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Bild: Jo Albert, Frankfurt

Ein interessanter Frankfurter Künstler, auf dessen Frankfurter Ausstellung ich Gelegenheit hatte, aus meinem Buch 'Recht auf Ineffizienz' zu lesen.

 

Neu: Populismus: Merk-male und Bedeutung.

Meine Anmerkungen zu diesem Thema finden Sie unter Essays und Ausätze.

(Käthe Kollwitz)

 

Die rechtsradikalen Tendenzen in der Gesell-schaft bleiben aktuell und explosiv.

Lesen Sie dazu meinen Roman Flammenbilder und den aktuellen Essay

Mehr Mut braucht die Gesellschaft in der Rubrik Essays und Aufsätze.

Als Literatur zu dieser Thematik empfehle ich auch Madeleine Albright: Faschismus. Eine Warnung.

(Eine kurze Buchbesprech-ung finden Sie hier unter Buchbesprechungen.)

Banken-crash und Finanzkrise

2008

 

 

 

Es ist jetzt über 10 Jahre her, dass die Finanzkrise die Welt erschütterte ... und wie wenig ist seither passiert.

Zu diesem denkwürdigen Geschehen von damals möchte ich Sie an meinen Roman Paula M. erinnern, in dem ich, so die Wetter-auer Zeitung vom 1. 12. 2012, "einen sezierenden Blick auf die Gesellschaft und ihre Eliten werfe, die die Welt im Jahr 2008 in eine wirtschaftliche Kata-strophe geführt haben. In den Personen spiegeln sich die existenziellen Anfecht-ungen und Herausfor-derungen der Menschen in einer von ökonomischen Interessen überlagerten Welt..."

Weiter empfehle ich dazu meinen Essay: Demokratischer Marktsozialismus. Ansätze zu einer bedürnisorientierten sozialen Ökonomie.

 

Theodor W. Adorno in Frankfurt bei einem Vortrag im Studierenden Haus im Jahr 1968.

Anlässlich des Jubiläums 50 Jahre 1968er

empfehle ich Ihnen/Euch als Lekture meinen Essay:
Wirkungsgeschichte und politische Rezeption der Kritischen Theorie in den 60er Jahren.

 

Besuchen Sie auch meine Autorenseite Henning Schramm  auf Facebook. Ich würde mich freuen, wenn sie Ihnen gefällt.

Ich bedanke mich über das rege Interesse an meiner Homepage mit jetzt über 150.000 Besuchern.

 

Wir-Bewusstsein und kulturelle Intelligenz
Henning Schramm

 

Der Ursprung und Schlüssel der kulturellen Evolution des Menschen liegt nach Michael Tomasello, Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, in dem »sozialen Ur-Talent« des Menschen begründet: »Die spezielle Weise, wie Menschen lehren, lernen, zusammenarbeiten und einander helfen, unterscheidet uns ›ultra-soziale‹ Wesen von allen andern sozialen Tieren, auch von den Menschenaffen.«[1] Wir arbeiten also von Natur aus gerne mit anderen zusammen, und auch anderen zu helfen, Hilfsbereitschaft zu zeigen, liegt in unserer Natur. Basis eines solchen ultra-sozialen Verhaltens ist nach dieser Theorie Vertrauen und Wir-Bewusstsein, das an der Wiege des modernen Menschen stand, und das den Homo sapiens zur kulturellen Intelligenz, zu einer einzigartigen Weitergabe von Erlerntem und kumulativer Kultur befähigte. Eine wichtige Fähigkeit, die in der menschlichen Natur begründet ist, ist die Hervorbringung von Kultur und Enkulturation. Der Mensch ist im Kern also Kultur- und Sozialwesen. »Zivilisation kann nur dann bestehen, wenn Menschen einander um ihrer selbst willen achten und wertschätzen.«[2]
Der im Menschen angelegte »soziale Konformismus stabilisiert die Lebensweisen und bildet die Basis für Neues auf dem Fundament des Tradierten, Erprobten«.[3] Der Konformitätsdruck verbindet einerseits die Gruppenmitglieder untereinander, andererseits birgt er auch Gefahren durch Ausgrenzung und Diskriminierung. Nach Merlin Donald, Professor für Psychologie im kanadischen Kingston, beginnt diese Entwicklung mit der ›mimetischen Kultur‹ vor etwa 1,5 bis 2 Millionen Jahren mit dem Homo erectus. Die archaischen Menschen verständigten sich nach Donald noch weitgehend sprachlos über körperlichen
Ausdruck, Gesten Mienenspiel, Laute und Lautmodulationen.[4] Die Sprache entstand Donald zufolge in der anschließenden ›mythischen‹ Kulturstufe des frühen Homo sapiens vor 100.000 Jahren.[5] Ian Tattersall vom ›American Museum of Natural History‹ in New York bezeichnet diese Entwicklungsstufe, die er ebenfalls vor etwa 100.000 Jahren ansetzt, als ›symbolische Kultur‹. Nach Tattersall ist das »jene Lebensform, in der Menschen mithilfe von Symbolen, etwa den Worten der Sprache und den Zeichen der Kunst, einen geistig vermittelten Bezug zur Welt aufbauen ... Wer diese Symbole zuerst beherrscht hätte, hätte einen großen Überlebensvorteil gewonnen und die anderen Menschentypen rasch verdrängt. Genau
dies ist im Gefolge der ›kulturellen Explosion‹ des Homo sapiens geschehen.«[6]

In dieser Zeit vor etwa 100.000 Jahren fanden nach dem Paläoneurologen Helmuth Steinmetz auch wichtige Veränderungen im Vokaltrakt des Homo sapiens statt (supralaryngealer Vokaltrakt: Entwicklung vom Einröhren-zum Zweiröhren-Trakt im Mund-Rachenraum, mit der differenzierte sprachliche
Mittelungen möglich werden), die entscheidend zur Sprachentstehung und -entwicklung beigetragen haben.[7] Der Sprachforscher Günther Grewendorf stellte die Hypothese auf, dass sich ebenfalls vor etwa 100.000 Jahren eine universale Grammatik, die eine Voraussetzung für die weitere Sprachentwicklung
und Sprachfähigkeit (konzeptionelle Sprache, Begriffe bilden, Denken in Raum und Zeit) ist, entwickelt hat.[8]
Unser Erkenntnisapparat, oder das was Kant das ›Machen-können-von-Erfahrung‹ genannt hat, ist also mit großer Wahrscheinlichkeit erst sehr jungen Datums. Dass wir Menschen heute in Flugzeugen fliegen, in
Wolkenkratzern wohnen und mit dem Auto unsere Umwelt erkunden können, ist also einerseits der besonderen Entwicklung unseres überaus komplexen neuronalen Systems und der Fähigkeit, Gedächtnisinhalte für planmäßiges Denken und Tun jederzeit aktivieren zu können, zu verdanken, und andererseits unserem genetisch verankerten Wir-Bewusstsein.

Hierin liegt der wesentliche Unterschied zu unseren nächsten Verwandten. Dabei sollte man aber unsere Nähe zu den Menschenaffen nicht beiseite wischen. Wirft man einen Blick auf die physiologischen Körperprozesse zur Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen sind die Unterschiede zwischen Mensch und Schimpanse nur in einem winzigen Prozentsatz unterschiedlicher Erbsubstanz begründet. Wir haben also durchaus noch sehr viele gemeinsame Prägungen mit unseren tierischen Vorfahren und Verwandten. Insbesondere sind unsere instinktiven Verhaltensweisen, die vorwiegend der Lebens- und Arterhaltung dienen, wie zum Beispiel bei der Fortpflanzung, Ernährung, Brutfürsorge und bei Schutz- und Verteidigungsreaktionen, unmittelbar durch diese archaischen Prägungen aus der Evolutionsgeschichte lebender Organismen bestimmt.

Mit der kulturellen und neurophysiologischen Evolution bis zum Homo sapiens war eine entscheidende Wende in der Entwicklung des Organismus verbunden. Der lebende Organismus war in der Lage, sich selbst zu reflektieren. Er konnte den Bauplan seiner selbst sichtbar und seiner Erfahrung und seinem Erkenntnisapparat zugänglich machen. Er konnte die Idee dieses Bauplans, die seine Existenz begründet, reflektieren und beginnen, über sein Leben nachzudenken. Der Mensch, mit all seinen spezifischen physiologischen Besonderheiten wie dem Skelettbau, der differenzierten Sprachentwicklung und der »theoretischen Kultur«, ist am vorläufigen Ende der evolutionären Entwicklung des Lebendigen befähigt worden, ein Bewusstsein vom Ich[9] herauszubilden. Ein Ich, das den Raum, die Klammer aller Erkenntnisse bildet. Das Bewusstsein, lokalisiert in Milliarden von Hirnzellen und ihren Verknüpfungen, synthetisiert die gedanklich präsente Erfahrung zu einer aufeinander bezogenen Einheit (Entität). Grundlage dieses Ichbewusstseins ist also das gespeicherte Wissen über die Summe dersubjektiven Erfahrungen, die in unserem Gehirn gespeichert sind und bei Bedarf abgerufen werden können. Die Erfahrbarkeit der Welt ist durch die Ausstattung des Organismus mit Sinneszellen begrenzt. Nur das, was mit den Sinnen erfahrbar und im Gehirn abgespeichert und erinnert werden kann, bildet die Erfahrungsebene des Ich, ist subjektiv wirklich. In diesem Prozess der Verarbeitung von Sinneseindrücken entsteht die Vorstellung von Welt - und vom Ich inklusive. Um mit Kant[10] zu sprechen: Der Mensch bildet die Welt entsprechend der Struktur seines Denkvermögens und Erkenntnisapparats (Vernunft), gibt den ungeordneten Erscheinungen
eine Ordnung und ›erfindet‹ Gesetzmäßigkeiten, die sich aus der Urteilskraft seines Verstandes herleiten.

Dadurch, dass sich der Mensch mit seinenkognitiven Möglichkeiten und seiner Fähigkeit zu Bewusstseins- und Ideenbildung von den unflexiblen, genetisch codierten und langsamen biologisch-evolutionären
Prozessen des ›Machen-Könnens-von-Erfahrung‹ tendenziell entkoppeln konnte, hat er sich in
stammesgeschichtlich sehr kurzer Zeit Spielräume geschaffen, die zu der enormen Ausdifferenzierung und Komplexität menschlicher Fähigkeiten geführt haben, die unter dem Begriff der kulturellen Evolution[11]
zusammengefasst werden.

Am Anfang stand der ›Logos‹ heißt es in der griechischen Bibelfassung. Logos bedeutet im Griechischen Geist, Sprache, Vernunft. Am Anfang war das ›Wort‹ heißt es in der deutschen Bibel-Übersetzung. Eine
biblische Erkenntnis, die sich auf der Grundlage der heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse als durchaus prophetisch erwiesen hat. Am Anfang des Lebens stand in der Tat das Wort oder vielmehr vier Buchstaben A – T – G – C, aus denen sich ein voluminöser Schriftsatz und äußerst komplexer Wissensschatz entwickelt hat. Am Anfang des Menschen stand auch das Wir, das soziale Wesen, in dem sich der Geist entwickelte. Geist als immaterielle Natur, die die treibende Kraft des Lebendigen ist: Ein lernendes System, welches Wissen über die Umwelt sammelt und die Idee einer autonomen, sich selbst steuernden Entität gespeichert hat und an die nächsten Generationen weiterzugeben in der Lage ist.[12]

Stellt man die Frage nach der Idee des Lebens, so lässt sich zusammenfassen: Die Idee des Lebendigen liegt in der optimalen Steuerung eines sich selbsterhaltenden und -regulierenden, eines erfahrungsfähigen, autonomen und fortpflanzungsfähigen Systems begründet.

Um den ›Willen‹ zur Realisierung dieser Lebensidee in dem einzelnen Organismus zu stärken, wäre es hilfreich, wenn die Natur in die Lebenssysteme einen Mechanismus eingebaut hätte, der die Wiederherstellung der Stabilität eines instabilen (kranken) Organismus und damit die Lebenschancen dieser Entität ›belohnen‹ würde. Und tatsächlich ist dies, zumindest bei den höheren Lebewesen[13], der Fall. Der Organismus »versucht durch sein Handeln eine möglichst vorteilhafte Situation für seine Selbsterhaltung und sein Funktionieren zu schaffen.«[14] Das homöostatische Ungleichgewicht empfinden wir als Unlustgefühl, »gelungene Homöostase löst ein Gefühl der Zufriedenheit, ein Wohlgefühl oder gar Glücksgefühle aus.«[15] Aus den Ergebnissen seiner neurobiologischen Forschungen ist der amerikanische Neurobiologe Damasio zu der Überzeugung gelangt, dass »der fortwährende Versuch, einen Zustand positiv gesteuerten Lebens zu erreichen, ein tief verwurzelter und höchst charakteristischer Teil unserer Existenz ist.«[16]

Der Wille zum Leben ist dem Menschen mit dem ersten Atemzug gegeben und in seinen Genen abgespeichert. In Folge dieses Willens hat der Mensch Kulturtechniken entwickelt und sich ein materielles und geistiges kulturelles Umfeld geschaffen, das ihn unabhängiger von dem Naturgeschehen machte, dessen Teil er ist. Diese vom menschlichen Geist geschaffene Kultur bildet das Gerüst für die kulturelle Evolution des Menschengeschlechts als geistige Weiterführung der biologischen Evolution. Sie vollzieht sich jedoch nicht losgelöst vom biologischen Sein, sondern bleibt immer gebunden an die biologische, naturhafte Existenz des Menschen und seinen Bedürfnissen nach Überleben, nach Vermeidung von Ungleichgewichten und Instabilität, oder positiv ausgedrückt, seinem Streben nach Homöostase[17]
und dem im Erfolgsfall damit verbundenen genetisch gesteuerten Belohnungssystem.

Fragt man auf dieser Grundlage nach dem Sinn des menschlichen Lebens, so ergibt sich aus naturwissenschaftlicher Perspektive als Antwort: Der Mensch lebt, weil die Natur ihn mit Lebenswillen ausgestattet hat, der in der Erhaltung des harmonischen Gleichgewichts des Organismus begründet
und bei Erfolg mit Wohlgefühlen verbunden ist. Lust- und Glücksgefühle sind integrative und sinnvolle Urstoffe des Lebendigen. Sinnvolle Lebensführung darf also nicht auf asketische Aspekte zur Aufrechterhaltung und Reproduktion des Lebens reduziert werden, sondern impliziert ebenso auch das Streben nach und das Erleben von Glück und ›gutem Leben‹, wie das Platon und Aristoteles schon ohne Kenntnisse der modernen Neuro- und Biowissenschaften haben anklingen lassen.

Die relative Freiheit von der Naturgebundenheit durch den Prozess der Enkulturation und der eigenverantwortlichen, selbstbestimmten Gestaltung seiner Lebenswelt, wie auch der Wille zum Leben,
das Streben nach Wissen und gutem Leben markieren allerdings nur einen Teil der menschlichen Existenz. Der andere Teil ist geprägt von seiner Emotionalität, seinen Leidenschaften, seiner ungeplanten Spontaneität. Der Philosoph Bertrand Russell spricht von drei einfachen, doch übermächtigen Leidenschaften, die sein Leben bestimmt haben: »Das Verlangen nach Liebe, der Drang nach Erkenntnis und das Mitgefühl für die Menschen«.[18] Diese Leidenschaften spiegeln die Idee des Lebens wider und leiten sich aus drei allgemeinen, fundamentalen Existenzbedingungendes Menschen ab.

Der Bedeutungsgehalt von Liebe ist im genetischen Sprachcode mit Fortpflanzung verknüpft,  ein arterhaltendes Merkmal des Organismus, das die Überlebenschancen der Art stützt. Liebe oder Zuneigung steuert die Partnerwahl und erhöht die Chancen der Paarung und damit der Tradierung und der Ausdifferenzierung des genetischen Wissenspools. Belohnt wird der phylogenetisch lebensnotwendige Paarungsakt durch Glücks- und Lustgefühle, die wiederum Antrieb für weitere Anstrengungen in dieser Richtung sind. Forschungen zeigen, dass im Tierreich die Partnerwahl entscheidend durch Sexual-Botenstoffe (Pheromone) gesteuert wird. Sie dienen der Kommunikation innerhalb der Arten und geben Auskunft über die Genzusammensetzung des Gegenübers. Gewählt wird der Partner, dessen Genmix sich von dem eigenen möglichst unterscheidet, weil damit der eigene Genpool erweitert und das Immunsystem gestärkt und die Lebenschancen verbessert werden. Auch beim Menschen spielen die Pheromone bei der Partnerwahl möglicherweise noch eine Rolle, auch wenn sie offenbar von visuellen Kriterien und anderen äußeren Erscheinungsmerkmalen (wie zum Beispiel der Sprache und Sprachmelodie) des potenziellen Paarungspartners etwas in den Hintergrund gedrängt worden sind. Neueste Untersuchungen der Neurowissenschaften zeigen ebenfalls, dass Liebe ein zentrales Steuerungsmerkmal für das Paarungsverhalten darstellt. Beim Gedanken an den Geliebten werden Gehirnareale angeregt, die die Aufmerksamkeit fokussieren und Motivation unterstützen. Sie aktiviert gleichzeitig auch das Belohnungssystem im Zentrum des limbischen Systems und ruft Gefühle hervor, ähnlich wie nach dem Genuss von Kokain und anderen Opiaten. Wird die Liebe erwidert, erweckt sie in uns ein Gefühl des Rausches. Der Ausstoß von Dopamin, Noradrenalin und Endorphinen und die Aktivität im ventralen Tegmentum, dem zentralen Bestandteil des Lustzentrums im Gehirn, werden erhöht.[19] Die
Stimulierung der Dopamin produzierenden Zellen führt zu gesteigerter Aufmerksamkeit, Begeisterung und Energie, das die Wahl des und die Werbung um den ›richtigen‹ Paarungspartners unterstützt. Neben dem Dopamin erhält auch der Oxytocinausstoß einen Schub, ein Hormon, welches das sexuelle Begehren wie auch die sozialen Bindungskräfte und das Treueverhalten positiv beeinflusst.

Der Drang nach Erkenntnis dient aus genetischer Sicht der Anreicherung des ›Arbeitsspeichers‹, der kognitiven Wissenserweiterung, der Schaffung materieller und immaterieller ›Güter‹, mit deren Hilfe das interne homöostatische System und die Homöodynamik von Lebenssystem und Umwelt optimiert werden
können. Belohnt wird der Erkenntnisgewinn ebenfalls, wie der eine oder andere Leser vielleicht schon einmal selbst erfahren hat, durch positive Gefühlsempfindungen. [20]

Wir leben in Gemeinschaft mit anderen Menschen und Lebewesen. Der Mensch ist im Wesentlichen soziales Wesen mit ausgeprägtem Wir-Bewusstsein und bedarf der Gesellschaft und Empathie anderer Menschen zur stabilen Entwicklung seiner Persönlichkeit und seines Ichs. Mitgefühl für Menschen ist
deswegen ein unentbehrliches Leistungsmerkmal des menschlichen Organismus für die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung seiner personalen Integrität, der wechselseitigen zwischenmenschlichen Beziehungen und der Entwicklung seiner Soziabilität und Kultur.

Die drei Leidenschaften, die das Leben von Russell prägten, fördern und stützen das Überleben der Art – und sie füllen die Idee des Lebens mit Leben und machen dessen Sinn sichtbar. Fehlen das Verlangen nach Liebe, der Drang nach Erkenntnis und das Mitgefühl gewinnen Gefühle der Isolierung und Einsamkeit, der intellektuellen Dumpfheit und sozialen Verrohung die Oberhand.

 

[1] Franz Mechsner, Was ist der Mensch?, in: GEO, Januar 2012, S. 135

[2] John Hacker-Wright, in: Franz Mechsner, Was ist der Mensch?, in: GEO, Januar 2012, S. 148

[3] Franz Mechsner, Was ist der Mensch?, in: GEO, Januar 2012, S. 143

[4] Franz Mechsner, Was ist der Mensch?, in: GEO, Januar 2012, S. 144

[5] Vgl. Franz Mechsner, Was ist der Mensch?, in: GEO, Januar 2012, S. 146. Der mythischen Stufe folgte die heutige ›theoretische Kultur‹, die durch die Schrift geprägt ist.

[6] Zitiert nach dem Artikel von Franz Mechsner, Was ist der Mensch?, in: GEO, Januar 2012, S. 131f.

[7] Helmuth Steinmetz, Paläoneurologie: Hirnwachstum, Sprache und menschliche Evolution. Vortrag vom 15.3. 2010.

[8] Durch molekulare Veränderungen im Gehirn, so eine These von Prof. Dr. Günther Grewendorf, wurde eine universale Grammatik, die Rekursion möglich (Rekursivität = die Möglichkeit aus endlicher Zahl von Wörtern unendlich viele Sätze bilden zu können). Alle bis heute untersuchten Sprachen dieser Welt bauen auf dieser in den Genen festgelegten universalen Grammatik auf, so dass sie sich mindesten vor der zweiten Auswanderungswelle des Homo sapiens herausgebildet haben muss.

[9] Die Herausbildung eines Ich-Bewusstseins (und damit auch des Du) in der individuellen
Entwicklungsgeschichte geschieht etwa 18 Monate nach der Geburt.

[10] Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft. Hauptwerke der großen Denker, Paderborn (Voltmedia
GmbH, ungekürzte Ausgabe nach der zweiten, hin und wieder verbesserten Auflage 1787).

[11] Die modernen Forschungsrichtungen, die die Koevolution von biologischen Systemen und Umwelt
untersuchen, gehen von einer dauernden wechselseitigen Beeinflussung aus, die das Wesen einer einheitlichen Gesamtevolution ausmachen. Heute richtet sich die Aufmerksamkeit bei der Erforschung der Koevolution im besonderen Maße auf die Wechselwirkung von Mensch, Natur und Kultur(-technik).

[12] Den Gedanken des Bleibenden und Überdauernden, das bei der Entstehung des Lebendigen eine
entscheidende Rolle spielt, finden wir bei Platon in dem Begriff Idee wieder.

[13] Mit großer Wahrscheinlichkeit ist dieser ›Belohnungsmechanismus‹ aber auch bei anderen organischen Systemen genetisch verankert.

[14] Antonio R. Damasio, Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen, München 2003, S. 46.

[15] Henning Schramm, Recht auf Ineffizienz. Orientierung und Lebenssinn im Kapitalismus, Münster 2005, S. 103.

[16] Antonio R. Damasio, Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen, München 2003, S. 47.

[17] Damasio hat dafür den Ausdruck »Soziokulturelle Homöostase« geprägt. Antonio Damasio, Selbst ist
der Mensch, München 2011, S. 307. »Faszinierenderweise deutet immer mehr darauf hin, dass kulturelle Entwicklungen zu tiefgreifenden Wandlungen im Genom des Menschen führen können.« Damasio, ebda S. 308. Ernennt als Beispiel die Laktosetoleranz seit der Einführung der Milchwirtschaft in Europa.

[18] Bertrand Russell, Wofür ich gelebt habe. In: Fehige, Christoph u.a. (Hrsg.), Der Sinn des Lebens. München 2002, S. 192.

[19] Vgl. dazu Helen Fischer, Warum wir lieben. Die Chemie der Leidenschaft. Düsseldorf 2005 und die Frankfurter Rundschau vom 27.2. 2007.

[20] Der Erkenntnisdrang, das Lernen und erfolgreiche Lösen von Problemen ist genetisch gesteuert und wirkt, wie das der der Leiter des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg, Henning Scheich, gezeigt hat, direkt auf das Belohnungszentrums des Gehirns. Beim Lernen wird Dopamin ausgeschüttet, ein Molekül das Verlangen und Motivation hervorruft und uns Dinge tun lässt, die uns Glücksgefühle verschaffen, weil körpereigene Opiate (Endorphine) ausgeschüttet werden (vgl. Frankfurter Rundschau vom 27. 2. 2007, S, 36). Lernen regt ähnliche Lustzentren an wie das Verliebtsein und Sex. Sex und Denken sind wichtig für den Fortbestand des homo sapiens, so wundert es nicht, dass Denken und Sex, was die potenziellen Lustgefühle angeht nahe beieinander liegen und vom selben Lustzentrum gespeist werden und so den
Fortbestand der Art unterstützen.

 

 (Der oben aufgeführte Essay ist ein Auszug aus: Henning Schramm: Mensch, sei Mensch, Fünf Essays über die Freiheit des Menschen. Morlant Verlag 2012, S. 35-47)

 

 


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