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Neu: Das Buch über Olympe de Gouges und die Französische Revolution

'Warum nicht die Wahrheit sagen'

ist jetzt auch zum günstigen Einführungs-preis von nur 2,99€ als E-Book erhältlich.

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Neu: Flammenbilder ist jetzt auch als E-Book zum günstigen Einführungspreis von nur 1,99€ erhältlich.

 

Neu: Der Frauenakt ist jetzt auch zum günstigen Einführungs-preis von nur 1,99€ als E-Book erhältlich.

 

 

(Käthe Kollwitz)

 

Die rechtsradikalen Umtriebe bleiben, wie Halle wieder einmal in aller Brutalität gezeigt hat, aktuell und explosiv.

Lesen Sie zu dieser Thematik meinen Roman 
     FLAMMENBILDER

und den Essay

Mehr Mut braucht die Gesellschaft.

 

Als Literatur zu dieser Thematik empfehle ich auch Madeleine Albright: Faschismus. Eine Warnung.

(Eine kurze Buch-besprechung finden Sie hier unter Buchbesprechungen.)

Banken-crash und Finanzkrise

2008

 

 

 

Es ist jetzt über 10 Jahre her, dass die Finanzkrise die Welt erschütterte ... und wie wenig ist seither passiert.

Zu diesem denkwürdigen Geschehen von damals möchte ich Sie an meinen Roman Paula M. erinnern, in dem ich, so die Wetter-auer Zeitung vom 1. 12. 2012, "einen sezierenden Blick auf die Gesellschaft und ihre Eliten werfe, die die Welt im Jahr 2008 in eine wirtschaftliche Kata-strophe geführt haben. In den Personen spiegeln sich die existenziellen Anfecht-ungen und Herausfor-derungen der Menschen in einer von ökonomischen Interessen überlagerten Welt..."

Weiter empfehle ich dazu meinen Essay: Demokratischer Marktsozialismus. Ansätze zu einer bedürnisorientierten sozialen Ökonomie.

 

Theodor W. Adorno in Frankfurt bei einem Vortrag im Studierenden Haus im Jahr 1968.

Anlässlich des Jubiläums 50 Jahre 1968er

empfehle ich Ihnen/Euch als Lekture meinen Essay:
Wirkungsgeschichte und politische Rezeption der Kritischen Theorie in den 60er Jahren.

 

Besuchen Sie auch meine Autorenseite Henning Schramm  auf Facebook. Ich würde mich freuen, wenn sie Ihnen gefällt.

Ich bedanke mich über das rege Interesse an meiner Homepage mit jetzt über 160.000 Besucherinnen und Besuchern.

Wirkungsgeschichte und politische Rezeption der Kritischen Theorie in den 60er Jahren.

(Henning Schramm, Vortrag an der Frankfurter Universität vom 12. 8. 2012) 


Welche Attribute verbindet man heute mit der Goethe Universität? In der April-Ausgabe von UniAktuell wurden die Ergebnisse einer Befragung dazu veröffentlicht. Am häufigsten, weit vor allen anderen Nennungen, wurde die Frankfurter Universität mit „Frankfurter Schule“ assoziiert. Das finde ich durchaus bemerkenswert. Sie ist also scheinbar auch im Jahr 2012 noch fest in den Köpfen Vieler verankert. Die Frankfurter Schule bedeutet in erster Linie Kritische Theorie der Gesellschaft und Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse. In der ’Negativen Dialektik‘ (S. 216) schreibt Adorno: „Das Übel ist nicht, daß freie Menschen radikal böse handeln, … sondern, daß noch keine Welt ist, in der sie, wie bei Brecht aufblitzt, nicht mehr böse sein brauchen.“ Daraus kann man durchaus die Forderung lesen, die gesellschaftlichen Verhältnisse so zu verändern, dass man nicht mehr böse sein braucht. Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts haben viele das dann auch versucht.

Wenn ich hier über die gesellschaftspolitische Wirkungsgeschichte der kritischen Theorie schreibe, maße ich mir nicht an, ein umfassendes Bild der Wirkungen der Frankfurter Schule auf die bundesrepublikanische Gesellschaft bis heute geben und alle Facetten der Rezeption in Deutschland ausleuchten zu können. Ich möchte mich hier in erster Linie darauf beschränken, wie sich der Geist dieser Theorie in Frankfurt ausgewirkt hat, wie er von der Universität auf die Frankfurter Straßen und Plätze und von dort auch in viele andere Gegenden Deutschlands getragen wurde. Wie er dann später auch Eingang in viele Institutionen (Stichwort: der lange Marsch durch die Institutionen) gefunden hat und vor allem, wie er das Denken vieler Menschen – und das nicht nur in Frankfurt – seit dieser Zeit beeinflusst, ja vielleicht sogar revolutioniert hat. Ich neige zu letzterer These. Es ist schwer, das Geschehen dieser Zeit zu charakterisieren – war es eine Revolution, eine Revolte oder nur ein Aufbegehren der Jugend gegen den überlebten Geist der Altvorderen, der Generation die vom Faschismus geprägt war? –, aber das Geschehen hatte, aus meiner Sicht, eine tiefgreifende Änderung der Perspektive, der politischen Kultur, des Demokratieverständnisses zur Folge. Die Wirkungen sind meines Erachtens also mehr in den „Soft-Skills“ zu suchen und zu finden, als in den „harten“ Fakten von gesellschaftlichen Strukturen. Oder wie Alexander Kluge, der sich selbst als „Poet der Kritischen Theorie“ bezeichnete, in einem Interview sagte: „Diese Theorie ist … ein Haltung“ (UniReort 3/12, S. 5). Sie hat bewirkt, dass sich die Haltung der Menschen geändert hat, die Haltung der Menschen gegenüber sich selbst, gegenüber anderen Menschen und der Gesellschaft und gegenüber der Welt insgesamt. Doch dazu später mehr.

Man kann die 1968er Zeit und das Geschehen in dieser Zeit nur verstehen, wenn man sich kurz vergegenwärtigt, durch was die deutsche Wirklichkeit bis dahin geprägt war, welche Verdrängungsebenen die Fünfziger- und Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts das Bewusstsein der Menschen überlagerten. Auch wenn der Kriegsgeneration das Verdrängen der eigenen Nazi-Vergangenheit in den 60er Jahren durch den ‚Eichmann-Prozess‘, der vom 11. April bis 15. Dezember 1961 in Jerusalem stattfand, wie auch durch die drei Prozesse gegen Mitglieder der Lagermannschaft des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz vor dem Schwurgericht in Frankfurt am Main in den Jahren 1963–65 (1. Auschwitzprozess), 1965/66 (2. Auschwitzprozess) und 1967/68 (3. Auschwitzprozess) zunehmend erschwert wurde.
Auf dem Hintergrund der ökonomischen Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik und der damit einhergehenden konsumtiven Sinnenräusche kamen in dieser Zeit noch zwei weitere charakteristische Verhaltensebenen hinzu: erstens, die Verdrängung der Dimension des Politischen aus dem privaten Leben; und zweitens der ordnungsorientierte Konservativismus und parallel dazu die Repression von Sexualität und Lebenslust in der Öffentlichkeit.
Sex war eingezwängt in die Moralvorstellungen und Gesetzestexte aus dem 19. Jahrhundert. Das sexuelle Leben und die Sinnenfreuden gründeten noch auf den morsch gewordenen Kodizes des Vorkriegsbürgertums: männerdominiert, bieder, prüde, verlogen, strengen Normen unterworfen.
Politik galt als ein Tätigkeitsfeld, bei dem man sich leicht schmutzige Finger machen konnte, und aus der man sich am besten so weit als möglich heraushalten sollte. Politik wurde natürlich trotzdem gemacht. Von Adenauer und seiner rechten Hand, dem braunen Staatssekretär Globke, seines Zeichens ehemaliger Kommentator der Nürnberger Rassengesetze beim Innenministerium Hitlers zum Beispiel. Oder auch von dem im März 1961 frisch gewählten Vorsitzenden Franz-Josef Strauß. Die Dimension des Politischen verengte sich in diesem Jahrzehnt auf wirtschaftlichen Erfolg und den militärischen Komplex – Aufrüstung, Kalter Krieg – und die Restauration vergangener Werte und Ordnungen. Das Weltbild war schwarz-weiß, egoistisch und national gefärbt. Die Elterngeneration der damaligen Jugend verschloss sich noch erfolgreich den Skandalen dieses Jahrzehnts, des Jahrzehnts der 1960er Jahre. Hierbei handelte es sich in erster Linie um
- die Unterdrückung der gesellschaftlichen und sexuellen Selbstbestimmung der Frauen, trotz derer Nachkriegsleistungen und des schleichenden Verlustes der Autorität der Väter (den Alexander Mitscherlich 1963 in seinem Buch Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft aufarbeitete);
- die Verdrängung der Verantwortung für den Holocaust; Verharmlosung der Aktivitäten der alten und neuen Nazis in Deutschland;
- die Ausplünderung der Dritten Welt - in den 60er Jahren wurden viele Kolonien in Afrika selbständig und rückten diese Problematik in den Fokus der Aufmerksamkeit;
- die Unterstützung diktatorischer Regime: z. B. in Brasilien (Branco, 1964), Indonesien (Suharto, 1965), Griechenland (Militärdiktatur, 1967);
- die Hochrüstung und Militarisierung im Schatten des kalten Krieges;
- die Unfähigkeit der Gesellschaft und Politik, sich Neuem zu öffnen, es aufzunehmen und zu verarbeiten und
- das Niederhalten des studentischen Engagements.

1966 wurde Kurt Georg Kiesinger, ein ehemaliges Mitglied der NSDAP, Bundeskanzler einer sozial-liberalen Koalition. Willy Brand, der im Widerstand war, wurde Außenminister. Eine interessante Konstellation. Die unverbrüchliche Front der Adenauer-Ära – mit den Schlagworten „keine Experimente“ und “Freiheit statt Sozialismus“ – begann mit ihm zu bröckeln, aber auch der Wirtschaftswundermotor kam in dieser Zeit erstmals ins Stottern.
Die Welt, in der die Jugend damals lebte, war jedoch nicht bereit oder noch nicht in der Lage, den Schutt der Vergangenheit beiseite zu räumen. Ohne deren Beseitigung aber blieb der Blick für einen Neuanfang und für tragfähige Zukunftsperspektiven versperrt. Es lag quasi in der politischen Luft, dass es so nicht weitergehen konnte. Die Ungerechtigkeit der Welt lag gewissermaßen auf der Hand und viele wollten diese Zustände nicht länger akzeptieren. Die Kritik an der bestehenden Gesellschaft wurde lauter und radikalisierte sich.
Als eines der theoretischen Konzepte, das die Kritik an dem Bestehenden, an der sozialen und politischen Wirklichkeit in den Mittelpunkt seines Interesses gestellt hatte, galt die Kritische Theorie. Sie traf mit ihren Schriften von Horkheimer, Adorno, Habermas, Marcuse den Nerv der Zeit.
Was waren die Eckpfeiler dieser Theorie, die insbesondere in Frankfurt so große Resonanz fand?
Zum einen war der Ausgangspunkt der Kritischen Theorie, die gesellschaftlichen Verhältnisse so nicht zu akzeptieren und sie einer radikalen Kritik zu unterwerfen, die an den Lebens-interessen der Menschen und nicht den Kapital-interessen orientiert ist. „Theorie im Sinne der Kritischen Theorie ist immer von Lebensinteressen gespeist“, so Alexander Kluge in seiner Frankfurter Poetik Vorlesung.
Zum anderen war es der allgemeine Gegenstand der ‚Kritischen Theorie‘ selbst, nämlich die Reflektion und kritische Analyse der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, die Aufdeckung ihrer Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen und die Entlarvung ihrer Ideologien, mit dem Ziel einer vernünftigen Gesellschaft mündiger Menschen.
Die Dialektik der Aufklärung bedeutet also eine radikale und fundamentale Kritik an der westlichen Gesellschaft und an westlichem Denken. Solange sich die sozialen Verhältnisse nicht drastisch änderten, konnte die „traditionelle“ Philosophie nur eine begrenzte Rolle spielen und förderte den Rückfall der Aufklärung in Mythologie.
De facto behandelt die Frankfurter Schule jeden Versuch der positivistischen Fachwissenschaft, auf der Basis der bestehenden gesellschaftlichen Fakten Wissenschaft zu betreiben, als Instrumentalisierung oder Affirmation des Bestehenden. Diese Wissenschaft tue so, als ob diese Fakten, in denen sich das Unrecht gesellschaftlicher Herrschaft verberge, naturgegebene Tatsachen seien, aber sie sind von Menschen gemacht. Dieses Unrecht kann deswegen nur entschlüsselt werden, wenn man die gesellschaftliche Konstitution der sozialen Tatbestände kritisch reflektiert. Und das heißt unter den gegebenen Umständen: entschiedene Negation des Bestehenden. „Negation und nicht die verfrühte Suche nach Lösungen ist das wahre Refugium der Wahrheit.“ (Martin Jay, Dialektische Phantasie S. 308)
Aber nicht nur Kritik und Negation der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern auch die allgemeinen inhaltlichen Schwerpunktthemen, mit denen sich die Kritische Theorie beschäftigte, nämlich Ökonomie, die Entwicklung des Individuums und die Kultur, kamen den Bedürfnissen der Jugend der damaligen Zeit entgegen. Alle drei Themenbereiche trafen den Geist der rebellischen Zeit und koinzidierten mit den Themen, mit denen sich die Studierenden, zumindest die Studierenden der Geisteswissenschaften, ohnehin beschäftigen.
Steigt man etwas detaillierter in die Problemfelder der Kritischen Theorie ein, so ergeben sich weitere weitreichende Übereinstimmungen zwischen ihr und den damals auf den Nägeln brennenden Konfliktfeldern, was zu einem erheblichen Teil die damalige Attraktivität der Frankfurter Schule erklären dürfte.
Ich möchte an dieser Stelle einige der wichtigsten Problemfelder, die die 68er Bewegung wie auch die Kritische Theorie beschäftigte, stichwortartig aufzählen. Sie können nicht mehr als einen groben Überblick über die inhaltliche Ausrichtung der 68er-Bewegung geben, sie zeigen aber doch auch die große Bandbreite der Auseinandersetzungen an, die die Gesellschaft damals prägten. Berührungspunkte der Kritischen Theorie und der 68er Bewegung waren:
1. Der autoritäre Staat, die autoritäre Persönlichkeit, Reflexion über Autorität überhaupt, Stichwort: antiautoritäre Bewegung
2. Antisemitismus, Faschismus
3. Kapitalismuskritik, Stamokap (Staatsmonopolistischer Kapitalismus), Bedeutung der Arbeit, Klassenkampf, die Auseinandersetzung mit dem Marxismus
4. Herrschaft/ Herrschaftsstrukturen, Stichwort: strukturelle Gewalt
5. Ausbeutung, Imperialismus, Dritte Welt, militärisch-industrieller Komplex
6. Massenkultur, Konsumterror, Kulturindustrie
7. Trennung Subjekt – Objekt, Verdinglichung („jede Verdinglichung ist Vergessen“), Tauschbeziehungen, instrumentelle Vernunft
8. Bildung, insbesondere frühkindliche Sozialisation; Wichtigkeit der Entwicklung einer selbstbewussten Persönlichkeit, die Autoritäten zu widerstehen vermag; Differenz/ Stärkung der Person gegenüber einer repressiven Egalität des Totalitarismus / Mehrdimensionalität des Menschen (Stichwort: Herbert Marcuse, Der Eindimensionale Mensch)
9. Emanzipation, Frauenbewegung/Emanzipation der Frau („mein Bauch gehört mir“)
10. Repression, Triebunterdrückung, Asketismus vs. sexuelle Befreiung, lustvolles Leben, Anerkennung der Homosexualität, Skepsis gegenüber den traditionellen Institutionen wie Familie, Ehe usw.
11. Diskussions- und Diskurskultur; Distanz gegenüber über der Anziehungskraft, welche die herrschende Realität ausübt: nichts muss so hingenommen werden, wie es erscheint, alles darf hinterfragt, muss begründet, reflektiert werden.

All dies wurde heftig und ausdauernd und meist auf sehr hohem theoretischem Niveau diskutiert. Aber diese Diskussionen blieben nicht im akademischen Raum, sondern wurden in den politischen Raum hinein getragen. Man wollte nicht nur reflektieren und analysieren sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern. ('Alles Politische ist privat und alles Private ist politisch.')
In Frankfurt entlud sich die Praxis im Häuserkampf im Westend, gegen Wohnraumspekulation und -vernichtung; in der Solidarität mit der Arbeitswelt, indem viele junge Männer und Frauen in Fabriken, z.B. Opelwerke, gegangen sind; in Demonstrationen gegen die Ausbeutung der Dritten Welt und den Vietnamkrieg und auch in Demonstrationen für ein neues Hessisches Hochschulgesetz mit paritätischer Mitbestimmung, das von dem Hessischen Kultusminister Ludwig von Friedeburg (1969-1974) Anfang der 70er Jahre verantwortet wurde. Bevor von Friedeburg, selbst ein Soziologe, Kultusminister wurde, war er am Institut für Sozialforschung tätig, er war also selbst ein Vertreter der Frankfurter Schule.
In den 1970er-Jahren setzte er sich als hessischer Kultusminister für mehr Chancengleichheit durch Bildung ein. Gilt heute die Mitbestimmung, wenn auch nicht die paritätische, der studentischen Vertreter als relativ normal, galt die Forderung nach paritätischer Mitbestimmung der Studenten (Drittelparität zwischen Studenten, Mittelbau und Lehrstuhlinhabern) damals als äußerst explosiv.
In meinem Buch „Innenansichten“ (Verlagshaus Monsenstein & Vannerdat, Münster 2008) in dem es um autobiografischen Rekonstruktionen geht, habe ich versucht, die Stimmung in Frankfurt Ende der 60er Jahre einzufangen. Hierzu eine kurze Passage (S. 171-174):

„Die vom Krieg arg zerzauste Bankenmetropole Frankfurt war damals beherrscht von einer ansteckenden wirtschaftlichen und politischen Dynamik. In der kapitalgerecht wieder aufgebauten Stadt rief die von Profitinteressen angetriebene galoppierende Wohnraumzerstörung, vor allem im Frankfurter Westend, den Widerstand der Studierenden, die die Wohnungsnot unmittelbar zu spüren bekamen, hervor. Das Kapital, verkörpert durch Spekulanten auf dem Immobilienmarkt, traf auf die sich herausbildende antiautoritäre Studentenbewegung, die sich diesen im Häuserkampf im Westend entgegenstellte. Hinzu kamen die Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg und die Ausbeutung der Dritten Welt, die seit dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April dieses Jahres flächenbrandartige Ausmaße angenommen hatten. Die Stadt und noch mehr die Universität waren politisch aufgeladen. Eine »VauVau« (so das Kürzel für studentische Vollversammlung) in dem legendär gewordenen Hörsaal VI jagte die andere. Tagungen von Arbeits- und Diskussionsgruppen im Kolbheim am Beethovenplatz (so zum Beispiel die Sitzung des SDS kurz vor der nächtlichen Besetzung des Seminars in der Myliusstraße mit Habermas, Mitscherlich, von Friedeburg, Oevermann, den Gebrüdern Wolff, Krahl, Riechmann, Knapp u.a.). Sit-ins und Teach-ins wurden beschlossen und durchgeführt. Professoren wurden in nicht endende politische Diskussionen verwickelt oder durch extensiv gestreckte Diskussionsbeiträge daran gehindert, ihre Vorlesungen zu halten. Auch schreckten manche Aktivistinnen nicht vor sexuellen Provokationen zurück, wie zum Beispiel die berühmt-berüchtigte Aktion einiger Studentinnen, die mit entblößten Brüsten die Vorlesung von Adorno störten und ihn, den Feingeist, brüskiert hatten. Seminare und Vorlesungen von missliebigen Professoren wurden boykottiert oder besetzt. Einzelne Seminarveranstaltungen wurden in Privaträume verlegt, um die universitäre strukturelle Herrschaft zu unterwandern, wie es damals hieß. Privatheit wurde deprivatisiert, Öffentlichkeit privater Verfügungsgewalt unterworfen. Rückzug in Privatheit war verpönt, galt als spießig, kleinbürgerlich ... Wie viele andere meiner Generation war ich durch den Vietnam-Krieg politisch bewusster geworden. Die täglichen Horrormeldungen, brennende Kinder, Massaker in My Lai, B-52-Bomber über dem geschundenen Land, tägliche Todesmeldungen von Amerikanern und Vietnamesen, vor allem Vietnamesen (über zwei Millionen Tote sollten es bis Ende des Krieges werden), störten empfindlich mein Gerechtigkeitsgefühl und Demokratieverständnis. Mein Mitgefühl für die Unterdrückten wurde geweckt und erstreckte sich nicht nur auf die gesamte Dritte Welt, sondern auch auf die sozial Benachteiligten in unserer eigenen Gesellschaft. Ich suchte nach Ursachen, Strukturen und nach Lösungswegen aus diesem Unrecht ... In diesen Tagen, in denen ich dies aufschreibe, sagte Hans Schwert, ein Frankfurter Antifaschist und Widerstandskämpfer gegen Hitler, der gerade seinen hundertsten Geburtstag feierte: »Ein gerechtes System kann nur entstehen, wenn die Menschen ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen.« Diese Einstellung war für viele von uns die einzig mögliche Handlungsalternative geworden. Auch für mich. Wir mussten uns selbst aus dem Schlamassel ziehen. Der Staat konnte unsere Erwartungen nicht mehr erfüllen. Er war zum Handlanger des kapitalistischen Systems geworden, wie das die hoch im Kurs stehende Stamokap-Theorie formulierte. Diese Theorie hatte natürlich keinen Alleinvertretungsanspruch. Unter dem Kürzel APO (Außerparlamentarische Opposition) entwickelten sich eine Unmenge von linken Gruppen und Kleinorganisationen, die alle für sich in Anspruch nahmen, die Wahrheit zu kennen – oder zumindest auf dem richtigen Weg dorthin zu sein. Marxisten, Trotzkisten, Leninisten, Maoisten, Spartakisten, Stalinisten, DDR-gläubige DKPler, SDS, Anarchisten, Spontis ...
Die Verdrängungen der Sechzigerjahre sind in dieser Zeit aufgebrochen und richteten sich mit Vehemenz gegen diejenigen, die verdrängt hatten. Dies vollzog sich nicht ohne Verletzungen gesetzlicher Normen und nicht, ohne menschliche Wunden zu schlagen. Die Leidenschaft, der Einsatz, das persönliche Engagement waren hoch und bemächtigten sich des ganzen Menschen. Die Zeit hinterließ unauslöschliche Spuren in der Gesellschaft ...
Es war eine Zeit der Neuorientierung für mich und eine Zeit des Umbruchs für diejenigen, die zu lange an der Ordnung von Gestern festgehalten hatten. Einer Ordnung, die für die Naziverbrechen mitverantwortlich war. Eine unerträgliche Ordnung die jetzt, Ende der Sechzigerjahre beseitigt wurde, wenigstens teilweise. Wir, ich eingeschlossen, die Franz Josef Strauß einmal als »verdreckte Vietcong-Anhänger, die da öffentlichen Geschlechtsverkehr treiben« bezeichnet hatte, begannen die Bruchstücke der Vergangenheit zu identifizieren und versuchten sie neu zu ordnen. Freiheit, die wir meinten, zu leben. Autoritäten, die für die unglückselige Vergangenheit standen, wurden in Frage und Autorität als solche wurde auf den Prüfstand gestellt, wieweit und in welcher Form sie mit unserer Republik verträglich war. Befreiung lag in der Luft, Befreiung von allen Fesseln. Man konnte sie förmlich riechen, spüren, mit den Händen fassen. Es war eine dramatische, sinnliche Zeit.
Die im Gefolge der 1961 in Deutschland zugelassenen Anti-Baby-Pille, die sich liberalisierenden sexuellen Einstellungen, die Mitte der Sechzigerjahre nach Anlaufschwierigkeiten größere Teile der Jugend erfassten, und die sexuelle Aufklärung, die in den 1968ern durch Oswalt Kolle mit seinen aufklärerischen, aus heutger Sicht spießigen Filmchen wie Wunder der Liebe einen Höhepunkt erreichte, fassten natürlich auch in den linken studentischen Milieus Fuß und fielen dort auf fruchtbaren Boden. Sexualität wurde hier bewusster gelebt, erlebt und diskutiert als anderswo. Die bürgerlichen und katholischen Fesseln der Sexualtät wurden abgestreift (Papst Paul VI. wetterte in diesen Monaten gerade mal wieder mit seiner Enzyklika »Humanae vitae« gegen die Trennung von Geschlechtsverkehr und gottgewollter Fortpflanzung). Die Studentenbewegung spielte und provozierte mit Sexualität und sexuellen Posen als Mittel zum Zweck des politischen Kampfes – und aus Lust am Experiment. Nichts war mehr selbstverständlich, alles war fließend, wurde hinterfragt, in Frage gestellt, angeprangert: die verkrusteten staatlichen Strukturen, die Atomkraft, die Umweltzerstörung, die Aufrüstung und die Unterdrückung der Dritten Welt, der Militarismus. Es wurde gestritten für mehr Demokratie, für mehr Solidarität und Mitgefühl für die Unterdrückten und Diskriminierten dieser Welt, für mehr sexuelle Selbstbestimmung, für Gleichberechtigung, für das Recht der Frau, über den eigenen Körper selbst bestimmen zu können, für die Emanzipation der Frau und der Homosexuellen. Es wurden Konventionen durchbrochen, um Freiräume zu schaffen für neue Lebensformen und Verhaltensstile. Ich will nicht richten, den Finger auf die Wunde legen aber schon.

Im Nationalsozialismus überwog ein Klima der Angst, getragen von Menschen, die sich vor eigenen, individuellen Entscheidungen fürchteten und Verantwortung, vielleicht sogar ihr Gewissen, auf ein politisches System übertrugen und ihr menschliches Mitgefühl einbüßten. Die Sechzigerjahre wurden geprägt von der Furcht des persönlichen Scheiterns, vor sozialem Abstieg. Schwäche zu zeigen oder zuzugeben galt als Makel. Ähnlich wie bei den Nazis tendierten die Menschen dazu, individuelle Verantwortung abzuwälzen und an politische Systeme abzugeben (ich verbrenne mir doch nicht die Finger, die da oben werden schon das Richtige machen). Die Menschen der Republik schwammen in dieser Zeit in einem Meer Gleichgesinnter, die sich nur durch den Grad der Pflichterfüllung unterschieden – und auf einer Schaumkrone des wirtschaftlichen Erfolgs.
Die Fußstapfen, die sie an ihren neuen Ufern hinterließen, versandeten, spurenlos und haltungslos. Sie wiesen denjenigen, die nicht einfach den Weg aus der gebrandmarkten Vergangenheit in die Zukunft extrapolieren wollten und konnten, keinen gangbaren Pfad in eine lebenswerte Zukunft.
Genau diese Haltungen der Generation, die die Nazi-Zeit bis in die Sechzigerjahre geprägt hatte, wollten wir, wollte auch ich, durchbrechen. Wir versuchten, persönliche Verantwortung zurückzugewinnen und in politische Macht umzumünzen, den Spielraum individueller Entscheidungsgewalt zu vergrößern, die Macht der Staatsautoritäten und des Staatsapparats einzudämmen. Wir versuchten, Furchtlosigkeit vorzuleben, keine Angst vor dem Scheitern zu zeigen, die Existenzgrundlagen der Schwachen zu stärken und ein Gewissen, das Nein sagen und Widerstand leisten kann, zu entwickeln.“

Was sind nun neben den unmittelbaren Einflüssen auf die 68er Bewegung, insbesondere in Frankfurt, die mittelfristigen und langfristigen Nachwirkungen der Kritischen Theorie auf die bundesrepublikanische Wirklichkeit?
Wie ich schon eingangs sagte, sehe ich die Wirkungen überwiegend in ‚weichen Faktoren‘, also auf der schwer fassbaren geistigen, kulturellen Ebene, wie z.B. in der Umwertung der Werte, in der Veränderung des normativen und des praktischen Verhaltens der Menschen in der Gesellschaft. Das heißt natürlich nicht, dass sie sich nicht auch in gesellschaftlichen Institutionen ausgewirkt hat, aber eben in weit schwächerem Maß. Dass sich jedoch Forderungen und Inhalte der 68er Bewegung – und damit auch der Kritischen Theorie – nachhaltig auf die Bundesrepublik ausgewirkt und die Gesellschaft sich in den darauf folgenden Jahren dadurch spürbar geändert hat, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. Selbst die der 68er Bewegung gegenüber, vorsichtig ausgedrückt, zurückhaltend eingestellte konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb in einem Artikel kurz vor der Jahrtausendwende (am 18. 6. 1999): Wenngleich die Kritische Theorie längst kein allgemein anerkanntes Weltinterpretationssystem mehr ist, ist ihr Einfluss auf die Wissenschaften, auf Gesellschaft und Politik nachhaltig.
Und auch unser neuer Bundespräsident, Herr Gauck, hat ja jetzt erst (2012) darauf hingewiesen.
Schon Anfang der 70er Jahre begann sich die 68er Bewegung, die nie ein monolithischer Block war, allmählich in verschiedene Richtungen zu bewegen. Die einen begannen den Marsch durch die Institutionen und Parteien, wie z. B. Joschka Fischer, Dany Cohn-Bendit, Tom Königs, die aus der Sponti-Bewegung kamen, oder Jürgen Trittin, der Mitglied beim Kommunistischen Bund in Göttingen war, die sich alle später bei den Grünen engagiert haben. Andere machten ernst mit dem bewaffneten Widerstand gegen den Herrschaftsapparat und verirrten sich in den Terrorismus (RAF, Bewegung 2. Juni, so genannt nach dem Tod von Benno Ohnesorg am 2. 6. 1967), wieder andere verwirklichten ihre Ideen in ihren jeweiligen Berufen.

Im Oktober 1968 wurde die über 20-jährige Dominanz des Konservativismus beendet. Eine sozial-liberale Koalition unter dem Kanzler Willy Brand konnte sich, wie bereits erwähnt, etablieren und vielen derjenigen, die der 68er Bewegung nahe standen, unter dem Schlagwort „mehr Demokratie wagen“ eine Heimat anbieten. Die Bildungsaufgabe des Staates, eine zentrale Forderung der 68er, wurde ernsthaft in Angriff genommen und die Universitäten und die Schulen wurden reformiert. In Hessen waren dies z. B. die Hessischen Rahmenrichtlinien (1972/73, Stichwort Förderstufe, Gesamtschule). Insbesondere wurden die frühkindliche Erziehung und der Grundschulbereich gefördert, gemäß der Forderung der Frankfurter Schule nach einer umfassenden Persönlichkeitsbildung und nach Chancengleichheit für jeden Menschen, unabhängig von seiner Herkunft oder seinem Geschlecht. Wer z.B. die Grundschulen in den 60er Jahren mit den Grundschulen der 80er Jahre oder heute vergleicht, wird feststellen, welche geradezu revolutionären Wandlungsprozesse sich dort vollzogen haben – die ohne den Einfluss der 68er Bewegung mit Sicherheit so nicht stattgefunden hätten.

Wie schon bei der Revolution von 1789 in Frankreich, wo die Frauen weitgehend links liegen gelassen wurden und zum Beispiel die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Olympe de Gouges am 3. November 1793 wegen Verbreitung ihrer politischen Schriften und illegalen Plakatierens (Plakat: „Die drei Urnen oder das Wohl des Vaterlandes“) auf der Guillotine landete, fiel es auch in der Revolte von 1968 den Frauen schwer, sich gegen die männerdominierten Debatten und Diskussionszirkel durchzusetzen und Anerkennung zu finden.
In Frankfurt organisierten sie sich deswegen zunächst im sogenannten ‚Weiberrat‘, im westlichen Teil Berlins konstituierte sich der "Aktionsrat zur Befreiung der Frau". Die Frauenbewegung richtete sich gegen den Abtreibungsparagrafen §218 („Mein Bauch gehört mir“) und erreichte damit eine breite Aufmerksamkeit und viele Mitstreiterinnen, sie kämpfte für die Gleichstellung von Mann und Frau, für mehr sexuelle Freiheiten und die Freiheit der sexuellen Ausrichtung (Lesben- und Schwulenbewegung (§ 175)). Der Grundstein für das heutige Frauenbild, die Beziehungen zwischen Mann und Frau wie auch die Wahrnehmung von Sexualität in der Gesellschaft ist in der 68er Zeit gelegt worden und sähe ohne diese Bewegung heute ebenfalls sicher anders aus.

Neben diesen angedeuteten Wandlungsprozessen war meines Erachtens jedoch der wichtigste Einfluss auf die Gesellschaftsentwicklung die Öffnung der Gesellschaft. Das, was die 68er Generation im Kern vorgelebt hat, hat Eingang in die Gesellschaft gefunden:
- nämlich das, was ist, zu reflektieren und die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht einfach als Gegebenes hinzunehmen;
- Kritik zu üben;
- Autoritäten in Frage zu stellen und nach der Legitimität einer Entscheidung zu fragen;
- und schließlich, Probleme auszudiskutieren und eine Diskurskultur zu etablieren und damit Demokratie zu wagen. Hierzu gehört neben den vielfachen Formen von Bürgerinitiativen auch der Kern des demokratischen Prinzips: Die Wahrung der Individualität oder der Differenz – wie wir wissen, eine wichtige Kategorie in der Kritischen Theorie und der Dialektik der Aufklärung –, wobei jede Person einen gleichbedeutenden und -berechtigten Einfluss auf politische Entscheidungen und damit seinen gesellschaftlichen Handlungsrahmen hat.

Ein gesellschaftlicher Bereich, in dem die 68er Bewegung jedoch nahezu völlig wirkungslos blieb, war die Ökonomie, der Kapitalismus und die kapitalistischen Herrschaftsstrukturen. Eines der wichtigsten Theoriefelder der Frankfurter Schule. Ich möchte hier nicht spekulieren über die Wirkungslosigkeit auf diesem Handlungsfeld, sondern festhalten, dass schon ab Ende der 70er Jahre und dann verstärkt in den 80er und 90er Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die neoliberale Wirtschaftstheorie und damit auch der ungezügelte Kapitalismus in der westlichen Staatenwelt einen Boom erlebte, der bis 2008, dem Jahr der Weltwirtschafts- und Finanzkrise, ungebremst anhielt. Die Ökonomisierung der Gesellschaft mit den entsprechenden kapitalistischen Machtstrukturen, die die Kritische Theorie als einen der zentralen Punkte ihrer Kritik formulierte, ist kein Mythos, sondern mehr denn je gesellschaftliche Wirklichkeit. Wer sie sehen will, könnte sie sehen – mit den Augen der Dialektik der Aufklärung. Erinnert sei an die Aussage von Horkheimer/Adorno in der Dialektik der Aufklärung: „Die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität, die einerseits Bedingung für eine gerechtere Welt herstellt, verleiht andererseits dem technischen Apparat und den sozialen Gruppen, die über ihn verfügen, eine unmäßige Überlegenheit über den Rest der Bevölkerung. Der Einzelne wird gegenüber den ökonomischen Mächten vollends annulliert“ (S. 4).
Die Folgen des Kapitalismus sind der Verlust der Differenz. Mag der Kapitalismus auf der einen Seite einen Beitrag zum kollektiven Reichtum leisten, so führt er auf der anderen Seite, wie das schon Karl Marx formuliert hat, zur individuellen Verarmung, zur Verarmung des Individuellen.
Ich habe jetzt gerade (2012) im Morlant Verlag einen Essay-Band mit dem Titel „Mensch, sei Mensch!“ veröffentlicht. Aus dem Essay „Demokratischer Marktsozialismus“, in dem es um die von der Kritischen Theorie angedachten Kapitalismusfolgen für die Gesellschaft geht, möchte ich hier eine kurze Passage zitieren (Mensch, sei Mensch!, Morlant Verlag, Karben 2012, S. 154-159).

„Immer mehr gesellschaftliche Handlungsfelder sind in den Sog der Ökonomie geraten und wurden und werden kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Die Ökonomisierung der Gesellschaft und des Denkens hat bedrohliche Ausmaße angenommen. Schulen, Universitäten, Pflegeheime und Krankenhäusern werden unter ökonomischen und Renditegesichtspunkten geführt, Nutzer dieser Einrichtungen wandeln sich zum Kunden, die Beziehung zwischen diesen Einrichtungen und den Menschen, die sie in Anspruch nehmen, zur abstrakten Kundenbeziehung. »Es ist ein kennzeichnendes Merkmal der gegenwärtigen Funktionsweise des Kapitalismus und des Warenverkehrs, dass Menschen fortwährend angestachelt werden, ihre Ich-Bezogenheit möglichst bedenkenlos in Wirtschaftskraft umzusetzen; in diesem sozial-darwinistisch ablaufenden Überlebenskampf gibt es offenbar kein Drittes: Entweder Amboß oder Hammer, entweder Verlierer oder Gewinner.«
Das Zitat von Oskar Negt beleuchtet schlaglichtartig den Zustand unserer Gesellschaft. Profitstreben, die Sicherung des eigenen Gewinns auf Kosten der Niederlage anderer. Der neue Mensch, der sich an der Ethik des Erfolgs orientiert, so Negt weiter, ist definiert als der allseitig verfügbare Mensch, in dem sich Ruhelosigkeit und das Getriebensein zur Ideologie der selbst gesetzten und autonomen Bewegungsfreiheit verfestigt haben. Diese Bestrebungen selbst sind nichts Neues. Neu ist der hohe, seit Jahrzehnten nahezu unwidersprochene Stellenwert, den nicht kooperative Ziele in der heutigen Gesellschaft einnehmen.
So sieht auch Oskar Negt die absolut neue Situation darin, dass »die Kapital- und Marktlogik von nahezu allen Barrieren, Kontrollen, Widerständen, Gegenmachtpositionen befreit ist«, und zieht den Schluss, dass die »Erosion dieser kollektiven Widerstandspotentiale, ob sie nun den Staat, die sozialen Sicherungssysteme oder die Kampfbereitschaft von Organisationen der Arbeiterbewegung betreffen, den solidarischen Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet«.

Mit der Okkupierung der sozialen Macht durch den Markt und seine Mechanismen verwandelt sich der Mensch vom Subjekt zum Objekt des Geschehens. Die Erwerbsgesellschaft verwandelt sich in eine Gesellschaft von ›Jobholders‹, in der der Einzelne nur noch im Sinne kapitalorientierter Marktregeln funktioniert, wie das Hannah Arendt schon in den Sechzigerjahren vorausgesehen hat. Im Kampf aller gegen alle um Arbeitsplätze und seinen Anteil am Wohlstand tritt Einzelkämpfertum an die Stelle von Solidarität. Die kapitalistische Marktwirtschaft mag allenfalls, so Marion Dönhoff, »den Magen kurieren, die Seele aber wird ruiniert ... Alles ist konzentriert aufs Produzieren und Konsumieren. Alles andere ist an die Peripherie gedrängt: alles Humane, die Kunst, Ethik.«
Und sie erodiert die Identität der Gesellschaftsmitglieder. Der von Oskar Negt eingeführte Begriff der ›Erosionskrise des Sozialen‹ macht dies deutlich. Von den herkömmlichen Krisen unterscheidet sich nach Negt die Erosionskrise insbesondere dadurch, dass »sie die Subjekte in ihrer seelischen, körperlichen und geistigen Grundausstattung erfassen. Krisen diesen Typs verändern die Subjekte in ihren wichtigsten Lebensäußerungen, in ihrem Arbeitsverhalten, in ihrem Selbstwertgefühl, in ihren Wert- und Bedürfnisorientierungen ... [Charakteristisch hierfür ist] eine Norm- und Orientierungslosigkeit, die in den Individuen, auch wenn ihre soziale Lage, ja, die der Gesamtgesellschaft relativ stabil erscheint, Gefühle der Vereinsamung und Verlassenheit, Angstzustände aus Macht- und Hilflosigkeit bewirkt.« …
Oskar Negt sagt dann weiter: »Nie zuvor in der Geschichte ist der Kapitalismus so sehr von kulturellen Barrieren befreit gewesen, sein eigenes Bild vom Menschen, das an Konkurrenz, Überlebenstraining, auch räuberischem Besitzindividualismus orientiert ist, zu einer die Ethik einer ganzen Gesellschaft bestimmenden Weltsicht zu machen.«
Und Roger Willemsen drückt diesen gesellschaftlichen Zustand in seinem Buch ›Deutschlandreise‹ so aus: »Unvorstellbar, welche Kultur man haben könnte, wenn man an Problemen arbeitete statt an Bi-lanzen, wenn jeder nur das täte, was er gesellschaftlich für wichtig, und nicht, was er für profitabel hält.«

Vor diesem Hintergrund muss im Mittelpunkt jeder Politik mehr denn je der Mensch, dessen Würde und Einzigartigkeit, dessen Wohlergehen und dessen physisches und psycho-soziales Wohlempfinden stehen. Wirtschaftswachstum ist kein Fetisch und kein Wert an sich. Wirtschaftswachstum ist nur dann sinnvoll, wenn es den Wohlstand mehrt und Arbeitsplätze schafft, nicht aber, wenn er dazu führt, dass die Gewinne der Unternehmen steigen, die innerhalb des Finanzmarktes bleiben und als Geldvermehrungsmaschine dienen. Ziel muss die positive Wertschöpfung und die Steigerung des »privaten wie gemein-schaftlichen Wohlstands« sein, nicht eine blinde Steigerung einer Betriebsbilanz wie das Bruttoinnlandprodukt (BIP). Das BIP, aktueller Gradmesser des Wirtschaftswachstums, kennt nur ›schwarze‹ Zahlen. Das bedeutet, auch ›Misswertschöpfung‹  (Wolfgang Sachs), wie zum Beispiel die Kosten, die bei einer Umweltkatastrophe entstehen, schlägt sich positiv in der Bilanz des BIP nieder und trägt zum Wachstum des BIP bei.

Und wir müssen Arbeit entwerten. Arbeit als einzige oder dominante Art der Selbstverwirklichung muss einer Kultur des Genusses zur Seite gestellt werden – Lernziel Lebensgenuss als Widerpart zu den unersättlichen Ansprüchen der Hochleistungsgesellschaft. Genießen-Lernen im Sinn von zweckfreiem, angstfreiem Sein, von der Befreiung vom Terror der Zeit, von Hinwendung zum Schönen und Abkehr vom Produktiven.“

Auf dem Hintergrund der berühmten Adorno-These „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ wird es eine spannende Frage für die Zukunft sein, ob die oben angesprochenen demokratischen Prinzipien die Oberhand behalten und in der Lage sind, Partikularinteressen zugunsten von Gemeinwohlinteressen zurückzudrängen.
Das immer schon gegebene Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und Kapitalismus ist wegen der ungelösten Weltfinanzkrise einer kaum mehr handhabbaren Zerreißprobe ausgesetzt.
„Die Systemimperative des verwilderten Finanzkapitalismus, den die Politiker selbst erst von der Leine der Realökonomie entbunden haben, und die Klagen über das uneingelöste Versprechen sozialer Gerechtigkeit, die ihnen aus den zerberstenden Lebenswelten ihrer demokratischen Wählerschaft entgegenschallen“ driften krisenhaft auseinander, so Jürgen Habermas in: Rettet die Würde der Demokratie, Faz.Net vom 14.11. 2011.

Am 22. Oktober 2011 war ich auf einer von Occupy Frankfurt organisierten Demonstration. Auf einem Plakat las ich „Keine Macht für niemand“ und am Lautsprecherwagen der Occupy-Organisatoren war in großen bunten Lettern zu lesen: „Was glaubt ihr, was hier los wäre, wenn mehr wüssten, was hier los ist?" Beides sind alte Sprüche der 68er Bewegung. So taucht also über 40 Jahre nach 1968 der (Sponti-)Geist der 68er Bewegung, der lange Zeit in der Öffentlichkeit eher ein Schattendasein führte, heute wieder bei der jungen nachrückenden Generation auf.

Dort, wo Menschen zusammen kommen und jeder den Mut hat, für sich selbst zu sprechen, wie das zum Beispiel auch in dem selbstverwalteten Frankfurter „Institut für Vergleichende Irrelevanz“ (ivi), das schon am 3. Dezember 2003 nach der Besetzung eines leerstehenden Unigebäudes im Kettenhofweg 130 von Studenten gegründet wurde, und jetzt (2012) geräumt werden soll, der Fall ist, oder wie das eben auch in dem Zeltdorf von Occupy-Frankfurt nun schon über Monate demonstriert wird, wird sich zwangsläufig etwas Neues ergeben, auch wenn zur Zeit noch offen ist, wohin der Weg führen wird.
Jedoch, auch in der Dialektik der Aufklärung ist nicht das WOHIN das wichtigste, sondern die Kritik am Bestehenden, die Spannung zwischen dem Bestehenden und dem Möglichen.

 


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© Henning Schramm