innenansichten

 Neuerscheinung 2008:
Henning Schramm: innenansichten
Verlagshaus Monsenstein & Vannerdat, edition octopus, Münster 2008
255 Seiten, Euro 16,80
ISBN 978-3-86582-716-6
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Zum Inhalt des Buches:

Zwei schreckliche Kriege, zwei fürchterliche Diktatoren und Völkermord auf europäischem Boden. Das war die Bilanz der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. In der zweiten Hälfte begann sich eine bis heute anhaltende über sechzigjährige europäische Friedenszeit zu etablieren. Es war auch der Beginn einer geradezu revolutionären Veränderung der Arbeitswelt, der wissenschaftlichen Erkenntnisse und technologischen Entwicklungen, die ihre Spuren in der Gesellschaft hinterlassen haben. 

Die Eltern des Autors, im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts geboren, wuchsen im Schatten des verlorenen Krieges und des verletzten Stolzes auf. Die Elterngeneration machte erste demokratische Schwimm-züge, brach diese Übung abrupt ab, ebnete den Weg für die Diktatur, ging mit ihr unter und musste für ihre Mittäterschaft büßen.
Auch der Vater des Ich-Erzählers, ein bekannter Naturwissenschaftler, sollte später seinen persönlichen Teil an der Zeche bezahlen. Der Nobelpreis, oder »die höchste Ehrung für einen Wissenschaftler«, wie sich sein Mentor Adolf Butenandt, selbst Nobelpreisträger, zum Tode des Vaters ausdrückte, blieb ihm aufgrund seiner Vergangenheit versagt.
Die Eltern-Generation nutzte die Chancen nicht, die sich ihr innerhalb des kurzen Zeitfensters der Weimarer Republik zum Eintritt in eine demokratische Gesellschaft eröffnet hatte. Sie ließ sich auf Hitler ein. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, der aufflackernde Nationalstolz und der Hochmut des Deutschseins zerstoben in den Katastrophen des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts. Die Eltern-Generation hinterließ ein moralisches und gesellschaftliches Desaster.

Als die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges nicht mehr verdrängt werden konnte, wurde der Ich-Erzähler geboren, in ein materielles und geistiges Trümmerfeld. Die Verschattungen der Großeltern- und Eltern-generation reichten weit in diese Jahrzehnte hinein und beeinflussten die Lebensmuster und Lebensentwürfe der Nachkriegsgeneration.
Der Autor zeichnet einen solchen Entwurf nach. Das Leben eines Nachkriegsdeutschen. Der Erzähler ist in diesem rückblickenden, erinnernden Lebensgeschehen kein objektiv Beobachtender, vielmehr erlebt er das erinnerte Ich, er versucht mit den mehr oder weniger großen Fragmenten der früheren Ichs ins Gespräch zu kommen, um sie zu decodieren, sie lesbar zu machen, sie zu übersetzen, ihnen eine sprachliche Gestalt zu geben. Es ist eine Zeitreise in sein Selbst, das sich in einer Zeit, die mit Brüchen, Verwerfungen und Aufbrüchen übersät ist, behaupten und entwickeln musste; ein Blick zurück in die erste Zeit der Liebe, des Aufbruchs in die Welt und der Familiengründung; die Demaskierung der Vergangenheit und der Aufbruch in ein demokratisches Deutschland in den 68er Jahren.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts, eingewebt in ein Leben. Traurige und heitere, lust- und leidvolle Innenansichten; ein Wiedererleben sexueller Gefühle und Erfahrungen, ein Rückblick auf Liebe, Familie, Tod, Hoffnung, Selbstachtung und Würde; persönliche Auseinandersetzungen mit den sperrigen Mächten der Notwendigkeiten und des Zufalls.


3 Anlesekapitel:

Das Ende der Kindheit. (S. 85-88)
...
Die Bundesrepublik Deutschland war in diesen 1950er Jahren geprägt von der Öffnung nach Westen und der nahezu bedingungslosen Unterordnung der eigenen Interessen unter die Politik der USA und der kulturellen Hegemonie des US-amerikanischen Way of Life, von dem beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung und der Integration in den europäischen Wirtschaftsraum im Rahmen der Römischen Verträgen und der gleichzeitigen Abkapselung gegenüber dem Osten Europas.
Mit der Rückführung der letzten Kriegsgefangenen aus Russland gingen die Wiederbewaffnung und der Versuch von Franz Josef Strauß einher, sich den Westmächten gegenüber als Atommacht anzubiedern und so auf internationalem Parkett wieder Stärke zeigen zu können. Gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr hatten in der Göttinger Erklärung achtzehn Atomwissenschaftler, wie unter anderem auch Otto Hahn, im April 1957 erfolgreich protestiert. Der jungen Demokratie blieb die atomare Großmannssucht vom Schlage eines Strauß erspart, gleichwohl wurde Deutschland als Frontstaat des kalten Krieges vollgestopft mit Atomwaffen: in Deutschland West mit amerikanischen und Deutschland Ost mit sowjetischen.
Das Land schwankte zwischen Prüderie und zur Schau gestellter oberflächlicher Lebenslust, zwischen Nierentischgemütlichkeit und Arroganz, die sich aus der sich entwickelnden wirtschaftlichen Potenz nährte. Ohne ausreichendes Selbstbewusstsein, suchend, unsicher und, vielleicht deswegen, autoritär und obrigkeitsgläubig orientiert.
Eine Nation, die im Ausland in der damaligen Zeit belächelt, von vielen verachtet oder mit Nichtbeachtung bestraft wurde, bewohnt von Bürgern, die unter mangelnder Selbstachtung litten, die fehlendes Lebensgefühl durch konsumtive Zurschaustellung wirtschaftlicher Erfolge und finanzieller Prosperität kompensierten. Ein Gemeinwesen, geprägt auch durch die Kontinuität der Nazi-Eliten in Wirtschaft, Politik, Kultur und vielen anderen Bereichen der Gesellschaft.
Eine Land, geformt durch patriarchalische Obertöne, wo die Männer noch die Hosen anhatten, und die Frauen, die sich den Männern unterzuordnen hatten, noch Röcke.
Ein Land, in dem die Bürger ihre Identität noch suchten. Bürger, die sich in einer Zwischenwelt eingerichtet hatten, in der die Vergangenheit verdrängt wurde und die Zukunft noch hinter dem Horizont lag.
Ein Land mit Menschen, die sich in ihre kleinbürgerliche Privatheit zurückgezogen hatten, dem täglichen kleinen Stückchen Glück und dem wirtschaftlichen Erfolg hinterher hechelten.
Es gab für sie nur Gegenwart.
Sie versuchten sich in einer Welt mit abgehängten Decken einzurichten, die den bröckelnden Stuck der Vergangenheit abschirmten, in der man stets auf der Hut und bereit war, den Kopf einzuziehen. Eine Welt mit Menschen, die mit beiden Beinen auf gescheuertem, blank geputztem, spiegelglattem, von dem Dreck der Vergangenheit gereinigtem Linoleum Halt suchten. Menschen, die gesichtslose Fassaden hochzogen (nicht nur in der Architektur), die den Blick nach Innen verwehrten.
Die erste Nachkriegsgeneration war zu diesem Zeitpunkt noch zu jung, um an diesen Fassaden zu kratzen, oder sie gar zum Einsturz bringen zu können. Aber sie saß in den Startlöchern.

Ohne Hafen ist kein Wind der Richtige. (S. 151-165)
...
Es war Januar. Ein kristallklarer, kalter Tag. Die Tannen glitzerten, leicht mit Schnee überpudert, in der Sonne. Ich atmete tief die frische, herbe Waldluft ein. Die Stille des Waldes, die jetzt mitten unter der Woche von keinen Spaziergängern gestört wurde, beruhigte mich und half mir, meine Gedanken zu ordnen.
Ich wollte die Wahrheit über mich herausfinden. Was aber ist Wahrheit?
Zur Wahrheit führt kein gestanzter Weg. Wahrheit ist etwas Lebendiges, etwas, das in Bewegung ist. Sie liegt im Werden des Selbst und im Verstehen des eigenen Lebens, unabhängig von einem Führer, einem Lehrer, einer Autorität oder Religion.
Diese Sätze schrieb ich in meinem Buch, das ich kurz vor dem Ende meines beruflichen Lebens veröffentlicht hatte. Ich denke, dass ich in ähnlicher Weise auch damals dachte.
Mit der Abhängigkeit von Lehrern und irgendwelcher (militärischer) Führer hatte ich seit Beginn meines Studiums in Mainz nichts mehr zu tun.
Religiösen Autoritäten fühlte ich mich als Atheist nie unterworfen. In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich an ein Gespräch, das ich einmal mit meinem Vater, der Anfang der Vierzigerjahre selbst aus der Kirche ausgetreten war, geführt hatte, als es um den Religionsunterricht in der Schule ging. Er sagte mir damals, dass jeder nach seiner Fasson glücklich werden solle. Jeder müsse mit sich selbst abmachen, wie er zu Gott und der Religion stehe. Und er fuhr dann fort, dass er bei meiner Geburt, wie auch schon bei meinen Geschwistern, die alle nicht getauft worden seien, in Sachen Glauben nicht über mich vorab entscheiden wollte. Es gäbe kein Gen, das jemanden zum Gläubigen macht. Kein Mensch sei von Geburt an Christ, Moslem, Jude, Buddhist oder sonst wie religiös, sondern er wird es, weil er dazu erzogen worden ist. Und sinngemäß fügte er damals dann hinzu, dass ihm vor-schwebe, dass ich etwas werde, was sich so weit möglich aus mir selbst heraus entwickeln sollte. Er sei dazu nur mein Geländer, jemand der Hilfestellungen gibt. Er könne mir mögliche Wege zeigen, aber nicht für mich wählen. Den richtigen Weg müsse ich weitgehend allein finden.

Welche Macht hatte mein Vater damals über mich? Er unterstützte mich materiell und bezahlte mein Studium. Hatte er damit auch die Macht über deren Inhalte zu bestimmen? Ich liebte meinen Vater und er liebte mich auch, auf seine väterliche Art, und er war stolz auf mich. Ich fürchtete seinen möglichen Liebesentzug, falls ich die naturwissenschaftliche Linie verlassen und ein geisteswissenschaftliches Fach studieren würde. Aber was bedeutet Liebe, wenn sie einengt und den, dem man seine Zuneigung gibt, nicht als ganzen Menschen gewähren lässt? Von meiner Mutter war nichts zu befürchten. Sie liebte mich so wie ich war und würde alles akzeptieren, wenn es mich nur glücklich mache. Sie empfand Glück, wenn ich glücklich war.
Ich setzte mich auf eine Bank am großen Mannstein, unweit von Fischbach und streckte mich der Sonne entgegen. Links neben mir ragte ein einsamer Felsen empor, unter mir in der Ebene sah ich in der Ferne die Häuser Frankfurts liegen.
War ich glücklich gewesen in der Vergangenheit? Ich dachte an meine erste große Liebe, an Rosa. Ich war überzeugt, dass das Liebe war, aber trotzdem ist die Beziehung zerbrochen und meine Mutter hatte recht behalten. Sie hatte nicht zu mir gepasst. Zu mir als ganzer Peson, zu mir in all seinen geheimen, unausgesprochenen Verästelungen. Wir verstanden uns hervorragend in einer Vielzahl von Einzelaspekten. Aber Liebe ist mehr als die Summe einzelner liebevoller Handlungen und Gesinnungen.
Habe ich in den darauffolgenden Jahren die Mädchen, mit denen ich zusammen war, geschlafen und Zärtlichkeiten ausgetauscht habe, immer geliebt? Habe ich mich wirklich ganz geöffnet, mich verletzbar gemacht, und ohne Zweck die Liebe der Geliebten in mich hineinströmen lassen? Liebe ist kein Vergnügen, sondern eine ernste Angelegenheit, die Menschen zerstören und glückselig machen kann. Liebe ist ohne motivlose Leidenschaft nicht möglich. Habe ich immer danach gehandelt?
Mir fiel der Brief von Christine ein, den ich kurz vor Ende meiner Bundeswehrzeit erhalten hatte. Sie schrieb darin:
Ich sehe mich als Deine Frau, ich muß gestehen, die Rolle gefällt mir ausgezeichnet und je mehr ich darüber nachdenke, umso sicherer werde ich – ich liebe Dich, ich möchte mit Dir nach Mainz – ja, ich möchte Deine Frau werden. Mein Schatz, Du hast Recht, wenn man sich wirklich liebt, dann kann uns nichts, aber auch gar nichts trennen, dann gehören wir zusammen und werden glücklich.
Drei Monate später war die Beziehung zerbrochen. Sie schrieb mir kurz vor Weihnachten nach Mainz:
Weißt Du, seit Du mit der Bundeswehr fertig bist, enthalten Deine Briefe keine wirkliche Liebe mehr. Der Inhalt scheint vielmehr ge-zwungen – Anstand oder wie sonst Du es nennen willst. Du wolltest mich wahrscheinlich schonen, mir das zu sagen – eigentlich wider-spricht es Deiner Auffassung von Freundschaft. Ich habe es Dir leicht gemacht, Dich zurückzuziehen. Viel Erfolg bei Deinem Studium. Du hast es noch vor Dir, ich werde fertig – und mache die Mädchen nicht zu unglücklich. Das Spiel mit der Liebe ist gefährlich, man verbrennt sich so leicht die Finger.
War ich ehrlich zu ihr oder habe ich ihr über die Liebe etwas vorgegaukelt, nicht bewusst vielleicht, aber auch nicht ernsthaft geprüft, weil ich in diesem Augenblick unglücklich war und nach Liebe lechzte? Sie hatte ja recht, Liebe ist gefährlich und kann nur gelingen, wenn sich der Mensch als Ganzes einbringt, sonst verkümmert die Liebe und auch der liebende Mensch.
Der moralische Kern des Lebens ist die Achtsamkeit des Wertes des Mitmenschen und die Berücksichtigung des anderen im eigenen Tun. Ich versuchte, mir Klarheit über meine Gefühlswelten zu verschaffen. Wie konnte ich eine bessere Balance zwischen meinem Verlangen nach Liebe und den Gefühlen der Frauen, von denen ich Liebe erwartete, erreichen? Wer am meisten liebt, ist der Unterlegene und muss leiden, ließ Thomas Mann Toni Kröger sagen. Kann es ein Gleichgewicht zwischen lieben und geliebt werden geben, wenn motivlose Leidenschaft im Spiel ist? Man gibt, ohne zu nehmen und nimmt, ohne zu geben. Liebesgefühle sind Kinder der Leidenschaft. Aber zeigen sie mir den richtigen Weg? Oder gehe ich mit Notwendigkeit in die Irre, weil es für mich in bestimmten Situationen, in denen ich per Zufall oder kraft bewussten Handelns verstrickt bin, einen rechten Weg gar nicht gibt? Gefühle sind die Basis, das Fundament, aber nicht das Gebäude, in der die Liebe auf Dauer zu Hause ist. Ich hoffe, Liebe geben zu können, aber das Leben, in dem die Liebe ein zu Hause finden kann, muss sich jeder selbst erschaffen. Das kann mir keiner geben.
Und Christine hatte in ihrem Brief auch ein gutes Gespür für die Veränderung, die in mir Platz zu nehmen begonnen hatte, gezeigt. Große Wandlungen werden vorbereitet durch viele, manchmal unbemerkte, kleine Abweichungen von dem Gewohnten und kündigen sich oftmals als unbedeutende Korrekturen und Modifikationen an. Vielleicht war ich selbst ein Indikator, der die gesellschaftlichen Veränderungen, denen ich ausgesetzt bin, anzeigt.
Aber natürlich ist das nur die halbe Wahrheit, da ich mich als mehr fühle, als ein Ausfluss gesellschaftlicher Einwirkungen. Ich habe die Freiheit der Wahl. Ob die Wahlentscheidung in die Irre führt oder nicht, würde die Zukunft zeigen. Ich wollte meinem Verlangen nach neuen Erkenntnissen nachgeben, mich meines Verstandes bedienen, wissend, dass jede Lösung neue Fragen aufwerfen würde.
Meine Gedanken schweiften über die Zeit. Ich wollte werden, wer ich bin und dazu gehörte eben auch, seinen Gefühlen zu vertrauen, und das über Bord zu werfen, das meine innere Welt, so wie ich sie empfinde, nicht zum Tragen kommen lässt. Seit ich in Mainz war, hatte ich versucht, mich neu zu orientieren. Ich habe viele alte Verbindungen nach Tübingen und eben auch nach München zu Christine gekappt.
Ein Sprichwort sagt: Ohne Hafen ist kein Wind der Richtige. Meinen Hafen hatte ich noch nicht gefunden. Vorerst musste ich mich mit mir selbst begnügen – und ich fühlte mich alles in allem in mir wohl und konnte mit mir auskommen. Ich hatte, um bei diesem Bild zu bleiben, viele Ankerplätze aber eben noch keinen Hafen, wo sich mein Ich niederlassen, sich ganz öffnen könnte. Es war an der Zeit eine Entscheidung zu treffen.
...

Frankfurt 1968 (S.170-177)
...
Frankfurt wirkte wie ein Kulturschock auf mich, stellte fast eine Art Gegenwelt dar. Kein Vergleich zu Mainz, der zugänglichen und behäbigen Stadt. Ich empfand Frankfurt als hektisch, verwirrend, undurchsichtig, politisiert, unpersönlich, kalt. Auf einfühlende Hilfe, auf menschliche Wärme glaubte ich hier nicht bauen zu können ... Die vom Krieg arg zerzauste Bankenmetropole Frankfurt war damals beherrscht von einer ansteckenden wirtschaftlichen und politischen Dynamik. In der kapitalgerecht wieder aufgebauten Stadt rief die von Profitinteressen angetriebene galoppierende Wohnraumzerstörung, vor allem im Frankfurter Westend, den Widerstand der Studierenden, die die Wohnungsnot unmittelbar zu spüren bekamen, hervor. Das Kapital, verkörpert durch Spekulanten auf dem Immobilienmarkt, traf auf die sich herausbildende antiautoritäre Studentenbewegung, die sich diesen im Häuserkampf im Westend entgegenstellte. Hinzu kamen die Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg und die Ausbeutung der Dritten Welt, die seit dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April dieses Jahres flächenbrandartige Ausmaße angenommen hatten. Die Stadt und noch mehr die Universität waren politisch aufgeladen. Privatheit wurde deprivatisiert, Öffentlichkeit privater Verfügungsgewalt unterworfen. Rückzug in Privatheit war verpönt, galt als spießig, kleinbürgerlich. Es herrschte ein anti-individualistischer Geist. Alles Private war politisch. Ein Punkt, den ich zwar theoretisch nachvollziehen konnte, aber in der Praxis ablehnte. Ich konnte ohne privaten Raum um mich herum nicht leben. Es dauerte eine Weile, bis ich einigermaßen verstand, was um mich herum geschah. Wie viele andere meiner Generation war ich durch den Vietnam-Krieg politisch bewusster geworden. Die täglichen Horrormeldungen, brennende Kinder, Massaker in My Lai, B-52-Bomber über dem geschundenen Land, tägliche Todesmeldungen von Amerikanern und Vietnamesen, vor allem Vietnamesen (über zwei Millionen Tote sollten es bis Ende des Krieges werden), störten empfindlich mein Gerechtigkeitsgefühl und Demokratieverständnis. Mein Mitgefühl für die Unterdrückten wurde geweckt und erstreckte sich nicht nur auf die gesamte Dritte Welt, sondern auch auf die sozial Benachteiligten in unserer eigenen Gesellschaft. Ich suchte nach Ursachen, Strukturen und nach Lösungswegen aus diesem Unrecht ... Die elitär-dünkelhaften, manchmal auch zynischen Verhärtungen, die später die im Weiberrat organisierten Frauen erzürnten, galten damals für nahezu alle linken Gruppierungen. Auch für die Spontis, die ja eigentlich Spontaneität auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Alle hatten ihre Gurus, brillante Denker, wortgewaltige Redner und agile Anführer und Strippenzieher, die sich ihren Führungsanspruch nicht so leicht aus der Hand nehmen ließen. Seien es Rudi Dutschke, die Wolff-Brüder oder Hans-Jürgen Krahl vom SDS, der mir mit seiner rasierklingenscharfen Stimme heute noch im Ohr ist. Oder bei den Spontis Dany Cohn-Bendit, der Dauerredner mit seiner polternden Stimme. Oder Joschka Fischer, der Mann der Aktion damals. Und alle hatten ihr Fußvolk, das sich zu Füßen der strahlenden Führungsfiguren niederließ. Ich fühlte mich einsam in dem ganzen Trubel, fand mich zwischen allen Stühlen sitzend wieder. Vielleicht war ich auch zu sehr auf Balance, auf Konsens, auf Kompromisse bedacht, richtete mich in einem Nietzschen Zwei-Kammer-System ein, das Rüdiger Safranski in einem Interview einmal so beschrieb: In einer Kammer wird mit Verrücktheit eingeheizt, mit Phantasie, mit Kühnheit, mit Extremismus. In der anderen wird vernünftig herunter gekühlt. Beide Kammern habe ich zu vereinen versucht und eine friedliche Koexistenz beider angestrebt. Ich war leidenschaftlicher, durchaus emotionalisierter Verfechter des politischen Umbruchs, mit viel Phantasie ausgestattet, und ich war zugleich abwägender, analytischer Vernunftmensch, der auf Ausgleich bedacht war. Ausgleichen, Einheizen, Ausgleichen, Einheizen ... Ob das damals der richtige Weg war? Ist solch eine Koexistenz von überbordender Phantasie und Vernunft in einer Person schadlos möglich? Bringt der Mittelweg den Tod? Ich bin mir nicht sicher. Die Verdrängungen der Sechzigerjahre sind in dieser Zeit aufgebrochen und richteten sich mit Vehemenz gegen diejenigen, die verdrängt hatten. Dies vollzog sich nicht ohne Verletzungen gesetzlicher Normen und nicht, ohne menschliche Wunden zu schlagen. Die Leidenschaft, der Einsatz, das persönliche Engagement waren hoch und bemächtigten sich des ganzen Menschen. Die Zeit hinterließ unauslöschliche Spuren. In der Gesellschaft. Auch bei mir. Ich war überzeugter Sozialist, demokratischer Sozialist. Und kämpfte damals für beides: den Sozialismus und die demokratischen Prinzipien und fügte für mich als drittes und viertes Element Liberalität und Toleranz hinzu, ein Mitbringsel der Erziehung meines Vaters. Das war in dieser Dreier-Kombination nicht eben gerade der Hit in dieser Entweder-Oder-Zeit. Die schwarz-weiß dominierte Weltsicht, in der Grautöne kaum vorkamen, wo jede Liberalität als Scheiß-Liberalität, wo Toleranz nicht zum gepflegten und gehegten Grundvokabular gehörte, erschwerte meine eigene
politische Verortung ungemein.
Aber trotz alledem war es eine anregende, erregende und prägende Zeit ... Nichts war mehr selbstverständlich, alles war fließend, wurde hinterfragt, in Frage gestellt, angeprangert: die verkrusteten staatlichen Strukturen, die Atomkraft, die Umweltzerstörung, die Aufrüstung und die Unterdrückung der Dritten Welt, der Militarismus. Es wurde gestritten für mehr Demokratie, für mehr Solidarität und Mitgefühl für die Unterdrückten und Diskriminierten dieser Welt, für mehr sexuelle Selbstbestimmung, für Gleichberechtigung, für das Recht der Frau, über den eigenen Körper selbst bestimmen zu können, für die Emanzipation der Frau und der Homosexuellen. Es wurden Konventionen durchbrochen, um Freiräume zu schaffen für neue Lebensformen und Verhaltensstile.

Ich will nicht richten, den Finger auf die Wunde legen aber schon. Im Nationalsozialismus überwog ein Klima der Angst, getragen von Menschen, die sich vor eigenen, individuellen Entscheidungen fürchteten und Verantwortung, vielleicht sogar ihr Gewissen, auf ein politisches System übertrugen und ihr menschliches Mitgefühl einbüßten. Die Sechzigerjahre wurden geprägt von der Furcht des persönlichen Scheiterns, vor sozialem Abstieg.
Schwäche zu zeigen oder zuzugeben galt als Makel. Ähnlich wie bei den Nazis tendierten die Menschen dazu, individuelle Verantwortung abzuwälzen und an politische Systeme abzugeben (ich verbrenne mir doch nicht die Finger, die da oben werden schon das Richtige machen).
Die Menschen der Republik schwammen in dieser Zeit in einem Meer Gleichgesinnter, die sich nur durch den Grad der Pflichterfüllung unterschieden – und auf einer Schaumkrone des wirtschaftlichen Erfolgs. Die Fußstapfen, die sie an ihren neuen Ufern hinterließen, versandeten, spurenlos und
haltungslos. Sie wiesen denjenigen, die nicht einfach den Weg aus der gebrandmarkten Vergangenheit in die Zukunft extrapolieren wollten und konnten, keinen gangbaren Pfad in eine lebenswerte Zukunft.
Genau diese Haltungen der Generation, die die Nazi-Zeit bis in die Sechzigerjahre geprägt hatte, wollten wir, wollte auch ich, durchbrechen. Wir versuchten, persönliche Verantwortung zurückzugewinnen und in politische Macht umzumünzen, den Spielraum individueller Entscheidungsgewalt zu vergrößern, die Macht der Staatsautoritäten und des Staatsapparats einzudämmen. Wir versuchten, Furchtlosigkeit vorzuleben, keine Angst vor dem Scheitern zu zeigen, die Existenzgrundlagen der Schwachen zu stärken und ein Gewissen, das Nein sagen und Widerstand leisten kann, zu entwickeln.
...
Obwohl leidend unter den persönlichen situativen Bedingungen, die diese Zeitspanne zu meiner Einsamsten machte, war sie doch gleichzeitig auch meine politischste Zeit überhaupt. Sie hat mein sozial-politisches Gewissen geformt und die Besinnung darauf, selbst Verantwortung zu übernehmen, mich persönlich einzusetzen und meinem Gewissen zu folgen, wenn ich es für richtig hielt – zu sagen: nein, so geht das nicht!