Literaturempfehlung

Die Schockstrategie. Der Aufstieg des Katastrophenkapitalismus von Naomi Klein, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2009
Auf 763 Seiten beschreibt die in Kanada lebende linke Globalisierungskritikerin Naomi Klein akribisch genau, wie sich der Neoliberalismus in den vergangenen 30 Jahren über die gesamte Welt ausbreiten konnte. Vier Jahre lang ist die vielfach ausgezeichnete Journalistin, Kolumnistin und Autorin ("No Logo") um die Welt gereist und hat in den Krisengebieten recherchiert. Herausgekommen ist die unglaubliche Geschichte einer der wirkmächtigsten Ideologien unserer Zeit, die der amerikanische Ökonom Milton Friedman von der University of Chicago und seine Anhänger, die sogenannten 'Chicago Boys', in die Welt gesetzt haben.
Seine Doktrin des freien Marktes mit den drei Leitlinien: Deregulierung, Privatisierung und Kürzung staatlicher Leistungen / Abbau des Sozialsystems, wurde in der Vergangenheit weltweit zum Credo marktwirtschaftlicher Wirtschaftspolitik und fand u.a. auch seinen Niederschlag im sogenannten Washingtoner Consens der Weltbank und des IWF.
Naomi Klein zeigt eindrucksvoll den immer wieder gleichen menschenverachtenden Mechanismus, wie diese Doktrin in den verschiedenen Ländern durchgesetzt wurde. Die Strategie hat System. Angefangen über den Putch in Chile (1973) und Argentinien, über den Zusammenbruch des Kommunismus in Polen und Russland bis zur Katastrophe, die Katrina in den USA und der Tsunami in Sri Lanka und anderswo angerichtet hatte, nutzt der Katastrophen-Kapitalismus die Schocks, die diese Ereignisse auslösten, um die Ideologie des freien Marktes zu implementieren und den multinationalen, in erster Linie amerikanischen Unternehmen über Privatisierung staatseigener Betriebe und Zurückdrängung staatlicher Einflussnahme sowie Aufhebung von Handelsschranken und Etablierung freier Handelsmärkte, die wiederum überwiegend den großen Multis zu Gute kamen, den lukrativen Einstieg in diese Länder zu ebnen. Mit verheerenden Folgen für die Menschen in diesen Ländern: Arbeitslosigkeit, Verarmung großer Teile de Bevölkerung, Zerschlagung des Gesundheitssystems, Abbau von Sozialleistungen auf der einen Seite und exorbitante Gewinne für eine kleine Gruppe von Aktionären und Oberschichtangehörigen. Zitat: "Sie machten die Wohlhabenden zu Superreichen und die organisierte Arbeiterklasse zu einer Verfügungsmasse von Mittellosen. Die soziale Polarisierung hat sich überall dort wiederholt, wo die Chicagoer Ideologie triumphierte ... Im Dezember 2006, einen Monat nach Friedmans Tod, kam bei einer UN-Untersuchung heraus, dass die reichsten zwei Prozent aller Erwachsenen auf der Erde über mehr als die Hälfte des weltweiten Haushaltsvermögen verfügen." (S. 626 f.)
Ein lesenswertes Buch, ja eine Pflichtlektüre für alle, die eine gerechtere Welt wollen und nicht mit ansehen mögen, wie mit jeder neuen Katastrophe (man denke nur an die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise) die kaptitalistische Wirtschaftpolitik des Westens die Welt neu unter sich aufteilt. 
 

Subjektives Denken und dessen Decodierung in Poesie und Literatur
von Henning Schramm 

Seins-Dimensionen können prinzipiell unter zwei Blickwinkeln beschrieben und erzählt werden: naturwissenschaftlich oder poetisch. Der eine Blickwinkel stützt sich auf objektives Denken, der andere auf subjektives, personales Fühlen, d. h. der subjektiven Dimension des Denkens und darüberhinaus der religiösen Denkweisen. Und damit korrespondierend: rational, vernunftgemäße vs. poetische, mystische, religiös motivierte Erzählformen.

Das wissenschaftliche Bild vom Menschen ist beschreibbar mit den Begrifflichkeiten aus der Evolutionstheorie, Physik und Neurophysiologie, demgegen über lässt sich das poetische Bild des Menschen eher in Bildern von Gefühl, Erleben, Initiative, Gedankenexperiment, des In-der-Welt-Zurechtfindens, des Fehler-Machen-Könnens, des moralischen Empfindens ausdrücken. Mit wissenschaftlichem, rationalem Denken und Vernunft allein kann die Welt (und insbesondere die soziale Lebenswelt) nicht in all seinen verwinkelten Facetten und differenzierten Erscheinungen erfasst werden. Es bedarf der personalen Komponente der Weltsicht, in der Sehnsüchte, Leidenschaften und Ängste artikuliert werden können.

In den letzten Jahrhunderten hat die westliche Welt zwei große Revolutionen der Weltsicht erlebt. Kopernikus hat zu Beginn der Neuzeit das geozentrische Weltbild und Darwin hat am Anfang des industriellen Zeitalters die anthropozentrische Perspektive revolutioniert. Dank der Evolutionstheorie und kraft unseres objektiven, wissenschaftlichen Denkens sind wir in die Lage versetzt worden, viele Aspekte der Natur und Naturvorgänge zu verstehen. Wenn der Mensch vor der Durchdringung des unendlich Großen (Makrokosmos), des unendlich Kleinen (Mikrokosmos) und des unendlich Komplexe (Mensch) kapituliert hätte, befänden wir uns heute immer noch in einem mittelalterlich religiösen Dämmerzustand.

Zusammen mit der Aufklärung und der Dominanz der objektiven, wissenschaftlichen Denkweisen führte das zu der Säkularisierung der westlichen Welt. Die religiösen Empfindungen, Lebensformen und Glaubens-wahrheiten, die Jahrtausende die Weltperspektive geprägt hatten, sind damit natürlich nicht erloschen, sondern existieren als sakrale parallel zu den profanen Lebensformen und Denkweisen weiter. Aber die sakralen Elemente müssen sich nun in der säkularisierten Gesellschaft rechtfertigen. Sie müssen gegenüber Nichtgläubigen profane Begründungen liefern, wenn sie gesellschaftliche Relevanz und Commonsense erlangen wollen.
Bei Fragen der Genforschung zum Beispiel reicht es nicht mehr allein, damit zu argumentieren, dass der Mensch nicht in die Schöpfung Gottes eingreifen darf. Vielmehr müssen Gründe dargebracht werden, die auch vor nichtgläubigen, nichtreligiösen Menschen bestehen können, die vernünftig und evident sind, um in einer demokratisch verfassten Gesellschaft die Zustimmung von Mehrheiten zu bekommen. Unbestritten ist die religiöse Herkunft vieler unserer moralischen und ethischen Grundlagen. Sie müssen aber heute übersetzt werden in eine säkulare Sprache, in eine Sprache, die dem Commonsense zugänglich ist.
Commonsense ergibt sich aber nicht aus einer beobachtenden, quasi wissenschaftlich-objektiven Haltung heraus, sondern aus einer teilnehmenden Perspektive. Ich generiere das Gemeinsame mit dem Du, indem ich als handlungsfähiges Subjekt dem Du gegenüber trete und initiativ werde. Die Handlungsinitiativen müssen im Zweifelsfall immer auch gerechtfertigt werden können. Hier hilft die naturwissenschaftliche Beobachterperspektive nicht weiter. Der Mensch muss sich auf die Teilnehmerperspektive einlassen. Commonsense ist mit sozialer Bewusstheit verbunden, mit Personen, die Begründungen für ihr Verhalten geben können, die aber auch Fehler machen können und sich korrigieren dürfen. Commonsense ist mit der Perspektive des anderen verknüpft. Das heißt, nicht nur die religiöse Seite muss sich in die säkulare Begründungszusammenhänge einfügen, sondern auch die säkulare Seite muss sich ein Gefühl für das Religiöse bewahren, um dessen sakrale Sprache in profane Sprache übersetzen können.

Was aber ist das Religiöse? Man könnte Religion allgemein beschreiben als die Begegnung mit dem Heiligen, das m. E. zwei wichtige Aspekte impliziert: Im weitesten Sinne ist es ein Ganzes (in heilig steckt heil = ganz bzw. im Englischen: whole in holy), ein Umgreifendes (Karl Jaspers). Etwas, was wir (noch) nicht begreifen, was wir (noch) nicht wissen. Und es ist etwas Unverfügbares, auf das wir keinen Zugriff haben, das wir nicht beeinflussen können.
Die Menschen haben diese Welt des Nicht-Wissens, die Ängste, Unsicherheit usw. hervorruft, auf Gott, Götter oder Gottwelten projiziert und teilweise sogar Verantwortungen dorthin delegiert. Diese Gottwelten koppelten sich von dem menschlichen Bewusstsein ab und führten eine Art eigenständiges Dasein. Manches von dem Nicht-Wissentlichen ist durch die Wissenschaft dem Wissen zugänglich gemacht und dadurch dem Göttlichen, dem Heiligen entzogen worden. Vieles wissen wir auch heute nicht und dies Nichtgewusste lebt in Mythen und Gottwelten als Bild, Symbol oder Möglichkeit weiter.

Zum Menschsein gehört das Religiöse im Sinne der Ehrfurcht vor einem Unverfügbaren, einem Umgreifenden, wie zum Beispiel dem Universum, das sich unserem Wissen entzieht. Da der Begriff des Religiösen jedoch allzu sehr durch die existierenden Religionen okkupiert und definiert ist, möchte ich diesen Begriff des Religiösen nicht verwenden, sondern schlage vor, den säkularen Begriff des Unverfügbaren, der das Unfassbare, das Wunderbare einschließt, zu verwenden. Zum Menschsein gehört also das Unverfügbare und Wunderbare. Der Mensch muss sich dem Nicht-Wissen stellen. Um Ehrfurcht zu entwickeln und z.B. Angst vor der Welt des Ungewussten zu mildern, braucht es keine Konstruktionen von Gott oder Götter, sondern sehr viel mehr selbstreflexive Ehrlichkeit und eine Portion Mut, die verborgenen Impulse des ‚limbischen Systems‘ (in dem sich die Gefühlswelten bilden) an die Oberfläche treten zu lassen. „Wenn du es nicht fühlst, wirst du es nicht erjagen“, sagte Goethe treffend. Es braucht ein ‚lassendes Denken‘, ein Denken, das sich von den Dingen etwas sagen lässt; ein Denken, durch das Chiffren, Codes wahrgenommen werden können.
Poetik drückt Unverfügbarkeit, umgreifende Einzigartigkeit und Subjektivität aus, die sich in einer doppelten Teilnehmer-perspektive widerspiegelt.

Einmal ist der Autor selbst Beteiligter. Beteiligter an seinen Personen und Situationen. Er lebt mit ihnen, leidet und freut sich mit ihnen. Die Personen eines Romans leben miteinander, haben Intentionen und Gründe dieses zu tun und zu lassen. Und sie machen Fehler, sind nicht allwissend (nicht göttlich). Sie sind nicht unverfügbar, sondern werden von außenstehenden physischen, psychischen und sozialen Mächten getrieben und bedrängt. Objektives, wissen-schaftliches Denken steht nicht im Vordergrund der Ereignisse, sondern das subjektive Denken der handelnden Personen, deren nachvollziehbaren Fehlschläge, Missgeschicke und Schicksale und wie sie sich in diesem Beziehungsgeflecht verhalten. „Wenn man beschreibt, wie eine Person etwas getan hat, was sie nicht gewollt hat und was sie nicht hätte tun sollen, dann beschreibt man sie - aber eben nicht so wie ein naturwissenschaftliches Objekt.“ (Jürgen Habermas, in: Glauben und Wissen, Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2001)
Zum anderen ist es der Leser, der das Buch aus teilnehmender Perspektive liest und ebenfalls mit den Personen und deren Schicksale lebt. Um das tun zu können müssen diese ‚lesbar‘ und deren Schicksale für den Leser übersetzbar sein, sonst weckt es nicht sein Interesse, ist er nicht betroffen.

Der Autor muss sich in der Kunst üben, einerseits ein umgreifendes codiertes Allgemeines und andererseits eine konkrete decodierbare Situation oder Handlung zu kreieren, in der sich die LeserInnen wiederfinden können, wo sie einem Du gegenüberstehen, mit dem sie sich verbinden, es aber auch zurückweisen können. Die verschlüsselten Codes, Bilder, Symbole werden so einer subjektiven Interpretation zugänglich und können dem Leser das Umgreifende, das Unverfügbare, die Essenz eines Zusammenhangs oder einer Situation für das Menschengeschlecht (auch im archetypischen Sinn) öffnen. Dass fordert aber auch von einem Text, eine prinzipielle Reziprozität der Perspektiven und ein gewisses Maß an potenzieller Intersubjektivität zu wahren, die literarischen und poetischen Szenen, Abläufen, Handlungen, Denkrahmen und Bildern den Weg in das lassendes Denken des Lesers bahnen und dann dort ihre Wirkung entfalten können.

Fehlt die Decodierbarkeit der Bilder, der Metaphern und Mythen, verschließt sich dem Leser der gemeinte Sinn eines Textes. Die Decodierung könnte dann nur noch auf einer Metaebene erfolgen, z. B. über eine wissenschaftliche Beobachterperspektive (etwa durch einen geschulten Germanisten), nicht aber über die Teilnehmerperspektive des Lesers, da diesem, anders als in der unmittelbaren, direkten Du-Situation, die Möglichkeit der Nachfrage und die zusätzlichen Dekodierungsinstrumente wie Gestik, Mimik, Tonfall usw. nicht zur Verfügung stehen.

Macht- und Zahlenspiele in Hessen

Im Wahlkampf hat Roland Koch durch die unsägliche Kampagne gegen jugendliche  Ausländer seine Machtgelüste zu befriedigen versucht. Es ging vollständig daneben. Und das war gut so für die politische Kultur in Hessen. Nach der brutalstmöglichen Wahlschlappe versucht er jetzt mit Zahlentricks erneut seine vermeintlichen Machtansprüche durchzusetzen, indem er ‚börnert‘ und glaubt damit die Wahl einer neuen Regierung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verzögern zu können. Er beruft sich dabei auf die Faktizität der Zahlen. Dann sollte er sich aber gefälligst auch alle Zahlen anschauen und nicht nur den winzigen 0,1%-Vorsprung seiner gebeutelten Partei. Eine klarere Zahlensprache wie der 12%-Verlust der CDU und der knapp 8%-Gewinn der SPD ist nur schwer zu überbieten. Wer den damit verbundenen Wählerauftrag für einen Politikwechsel und die Abwahl des gegenwärtigen Ministerpräsidenten nicht erkennen kann, ist entweder blind vor Machtbesessenheit oder leidet unter eklatanter Rechenschwäche. In beiden Fällen ist er denkbar ungeeignet für den Ministerpräsidentenposten. Allerdings sollte sich jetzt auch Frau Ypsilanti dem Wählerwillen nicht entgegenstellen, der ihr eine linke Mehrheit beschert hat, auch wenn sie eine andere Parteienkonstellation gewollt hatte und es ihr schwer fällt, sich von Der Linken dulden zu lassen. Wenn der Wähler, dem man ja vor der Wahl ohne Kenntnis seines Willens etwas versprochen hat, dies nicht will, was ihm vor der Wahl schmackhaft gemacht worden war, und deswegen Frau Ypsilanti ihre ursprüngliche Aussage revidieren muss, weil anders dem Wählerwillen nicht entsprochen werden kann, ist das kein Wortbruch gegenüber dem Wähler, sondern man beugt sich seinem Willen. Der klare Wählerwille steht nicht im Belieben des Politikers, er ist Auftrag und Verpflichtung. Ebenso wie Koch muss auch sie die eindeutige Zahlensprache akzeptieren und darf sie nicht strategisch-taktischen Machtkalkülen der Bundes-SPD unterordnen, zumal die inhaltlichen Übereinstimmungen mit dieser demokratisch gewählten Partei, im Gegensatz zur CDU und FDP, ohnehin weitaus am Größten sind.
(Henning Schramm)

Heuschrecken-Kapitalismus

Der ‚Heuschrecken-Kapitalismus’ ist nur die Spitze des Eisbergkolosses mit Namen neoliberaler Marktfundamentalismus. Er verbreitet nicht nur soziale Kälte, sondern ist auch eine Gefahr für die unter der Oberfläche liegende Gefühlswelt und Psyche des Menschen. Wer wachen Auges durch die ökonomischen Weltmeere fährt, den dürfte das Ausmaß dieses Eisbergs eigentlich nicht überraschen. Schon lange beherrscht die reine Lehre des Marktes und die dazu gehörenden kapitalistischen Strukturen das ökonomische Denken in unserer Republik – und unisono haben fasst alle Parteien und ein Großteil der Medien ein Loblied auf den Segen dieser Art Wirtschaftens gesungen. Einen kleinen Spalt trieb, unter dem Druck bevorstehender Wahlen, Herr Müntefering in diese Phalanx. Wenigstens diskutiert man heute wieder öffentlich die kapitalistische Ökonomie und deren Folgen für die Menschen. Und die Folgen sind schwerwiegend. Die allenthalben zu beobachtende Ausbreitung marktwirtschaftlicher Prinzipien von Kaufen und Verkaufen, von Effizienz und Gewinnmaximierung auf immer mehr nichtökonomische Lebensbereiche erodiert die sozialen Bindungen und unterhöhlt das Selbstwertgefühl vieler Menschen. Individuelles Erleben reduziert sich in einer solchen Gesellschaft auf die Kategorien Verlierer oder Gewinner, Amboss oder Hammer. Dies lässt für die Zukunft nichts Gutes ahnen. Es wird also allerhöchste Zeit, das Steuer herumzureißen, um auf diesen Eisberg nicht aufzulaufen.
(Henning Schramm)