollkommen recht. Wir müssen selbst zu den Waffen greifen. Um das aber tun zu können, brauchen wir erst einmal eigene Waffen, die wir bis jetzt nicht haben.« 

»Waffen sind nicht der richtige Weg, um die Probleme zu lösen.« 

Sie waren in der Zwischenzeit in der Rue de Condé angekommen. Als die Droschke vor dem Haus hielt und Pauline mit ihrer Herrin in das Haus gehen wollte, blieb Olympe sitzen. 

»Geh du nur und bring die Wohnung in Ordnung. Ich habe es mir anders überlegt und fahre heute noch nach Versailles, um ein paar Dinge zu erledigen, die in letzter Zeit liegen geblieben sind. Ich erwarte kommenden Sonntag, also am 19., ein paar Gäste hier in der Rue de Condé und bitte dich, schon einmal alles vorzubereiten. Ich werde wahrscheinlich am Freitag zurückkommen, dann können wir die Einzelheiten besprechen. Sag dem Kutscher, er soll mich nach Versailles in den Boulevard du Roi fahren … und pass auf deinen Maurice auf, dass er keine überstürzten, unüberlegten Dinge macht, die ihn in Gefahr bringen könnten.«

»Das werde ich, Madame, er ist ein guter Kerl.« 

Pauline schloss die Wagentür, gab dem Kutscher die gewünschte Adresse und sah nachdenklich der Droschke nach, bis sie schließlich links in die Rue de Vaugirard einbog und verschwand. 

  

Pauline ließ Maurice Noir eine kurze Nachricht zukommen, dass ihre Herrin in Versailles sei und sie sich freuen würde, wenn er sie am nächsten Tag besuchen würde. Am nächsten Morgen machte Pauline einige Besorgungen. Die Stadt war anders als sonst. Sie fühlte deutlich die Anspannung, die in der Luft lag. Paris summte wie ein Bienenkorb. Gerüchte verbreiteten sich in Windeseile und wurden wieder dementiert. An jeder Ecke sah sie kleine Grüppchen stehen, die aufgeregt die neueste Lage diskutierten. Waren die Dragoner schon ausgerückt? Wie würde sich die Bürgerwehr verhalten und wie die Nationalgarde? Niemand wusste etwas Genaues und je weniger Tatsachen bekannt wurden, desto mehr schlugen die Fantasien immer neue Blüten. 

Es wurde Abend und Pauline war gerade damit beschäftigt, den Haustieren ihr Futter zu machen, als sie heftiges Klopfen aufschreckte. Sie lief zur Haustür und Maurice drängte sich eilig in die Wohnung. Er atmete schwer und hatte Schweißperlen auf der Stirn, die man unter dem breitkrempigen, tief in das Gesicht gezogenen Hut jedoch nur bemerken konnte, wenn man unmittelbar vor ihm stand. Über den langen Hosen trug er eine Jacke, die er mit beiden Händen fest an den Körper drückte. 

»Was ist passiert, Maurice? Du siehst völlig erschöpft aus. Setz dich erst einmal, ich hol dir etwas zu trinken.« 

Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und zog unter seiner Jacke einen Säbel hervor. Pauline wich erschrocken vor ihm zurück. 

»Um Gottes Willen, was hast du da, was hast du gemacht?«, rief sie erschreckt. 

»Das ist der Säbel eines Dragoners, der vom Pferd gestürzt ist, als er mich angriff. Es gelang mir, sein Pferd an den Zügeln zu greifen, und es warf seinen Reiter ab.« 

»Bist du verletzt? Ist der Dragoner tot?« 

»Nein, nein! Weder das eine noch das andere. Ich habe ihm seinen Säbel entwendet und bin geflohen – hierher zu dir.« 

Pauline umarmte ihn, erleichtert, ihn hier in Sicherheit zu wissen. 

»Ich mach dir erst einmal etwas zu essen, du wirst Hunger haben. Etwas Wein ist auch noch da, dann musst du mir erzählen, was geschehen ist.« 

Nachdem Maurice gegessen hatte, berichtete er Pauline. 

»Die Situation in Paris war den ganzen Tag äußerst angespannt. Oper und Theater blieben geschlossen. Das Pariser Wahlmännergremium hatte sich hinter die Beschlüsse der Constituante gestellt. Daraufhin rückten die Dragoner des Königs aus. Eine Reiterattacke stieß bis in die Tuileriengärten vor. Es gab viele Verwundete und sogar ein Todesopfer, das erste Todesopfer dieser Revolution. Hier, bei den Tuilerien, traf ich auf die Dragoner, die säbelschwingend rücksichtslos durch die Straßen preschten.« 

Pauline griff nach seiner Hand und war unfähig, ein Wort zu sagen. 

»Wir müssen nun sehen, wie es weiter geht. Die Stadt und die Bürgerwehr sind jedenfalls in Alarmbereitschaft und haben beschlossen, eine Bürgermiliz zu bilden. Teile der französischen Garde haben sich ihr angeschlossen. Um das mögliche Heranrücken von Truppen besser kontrollieren zu können, bleibt Paris heute Nacht erleuchtet. Wir sind alle aufgefordert, auf die Sturmglocken zu achten, und uns unverzüglich vor dem Rathaus zu sammeln, sobald wir sie hören.« 

»Ich habe Angst, Maurice«, flüsterte Pauline in die Stille hinein, die eingetreten war, als Maurice seinen Bericht beendet hatte. 

»Das brauchst du nicht, gemeinsam sind wir stark. Paris steht hinter uns. Die Freiheit wird siegen!« 

Maurice lachte sie an, ein unbekümmertes Jungenlachen. Er nahm sie in seine Arme und küsste sie. Sie schmiegte sich an ihn und das ungute Gefühl, das lange nicht von ihr weichen wollte, fiel allmählich von ihr ab. 

 

Im Morgengrauen hörte sie es. Zunächst nur undeutlich, dann schwoll das Geläut der Sturmglocken immer mehr an. Pauline fuhr hoch und betrachtete den noch Schlafenden. Soll ich ihn schlafen lassen, hier behalten? Er würde es mir nie verzeihen, dachte sie, und weckte ihn mit einem zarten Kuss. Jetzt hörte auch Maurice die Glocken und wollte sogleich aus dem Bett springen. Pauline hielt ihn in ihren Armen und wollte ihn nicht mehr freigeben. Sanft, aber bestimmt löste er sich von ihr. 

»Heute Abend bin ich wieder bei dir«, sagte er leichthin. Aber der Druck auf Paulines Brust ließ nicht nach. 

»Hier nimm, Maurice, ich habe dir noch einen Beutel mit Essen gemacht«, sagte sie, nachdem er sich angezogen hatte und gerade dabei war, den Säbel in den Gürtel seiner Hose zu stecken. 

»Hab keine Angst, heute ist ein großer Tag«, sagte er zu ihr und wischte ihr ein paar Tränen, die sie nicht zurückhalten konnte, aus dem Gesicht. 

Er gab ihr zum Abschied einen zärtlichen Kuss und winkte ihr fröhlich zurück, als er eiligen Schritts in Richtung Seine ging, begleitet von jungen Männern, die nach und nach aus den Häusern kamen und schon einen ansehnlichen Haufen bildeten, als sie aus Paulines Blickfeld entschwanden. 

Am Abend wartete Pauline vergebens auf Maurice. Sie redete sich ein, dass er aufgehalten wurde und eventuell irgendwo zusammen mit seinen Kameraden übernachtete. Allerdings hatte sie auch von Gerüchten gehört, dass schwere Kämpfe stattgefunden hätten, dass die Aufständischen sogar versucht hätten, die Bastille zu stürmen, und die Angst um ihn behielt die Oberhand. 

Als am nächsten Tag Maurice immer noch nicht auftauchte, machte sich Pauline auf den Weg, um nach ihm zu suchen. Es hatte sich bestätigt, dass die Bastille gestürmt worden war. Bei der Einnahme soll es viele Tote und sehr viele Verletzte gegeben haben. Deswegen eilte sie als erstes, ihren Brotbeutel in der Hand, zur Bastille. War Maurice unter den Verletzten? War er gar getötet worden? Ihr wurde schwarz vor Augen bei dem Gedanken, und sie musste sich zusammenreißen, weiterzugehen. 

Sie erfuhr, dass die Verletzten in der Kirche Saint Paul, die sich nicht weit von der Bastille befand, untergebracht worden waren. Die Bänke waren beiseite geräumt worden und die Verwundeten lagen dichtgedrängt nebeneinander auf dem steinernen Boden. Ein unbeschreiblicher Gestank von Blut und Fäulnis empfing sie, als sie den Kirchenraum betrat. Die Verwundeten, nur spärlich versorgt, da es an allem fehlte, schrien vor Schmerz oder starrten reglos zum Kirchenschiff hinauf. Sie fragte jeden, der ihr entgegenkam, nach Maurice Noir. Sie ging nahe an jeden der leidenden und zum Teil verstümmelten Männer heran, da die Binden und Tücher häufig kaum etwas vom Gesicht frei ließen. Manches Mal schienen ihr die Verwundeten kaum dem Kindesalter entwachsen zu sein. Je tiefer sie in die Kirche schritt, desto mehr steigerte sich ihre Angst. Dann sah sie ihn. Er saß an einen Pfeiler gelehnt, das rechte Bein langgesteckt und verbunden, auf dem angezogenen linken ruhte sein Kopf auf seinen verschränkten Armen. Er schien zu schlafen. Pauline näherte sich ihm vorsichtig. Sie streichelte ihm über den Kopf. Er hob das Kinn und schaute sie an und lachte. Pauline kniete sich neben ihn, nahm ihn in die Arme und lachte ebenfalls. Tränen kullerten aus ihren Augen, diesmal vor Glück. 

»Ein tapferer Kerl, den du da in den Armen hältst. Er war an vorderster Front und hat gekämpft, als ob er nie etwas anderes gelernt hätte«, sagte jemand zu ihr, der nicht weit von Maurice lag. 

»Maurice, ich bin so glücklich! Aber du bist verletzt, ist es schlimm? Du blutest. Was hat man dir angetan?« 

»Alles halb so schlimm. Ich habe einen Hieb mit einem Säbel in den Oberschenkel bekommen. Aber es ist nur eine Fleischwunde. Das blutet sehr, heilt aber wieder vollkommen aus, hat der Arzt gesagt. Also mach dir keine Sorgen um mich.

»Kann ich dich mitnehmen und pflegen?« 

»Ich weiß nicht. Da musst du den Arzt fragen.« 

»Wie heißt er, wie sieht er aus? Ich werde ihn suchen und ihn fragen.« 

»Er heißt Paul Simon, ist groß und sieht gut aus. Pass auf, dass du dich nicht in ihn verliebst«, sagte Maurice und lachte verschmitzt. 

»Schön, dass du schon wieder eifersüchtig sein kannst, dann kann es dir tatsächlich so schlecht nicht gehen. Ich werde versuchen, mich nicht zu verlieben. Um zu sehen, ob mir das gelingt, muss ich ihn aber erst einmal ausfindig machen. Dann werden wir weitersehen. Wichtig ist nun aber erst einmal, dass du von hier wegkommst, je schneller, desto besser.« 

»Du kannst hier bleiben und auf ihn warten. Er hat mir gesagt, dass er gleich noch einmal zurückkommt.« 

»Gut, dann warten wir. Aber erzähl, mein großer Held, was ist passiert, als du mich gestern in aller Herrgottsfrüh verlassen hast.« 

»Nun wir gingen zum Rathaus. Dort waren bereits Tausende von Menschen versammelt, als von irgendwoher der Ruf ertönte, ›wir brauchen Waffen‹. Wir wussten, dass im Zeughaus, im Hôtel des Invalides, Waffenvorräte lagerten. Also machten wir uns dorthin auf den Weg. Der Zug wuchs immer mehr an. Als wir auf dem Platz vor dem Hôtel des Invalides ankamen, war die Menschenmenge unübersehbar. Zehntausende! Angesichts dieser Masse öffneten sich uns die Tore des Zeughauses fast ohne Waffengewalt. Wir erbeuteten, wie ich später gehört habe, dreißigtausend Gewehre und fünf Kanonen und ausreichend Munition. Auch ich ergatterte mir ein Gewehr und war mit meinem Säbel, den ich ja auch noch hatte, gut gerüstet. Jetzt waren wir plötzlich eine Macht, die man fürchten musste. Wohin mit dieser Macht? Plötzlich ertönten von überall her Rufe: ›Zur Bastille! Zur Bastille!‹ Also zogen wir zur Bastille.« 

»Aber warum gerade die Bastille?«, fragte Pauline. 

»Die Bastille ist ein Symbol, verstehst du. Ein Symbol der Macht, der Rücksichtslosigkeit und Ungerechtigkeit des Königs. Ein Symbol der Unterdrückung der Freiheit. Wenn wir das zerstören können, können wir auch den König irgendwann in die Knie zwingen. Wir marschierten also den langen Weg zur Bastille. Ein wilder Haufen, ohne militärische Erfahrung. Wie sollten wir die riesigen, über zwanzig Meter hohen Mauern mit den acht Türmen überwinden und den Kanonen trotzen?« 

»Ja, wie denn? Das ist doch Selbstmord!« 

»Wir waren von unserer Stärke überzeugt. Wir, das bewaffnete Volk, stürmten auf die Bastille zu. Ein Stoßtrupp von über dreihundert Sansculotten überwand die erste Barriere und eroberte den Vorhof. Darunter war auch ich«, und großer Stolz schwang in seiner Stimme, als er dies sagte. »Aber wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht, wir saßen in der Falle. Sie ballerten mit ihren Kanonen in den Hof und kartätschten uns nieder. Es gab hunderte von Toten. Und ich weiß nicht, wie es ausgegangen wäre, wenn nicht unter dem Kommando von Pierre Augustin Hulin, einem einfachen Handwerker, zwei Abteilungen der französischen Garde, erfahrene Soldaten allesamt, angerückt wären, vorneweg der Sansculotte Stanislas Maillard, der das Sturmbanner trug. Die Schlacht entschied sich zu unserem Gunsten, der Kommandant der Bastille, Marquis de Launay, wurde getötet. Im Triumph trug die Menge den aufgespießten Kopf des Kommandanten und die Köpfe anderer auf Piken durch die Stadt, bis zum Place Vêndome, wo die Piken mit den Trophäen öffentlich zur Schau gestellt wurden, und von jedem, der sie genauer sehen wollte, nochmals betrachtet werden konnten. Ich habe das Schauspiel leider nicht mehr erlebt, da ich bereits verwundet war und nicht mehr gehen konnte. Aber François Babeuf war Augenzeuge und hat mir heute Morgen einen Brief mit seiner Schilderung und seinen Eindrücken zu dem Geschehen zugesteckt. Er hatte mich gebeten, ihn zu lesen und ihn seiner Frau zu geben. Er wusste, dass er sterben würde. Heute Nachmittag ist er seinen Verletzungen erlegen und hat diese Gedanken uns Lebenden hinterlassen:

Die Hinrichtungen haben begonnen. Übergroße Empfindlichkeit wird nicht an den Tag gelegt. Ich habe Verständnis dafür, dass das Volk Rache nimmt. Ich heiße dieses Recht gut, denn es tut der Ausrottung der Schuldigen Genüge. Könnte dieses Recht aber nicht heutzutage unerträglich werden? Die Strafen aller Art, die Vierteilung, die Folter, das Rädern, der Scheiterhaufen, die Peitsche, der Galgen und die allerorts zahlreicher gewordenen Henker haben uns derart verrohen lassen! Statt uns gute Sitten zu lehren, haben uns die Herren zu Barbaren gemacht, weil sie selbst Menschen solchen Schlages sind. Sie ernten und werden das ernten, was sie gesät haben.

 

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Das Café Amaury in der Avenue de St. Cloud 36 in Versailles, traditioneller Treffpunkt des Bretonischen Clubs, war bis auf den letzten Platz gefüllt. Als eine der wenigen Frauen saß Olympe de Gouges etwas seitlich von dem provisorischen Rednerpult vorne in der ersten Reihe und hörte dem Redner mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Ein paar Stühle daneben, ebenfalls in der ersten Reihe, saßen Gourdan, Marat, Robespierre, Mirabeau und Sieyès. Olympe hatte von ihnen bereits gehört, sah sie jedoch heute zum ersten Mal. 

»... die neue Kraft, an der niemand mehr vorbeikommt, wir spüren es alle, ist das Volk. Ohne das Volk können künftig keine Entscheidungen mehr gefällt werden …«, der Redner, Paul Simon, machte eine bedeutungsvolle Pause und fuhr dann fort, »… in Zukunft werden deswegen nur diejenigen die Macht haben können, die es verstehen, das Volk hinter sich zu bringen, die die Massen in Paris und den Vorstädten, sowie die Bürger und Bauern in der Provinz zu mobilisieren vermögen. Seid euch dessen immer bewusst. Was bedeutet das in Bezug auf die Privilegien des Adels und den Feudalismus? Sie müssen weg! Was bedeutet das für die Monarchie? Die Monarchie muss sich hinter das Volk stellen und für das Volk arbeiten! Kann das Louis? Ich sage euch, er kann es nicht. Der König ist ein Spielball seiner reaktionären Höflinge, allen voran seines Bruders des Grafen d’Artois, seiner Minister und der Colons. Er darf deswegen mit seinem Vetorecht die Constituante nicht mehr blockieren. Das Veto muss weg, und wenn der König das nicht akzeptiert, muss er zugunsten eines Regenten abdanken.« 

Paul Simon, alias Eduard Dumont, wusste von den verschwörerischen Plänen des orléanistischen Komitees von Montrouge, das Philippe d’Orléans als neuen Regenten einzusetzen gedachte, und rief mit seinen Worten diese Ereignisse allen Anwesenden nochmals ins Gedächtnis. 

Tumultartige Unruhen brachen in dem kleinen Versammlungsraum aus. Zustimmung und Ablehnung zu der Rede hielten sich die Waage. Dann ergriff Claude-Christophe Gourdan das Wort. Er stellte sich hinter die Rede von Paul Simon und forderte eine klare, eindeutige Stellungnahme. Die Meinung blieb gespalten und als sich auch noch Sieyès der Forderung von Gourdan anschloss, verließ ein Teil der Anwesenden den Versammlungsort. Der Club spaltete sich und trat von da an nicht mehr zusammen. Die Leute um Gourdan und Sieyès, Robespierre und Marat traten für eine Neugründung des Clubs ein, der zum Ziel haben solle, einer volksnahen Monarchie auf dem Boden einer Verfassung zum Durchbruch zu verhelfen. Im Oktober desselben Jahres wird es soweit sein und Gourdan wird zusammen mit seinen Freunden Robespierre, Marat, Lafayette, Mirabeau und Sieyès in der Bücherei des säkularisierten Pariser Dominikanerklosters den ehemaligen Bretonischen Club neu als Klub der Verfassungsfreunde, die ›Jacobins‹, ins Leben rufen. 

Olympe lief unmittelbar nach der Rede erregt zu Simon, fiel ihm um den Hals und zeigte ihm, wie stolz sie auf ihn war. Ihm war das unangenehm vor all seinen Freunden, er lächelte verlegen und entwand sich ihren Armen. 

Sie gingen später zusammen in ihre Versailler Wohnung in den Boulevard du Roi. Als sie abends beisammen saßen, fragte Olympe Eduard plötzlich: »Liebst du mich nicht mehr?« 

»Doch, warum fragst du?« 

»Du wolltest nicht, dass ich dich umarme.« 

»Das hat nichts mit meiner Liebe zu tun.« 

»Mit was hat es dann zu tun?« 

»Im Amaury ging es um etwas Sachliches, um sachliche Politik, da haben Gefühle nichts zu suchen.« 

»Wenn du das Volk erreichen willst, musst du aber ihre Herzen, ihre Empfindungen erreichen, sonst erreichst du nichts. Du musst ihre Not und ihre Alltagsprobleme erspüren, das ist mit Verstand allein nicht zu machen.« 

»Sicher, der Mensch ist beides, Vernunft- und Gefühlswesen, aber alles zu seiner Zeit. In der Liebe dominiert die Gefühlswelt, in der Politik muss die Vernunft die Oberhand behalten.« 

»Du hast einen gefestigten, homogenen Charakter und möchtest, dass so auch die Welt ist: klar, vernünftig, überschaubar, unemotional. Aber so sind die Menschen nicht. Sie sind Licht und Schatten, sie sind vielschichtig und auch korrumpierbar und bestechlich. Das wirst du nicht aus der Welt bringen. Die Welt ist nicht tugendsam und unbefleckt.« 

»Die Menschen sind bestechlich und korrumpierbar, weil sie nur ihr persönliches Glück im Auge haben und nicht das Ganze. Die Vernunft muss tragendes Prinzip der Politik werden und Unbestechlichkeit die Politiker auszeichnen. Deswegen hat das Persönliche, das Gefühl in der Politik und dem politischen Handeln nichts zu suchen.« 

»Das ist menschenverachtend. Der Ausschluss des Menschlichen ist das Böse. Das persönliche Glück der Menschen muss das Ziel der Politik sein, sie muss dieses fördern und nicht unterdrücken. Wir brauchen starke, aber auch liebevolle Menschen an der Spitze des Staates, um dieses Ziel zu erreichen. Einen liebevollen Monarchen, der die Ordnung gewährleistet, in der nur das persönliche Glück gedeihen kann.« 

»Wir brauchen einen Monarchen, der die Wünsche des Volkes aufgreift und in ihrem Sinn handelt. Einen Monarchen, der für das Volk arbeitet und durch das Volk kontrolliert wird.« 

»Da bin ich anderer Ansicht. Wenn der König die höchste Verfügungsgewalt verliert, sprich: kein Vetorecht mehr hat, so wird damit der Weiterbestand der Monarchie Frankreichs in Frage gestellt. Keine Monarchie, keine Ordnung. Sucht man diese Grundsätze zu ändern, so stürzt man Staat und Vaterland ins Verderben.« 

»Das sind große Worte, Olympe. Wenn dann die Monarchie zugrunde geht, dann soll sie es. Das Volk wird sich selbst regieren können. Du wirst sehen, die Zeit wird kommen, und wir werden eine Republik werden.« 

»Das wird ein Gemetzel und Blut wird fließen in Strömen. Die Straßen werden gesäumt sein mit Piken, die die Köpfe der Opfer tragen werden. Willst du das?« 

»Nein, das will ich nicht. Aber wenn anders die Rechte des Volkes nicht durchgesetzt werden können, muss Widerstand gegen die ungerechten Verhältnisse erlaubt sein, ja zur Bürgerpflicht werden.« 

Olympe sah ihn nachdenklich an. Sie spürte seinen festen Willen, seine Kraft, die seinen Worten Nachdruck verlieh. 

»Wir sind in vielen Beziehungen unterschiedlich geartet, haben andere Anschauungen, einen anderen Charakter, andere Gewichtungen von Vernunft und Gefühl, aber ich weiß, dass du mich magst und verstehst. Darum empfinde ich auch so eine tiefe Zuneigung zu dir. Aber ich beschwöre dich, verbanne dein Herz nicht aus dem, was du tust«, sagte Olympe in mildem, versöhnlichem Tonfall. 

Olympe wollte die Diskussion heute nicht fortführen, sie spürte, dass ihre Meinungen auf diesem Gebiet auseinander lagen und keine Übereinstimmung zu erzielen war. Es gab genug anderes, das sie verband. Der vergangene Tag war lang und anstrengend, und es erschien ihr im Moment sinnvoller, sich den schönen Dingen des Lebens zuzuwenden, bevor der politische Streit die bis bisherige gute Laune in Mitleidenschaft ziehen konnte. 

»Komm, ich will dir etwas zeigen.« 

Sie nahm Eduard an die Hand, führte ihn durch den Flur und blieb vor einer geschlossenen hohen Tür im hinteren Teil der Wohnung stehen. 

»Öffne und tritt ein«, sagte sie schmunzelnd. 

Eduard trat in das Zimmer. In der Mitte des fast quadratischen Raumes standen ein Tisch, in den ein Schachbrett eingearbeitet war, und zwei mit rotem Seidenstoff bezogene Stühle. Vor dem großen, bis zum Parkett reichenden Fenster befanden sich eine Chaiselongue und ein zierliches, mit Schildpatt eingelegtes Tischchen, auf dem eine kunstvoll gearbeitete Uhr stand. An den Wänden standen hohe Bücherregale, angefüllt mit Büchern. 

»Ein schönes Zimmer«, sagte er und sah sie fragend an. »Deine Bibliothek?« 

»Ja, aber das ist es nicht, was ich dir zeigen wollte. Sieh dir das Regal hier rechts an der Wand einmal genauer an.« 

Er ging auf das Bücherregal zu, sah sich die Bücher an und las die Titel. Er stockte. Er kannte sie alle. 

»Das kann doch nicht wahr sein! Das sind meine Bücher!« Er sah Olympe fragend an. »Woher hast du sie? Das ist meine vollständige Bibliothek aus der Rue Pavée!« 

»Sie waren beschlagnahmt und ich habe sie alle zurückgekauft. Sie gehören dir. Du kannst sie mitnehmen, wenn du Platz hast, oder aber du lässt sie hier und kommst zu mir, immer, wenn dir ein Buch zu lesen gelüstet. Ganz wie du willst.« 

»Olympe, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Dass du das für mich gemacht hast! Du weißt, wie ich an den Büchern hing, ich hatte sie schon lange aufgegeben!« 

Er sah sie gerührt an. »Was bist du doch für eine Frau, ich fasse es nicht. Erst rettest du mir das Leben und dann auch noch, das Wertvollste, was ich besaß!«

»Überlege, was du sagst«, sagte Olympe lächelnd, »ist das wirklich, das Wertvollste gewesen, was du besessen hast. Was ist mit mir?« 

»Dich, liebe Olympe, kann man nicht besitzen, dich kann man nur lieben.«

 

Am nächsten Tag fuhr Eduard nach Paris zurück. Auf der Fahrt zu seiner Wohnung in die Rue de Gaillon unweit des Marché Saint-Honoré bemerkte er, dass ihm ein Cabriolet folgte. Als er vor seinem Haus aussteigen wollte, war der Wagen immer noch hinter ihm und hielt ebenfalls. Er befahl dem Kutscher weiter zu fahren und ließ ihn auf der befahrenen Rue Saint-Honoré halten. Er stieg aus, um zu Fuß zu seiner Wohnung zu gehen. Er schaute sich um, konnte aber kein Cabriolet mehr entdecken. 

Vielleicht ist es nur ein Zufall, dachte er. 

Aber dass von Versailles bis hierher ein Wagen ganz zufällig die gleiche Strecke fahren sollte, war äußerst unwahrscheinlich. An solche Zufälle glaubte er nicht.

 Ich muss besser aufpassen. Die Spitzel des Königs sind überall. 

Er hatte gehört, dass Generalleutnant de Sartine seinem Untergebenen, dem Leiter der Pariser Sittenpolizei, Marais, der die Spielhäuser, Theater und Bordelle, aber auch verdächtige Ausländer kontrollierte, den Befehl gegeben habe, verschärfte Kontrollen durchzuführen und die Spitzeltätigkeit auszudehnen. Marais behauptete: wo drei Personen sich treffen, bin ich dabei. Gerade jetzt, wo die Fundamente der Monarchie ins Wanken geraten sind, ist die Gefahr besonders groß, dachte Eduard. Zwar ist die Bastille nicht mehr da, aber der König hat noch genügend Gefängnisse für seine Feinde und illegalen Rückkehrer. 

Vorsichtig und mehrere Umwege nehmend näherte er sich der Rue de Gaillon. Die Straße war leer. 

Vielleicht leide ich doch unter Verfolgungswahn. 

Als er die Treppen zu seiner kleinen Wohnung hinauf ging, die er vor jetzt gut einem Monat bezogen hatte, wich die Angst von ihm. Er schloss sorgfältig die Tür hinter sich zu und setzte sich an seinen Schreibtisch, um noch einen Brief zu schreiben, der lange überfällig war.

  

Seit er wieder in Paris weilte, arbeitete Paul Simon, alias Eduard Dumont, als Arzt, wie er das die ganzen Jahre auch in Frankfurt schon gemacht hatte. Aber fast gleich viel Zeit wie für seine ärztliche widmete er seiner politischen Arbeit, die einen Großteil seiner Energie absorbierte und ihn innerlich mehr beschäftigte als alles andere. 

Er hielt im Schreiben inne, legte die Feder beiseite und sah durch das Fenster nach draußen. Die Sonne schien strahlend vom Himmel und die Luft war klar an diesem Oktobertag. Er verlor sich in seinen Gedanken. In Frankfurt hatte er, außer ein paar unbedeutenden Affären, keine längere Beziehung mit einer Frau gehabt. Er hatte Olympe keinen Augenblick aus seinem Herzen gelöscht und nie die Hoffnung aufgegeben, sie wieder in seine Arme schließen zu können, wenn er irgendwann mal wieder in Paris sein würde. Und dass er wieder nach Paris zurückkehren würde, daran gab es für ihn ebenfalls keine Zweifel. 

Als er sie dann in Saint Paul plötzlich vor sich sah, und er in ihrem Blick erkannte, dass sich zwischen ihnen nichts geändert hatte, war sie ihm so vertraut, als ob sie sich nie getrennt hätten. Sie war schöner denn je und hatte nichts von ihrer erotischen Ausstrahlungskraft verloren. Im Gegenteil, sie schien ihm begehrenswerter als jemals zuvor, und er wusste nicht, ob dies der langen Trennung oder Olympes gereifter Schönheit geschuldet war. 

Sie ist anziehend, ihre Sinnlichkeit unverhohlen, direkt, manchmal hochmütig. Ihr Blick kann in bestimmten Momenten etwas Raubtierhaftes, Sieghaftes annehmen, so als ob sie sich ihrer Beute absolut sicher ist. Sie sagt, ich will, und darin schwingt mit, du wirst auch wollen, du weißt es nur noch nicht, dass du willst. Aber das ist nur ein unvollständiges Bild. Lässt sich überhaupt ein Porträt von ihr malen? Sie lässt sich nicht festlegen. Irgendetwas in ihrem Blick verkündet in anderen Augenblicken von der Möglichkeit des Begehrens, von Zärtlichkeit und auch der Liebe, der bedingungslosen Liebe. Einer Liebe, die Lust, Begehren und tiefe Seelenverbindung einschließt. Eine Berührung von ihr kann ein Feuer entfachen. Ein Atemhauch von ihr kann den Leib vibrieren lassen. 

Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe, sagte er laut zu sich selbst, und es ist auch immer etwas Vernunft im Wahnsinn. Aber Liebe ist auch noch etwas ganz anderes: eine innere Haltung, die es ermöglicht Unterschiede anzuerkennen. Ist Verliebtheit ein Entweder-oder, so ist Liebe ein Sowohl-als-auch, ein Ringen um den Erhalt des Gemeinsamen. Und dieses Gemeinsame will ich erhalten, Olympe. 

Eduard redete laut vor sich hin, so, als ob Olympe vor ihm stehen würde. 

Es ist das Mitgefühl, das Mitleid mit geschundenen Kreaturen, der Kampf gegen Ungerechtigkeit, der Kampf um Freiheit, die du so liebst wie ich selbst auch. Und ich will mit dir um die Freiheit des weiblichen Geschlechts kämpfen, auch wenn ich weiß, dass meine männlichen revolutionären Mitstreiter nicht viel davon halten. 

Was trennt uns? Ja, sicher es gibt Unterschiede, sowohl im Charakter wie auch in den politischen Ansichten. Sind sie akzeptierbar, tolerierbar? Die Zeit ist verdammt schnell. Menschen, die mehr auf sich schauen als die Entwicklungen zu analysieren, sind in Gefahr, von den Geschehnissen überrollt zu werden. Der innere Kompass ist kein verlässlicher Partner mehr und zeigt oftmals Wege, die es gar nicht mehr zu begehen gibt. Für Olympe sehe ich diese Gefahr. Sie bewegt sich nicht im Jetzt. Entweder sie hinkt mit ihren Gedanken den Ereignissen hoffnungslos hinterher, oder aber sie denkt visionär in die Zukunft. In beiden Fällen koppelt sie sich von der Gegenwart ab. Beides ist gefährlich in einer Zeit zunehmender Radikalisierung, die Andersdenkende schnell zu Feinden stempelt. 

Eduard erinnerte sich, was Olympe ihm über ihre Kindheit und Jugend erzählt und was er selbst in ihren Memoiren gelesen hatte. Sie ist aufgewachsen, eingekeilt zwischen zwei Welten: einerseits die Welt ihres Vaters, des Marquis, die ihr verwehrt wurde, die aber in ihren Gedanken und ihrem inneren Gefühlsleben eine eigene Realität bildete, andererseits die Welt des Kleinbürgers, repräsentiert durch ihre Mutter und ihren Stiefvater, deren Existenz ihrem äußeres Leben Gestalt gab. Und darüber hinaus ist sie geprägt durch eine doppelte Zurückweisung: die Mutter verwehrte ihr den Zugang zu der Welt des Adels und des Großbürgertums und zwang sie in eine ungewünschte Ehe; ihr leiblicher Vater, der Marquis, verwehrte ihr die Anerkennung als ein Kind seines Standes. Diese Konstellation, spann Eduard seine Gedanken fort, war für sie sicher sehr belastend und hat möglicherweise dazu geführt, sich selbst als einzige Instanz zu sehen, der sie vertrauen konnte, sich als Einzelkämpferin, die sie immer war und bleiben wird, in dieser Welt durchzuschlagen. Sie ist beseelt von Mut und Wut, von einem großen, starken Selbstgefühl, das ohne Narzissmus und ohne eine auf sich selbst gerichtete Schonungslosigkeit nicht überleben kann. Sie ist auf der ewigen Suche nach eigener sozialer und sexueller, vom Mann unterschiedener und nicht vom Mann definierter Identität. Ihre Lebensplanung ist nie abgeschlossen, sondern sie wird immer wieder neu diskutieren und durchdenken, wie ihr Leben weiter gehen soll. Aber immer wird es bei ihr um Anerkennung gehen und die Frage: wie werde ich wahrgenommen? 

Ja, wie wird sie wahrgenommen, wie nehme ich sie wahr? Als er das überlegte, tat er sich schwer, sie einzuordnen. 

Sie zeigt jedem ein anderes Gesicht, dachte er. Als Frau verkörpert sie die Macht der erotischen Fantasie. Sie ist eine Frau, in deren Umgebung Männer zu glühen beginnen oder auch verbrennen. Unter ihrer eleganten Oberfläche lauern aber nicht nur ihre erotischen Begabungen, sondern auch ihre aggressiven Triebe, die sie gegen sich selbst und andere richten kann. Das wird sichtbar in ihrer Unberechenbarkeit und Impulsivität, die jeder, der mit ihr länger zu tun hatte, schon zu spüren bekommen hat – auch ich selbst, stellte Eduard schmunzelnd fest. Aber ist es nicht das, was ich an ihr so liebe? Ist es nicht vielleicht das, was mir fehlt? 

Ich stelle mich nach außen gern als Vertreter der Vernunft dar, wie das Olympe richtig gesehen hat, überzeugt von der Vorstellung, die Menschen und die Welt seien rational und vernünftig. Und weil beides von rationalem Geist durchdrungen ist, können beide also auch rational verwaltet und kontrolliert werden. Aber ist das richtig? Oder ist das nur die halbe Wahrheit? Ist nicht vielleicht das Menschenbild Olympes näher an der Wirklichkeit? Ich muss unter das oberflächliche Äußere sehen, nur so gelange ich, gelangt der Mensch überhaupt zur Wirklichkeit, zur Wahrheit des Menschen und des Menschseins. 

Eduard erinnerte sich an eine hitzige Diskussion, der er erst neulich im Salon von Baron d‘Holbach beigewohnt hatte. Es ging um die Schrift von Kant: Was ist Aufklärung?, die er schon in Frankfurt eingehend studiert hatte. Kant sagte darin: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. 

Olympe hat Mut und Verstand und schöpft beides aus sich selbst heraus, ist also in Kants Sinne mündig ... und doch ist sie eingewoben in das feine Netz ihrer Vergangenheit, ihrer Erziehung und kann sich von diesen verwirrenden Abhängigkeiten ihrer Herkunft nicht lösen. Es fällt ihr schwer sich von dem Glanz des Adels, sich von dessen maskenhaften Äußerlichkeiten zu lösen, und das Unrecht dieses Standes gegenüber dem französischen Volk anzuprangern. Sie glaubt nicht an die Möglichkeit der Mündigkeit des Volkes, deren Voraussetzung seine Freiheit ist. Und deswegen hat sie Zweifel, dass das Volk seine Geschicke selbst in die Hand nehmen könne – wie so viele aus dem bürgerlichen Lager, ganz zu schweigen vom Adel. Und das steht nun in völligem Gegensatz zu meinen Einstellungen. Ich bin überzeugt, dass das Volk, wenn es frei und aufgeklärt ist, auch sein eigener Souverän sein kann.

Eduard suchte verzweifelt nach einem Begriff, nach Worten, die ihm Olympe verstehbar machen könnten. Aber es gelang ihm nicht und er kam zu dem Schluss, dass sie rational nicht zu begreifen war, dass ihr Inneres sich ihm zu großen Teilen verschloss. Sie stand weder links noch rechts, sie war weder progressiv noch reaktionär. Sie war mal das, mal jenes. Sie agierte ganz als Mensch, ungeschützt und angreifbar. Sie war nicht nur rational nicht zu greifen, sondern auch politisch schwer zu durchschauen.

 

 

 




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© Henning Schramm