Neuerscheinung 2011
»Paula«
Roman »Paula«
Neuerscheinung 2011
Paperback, kartoniert, 268 Seiten, Format:14,8x21,
Buchhandelpreis: € 14,95
Autor: Henning Schramm
Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt
© 2011 Henning Schramm
ISBN 9-783-842-36289-5
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(Erhältlich auch in Großbritannien, den USA und Kanada.)
"Lasst uns die Regeln (für den Handel an der Börse, HS) wegwerfen, die den Erfolg bremsen." Das waren die Worte von Margret Thatcher am 27. Oktober 1986 und der Big Bang des Kasino-Kapitalismus. In meinem Roman "Paula" habe ich das Thema aufgegriffen und unter anderem die Deformierung des Menschen durch die neoliberale Ökonomie thematisiert: In der Protagonistin Paula vollzieht sich die Metamorphose von der romantischen Idealistin zur kompromisslosen Individualistin ohne soziale Bindungen, so wie sich auch in der Gesellschaft die Obsession vielfach durchgesetzt hat, dass nur die Menschen, die sich individuell verwirklichen und ökonomischen Erfolg haben, Erfüllung und Wertschätzung finden. Sie glaubt Glück und Liebe über ökonomischen Erfolg erzwingen zu können und verliert dabei sich selbst...
Inhalt des Romans
In ihren Mädchen- und Jugendjahren war Paula von einem beinahe archaischen Glauben an die große Liebe erfüllt, die auch ihr irgendwann begegnen würde. Sie, das provokante und widerspenstige Mädchen, wartete geduldig bis ihr von einem Moment auf den anderen diese Liebe über den Weg lief und sich alle Sehnsüchte zu erfüllen schienen. In schwärmerischer, vergötternder Hingebung an ihren Geliebten steuerte sie liebesblind auf die große Katastrophe zu, aus der sie für sich keinen Ausweg mehr sah. Sie versuchte ihr sinnlos gewordenes Leben zu beenden.
Sie entrinnt dem Tod als beschädigte Frau und bleibt gefangen in ihrer traumatischen Erinnerung. Um zu überleben, muss sie sich von ihren bisherigen Lebensentwürfen trennen. Es gibt für sie keine Grundlage mehr, auf der sie aufbauen kann und darf. Sie sieht für sich keinen anderen Ausweg als „sich selbst zu zerstören, um sich neu zu schaffen und Macht über sich selbst gewinnen. Eine Macht, frei von Gefühlsduseleien, gegründet allein auf Vernunft, Rationalität und technokratischem Verstand.“
Sie studiert Ökonomie, macht eine steile Karriere als Bankerin, die sie nach Chicago, San Francisco und schließlich nach Frankfurt führt. Sie ersetzt Geben durch Nehmen, Liebe durch Sex und praktiziert Sex ohne Liebe, ohne Gefühl. »Um ein Herz zu öffnen, ist es bisweilen durchaus auch sinnvoll bei der Bluse zu beginnen«, mit diesen Worten reagiert Paula auf das Werben von Viktor, ihrem Vorgesetzter, den sie für ihre Karriereziele zu nutzten verstand.
"Sie fühlte sich jung, hübsch, reich und erfolgreich, aber auch eingepackt in eine Folie der Freudlosigkeit. Sie spürte in sich ein Gefühl des Mangels, ein Hang zum Schmerz, das sie drückte. Nicht dominant, eher leise und unscheinbar, aber immerwährend ...“
Die Bruchstücke ihrer Liebessehnsucht liegen versteckt in dunklen Kammern ihrer Seele. Sie gibt die Hoffnung, dass sie sich nicht vergeblich sehnt, nie ganz auf.
Als auf dem Höhepunkt ihrer Karriere eine erschütternde Nachricht aus ihrer frühen Kindheit eine weitere tiefgreifende Identitätskrise in ihr auslöst, tritt, Felix Kohn, ein Mann von intellektueller Brillanz in ihr Leben, der sich ihrem Nutzendenken entzieht. Zwischen dem ungleichen Paar entwickelt sich eine leidenschaftliche, tiefe Liebe und die geheimen Sehnsüchte der gereiften Paula scheinen in Erfüllung zu gehen. Aber das Schicksal meint es abermals nicht gut mit Paula und wirft sie erneut aus der Bahn. Während Felix als bissiger Kritiker der neoliberalen Wirtschaftstheorie Chicagoer Provenienz im Zuge der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise zum eloquenten Medienliebling aufsteigt, wird Paula durch die Krise beruflich entwurzelt. Ihre rücksichtslose Vergangenheit als Managerin holt sie auch privat wieder ein. Durch anonyme Briefe erfährt Felix davon. Unvermutet tritt zeitgleich eine attraktive, blutjunge Frau in sein Leben, die seine erfahrenen Kränkungen für sich zu nutzen sucht. Das Leben von Paula und Felix droht aus den Fugen zu geraten. Jeder kämpft auf seine Weise mit sich und um den anderen. Einzig die Hoffnung ist als Brücke zwischen den beiden ungleichen Menschen erhalten geblieben, die doch dasselbe suchen: Liebe.
Leseprobe
Kapitel I
Es kommt darauf an,
dass du auf etwas zugehst,
nicht dass du ankommst;
denn man kommt nirgendwo an, außer im Tode.
Antoine de Saint-Exupéry
Ihr Anrufbeantworter blinkte aufdringlich im Flur als Jette Kreutzer am Spätnachmittag nach Hause kam. Paulas Stimme klang bedrückt und farblos. Sie bat Jette, ihrem Großvater auszurichten, dass sie ihren Urlaub in Italien vorzei-tig beenden und schon heute wieder zurückkommen werde.
Jette klingelte mehrmals an der Wohnungstür von Ernst Preuss, dem Großva-ter von Paula. Sie klopfte und rief durch die geschlossene Tür. Nichts rührte sich. Sie ging in ihre Wohnung zurück, um eine kurze Nachricht für ihn zu schreiben. Ernst Preuss hängt sehr an seiner Enkelin und wird sich über die Nachricht freuen, dachte Jette.
Die Nachricht in der Hand klingelte sie nochmals. Abermals blieb alles ruhig. Sie schloss die Tür mit einem Ersatzschlüssel auf, den Paula ihr vor langer Zeit gegeben hatte, und ging geradewegs zur Küche, die, wie sie wusste, am Ende des Flurs lag, um auf dem Küchentisch die Notiz für den Großvater gut sichtbar abzulegen. Im Vorbeigehen warf sie einen Blick durch die offenstehende Tür in Paulas Zimmer und blieb wie angewurzelt stehen.
Paula lag angezogen auf ihrem Bett. Jette betrat vorsichtig das Zimmer. Sie sah die leeren Packungen mit Tabletten auf dem Nachttisch und das Blut, das auf der roten Bettdecke von weitem nur schwer erkennbar war. Der Unterarm war blutverschmiert. Die Wunde war frisch. Paulas Brust hob und senkte sich. Kaum sichtbar. Sie atmete flach, aber sie lebte. Hastig lief Jette zum Badezim-mer, wo sie einen Verbandskasten vermutete. Als sie am Schlafzimmer von Ernst Preuss vorbei kam, das ebenfalls offen stand, stockte ihr abermals der Atem. Er lag bewegungslos, wie aufgebahrt, auf seinem blütenweisen Bett. Sie ging hinein. Sie fühlte keinen Puls, er war tot.
Jettes Körper war wie paralysiert. Ihr Gehirn versagte ihr die Arbeit. Sie ver-grub fassungslos den Kopf in ihren Händen. Entsetzen und Angst erfassten sie und schnürten ihr die Kehle zu. Sie hechelte panisch nach Luft, der Ohnmacht nahe. Sie versuchte, die Hyperventilation in den Griff zu bekommen und atmete tief ein und aus, bis sich der Nebel vor ihren Augen allmählich lichtete. Ihre Gehirnzellen bekamen wieder ausreichend Sauerstoff, um arbeiten zu können. Sie lief zu Paula zurück, schnürte deren Oberarm mit einer Krawatte ihres Großvaters ab und verband den Unterarm. Sie steckte ihr den Finger in den Mund. Erfolglos. Paula war zu geschwächt, um sich übergeben zu können. Das Gift der Tabletten in ihrem Magen konnte sein Zerstörungswerk in ihrem Körper ungehindert fortsetzen.
Nachdem der Notarztwagen sie beide in das Krankenhaus gefahren hatte, verbrachte Jette die Nacht fassungslos neben Paulas Bett in der Intensivstation des Universitätsklinikums Frankfurt.
Als Paula blinzelnd die Augen zu öffnen versuchte, wurde sie von einem grellen Neonlicht geblendet. Kalte Helligkeit umgab sie. Sie blickte auf eine schneeweiße Decke und ebensolche Wände. Eine Flasche und Schläuche ka-men in ihr Gesichtsfeld. Sie hörte ein monotones Piepsen und Töne, die sie an Herzschläge erinnerten. Die Augen taten ihr weh von der Helligkeit, sie presste die Lider wieder zusammen. Sie überlegte, wo sie sein könnte. Zu Hause war sie nicht, sie besaß rote Bettwäsche und die Decke und Wände hatte sie beim Einzug helllila gestrichen. Sie strich mit den Fingern über den Bettbezug, der nach chemischer Reinigung roch, und über den kalten, groben Stoff des Nacht-hemds, der ihren frierenden Körper bedeckte. Am linken Arm spürte sie einen pulsierenden Schmerz. Sie fühlte, wie jemand ihre Haare aus der Stirn streifte und ihr Gesicht streichelte. Ihr Gehirn formte Bilder ihres Großvaters, bleich, kalt, tot.
Von weit her hörte sie eine Männerstimme. Die Worte blieben unverständlich. Sie vermischten sich mit einer weichen, hellen Stimme. Die helle Stimme kam ihr bekannt vor.
»Hörst du mich, Paula? Ich bin`s.«
Paula versuchte sich zu erinnern, wagte aber nicht die Augen zu öffnen. Sie wollte nicht in die Welt zurück. Jemand beugte sich über sie und flüsterte in ihr Ohr.
»Ich bin`s, deine Freundin Jette. Kannst du mich verstehen? Weißt du wer ich bin?«
Paula erkannte jetzt Jettes Stimme, reagierte aber nicht auf ihre Frage, wollte nicht reagieren.
Die tiefe Stimme des Mannes drang in ihr Ohr.
»Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?«
Paula wollte nicht ihren Namen nennen, sie wollte nicht mehr Paula sein und schüttelte den Kopf.
Langes Schweigen. Nach einer Weile hörte sie, wie die männliche Stimme im Hintergrund des kleinen Zimmers, das sie nicht kannte und nicht kennenlernen wollte, etwas sagte. Sie konnte es nicht verstehen.
Bleischwere Müdigkeit machte sich in ihr breit. Die Stimme wurde immer leiser, ferner und verschwand schließlich ganz.
Paulas Kopfschütteln auf die Frage des Arztes legte sich schwer auf Jettes Brust. Schockiert sah sie den Arzt an. Sie konnte sich zusammenreimen, was es bedeuten konnte. Der Arzt versuchte behutsam, sie auf das Schlimmste vorzu-bereiten: Paula sei extrem geschwächt und es sei überhaupt ein kleines Wunder, dass sie noch leben würde. Ein Glück, dass sie so schnell entdeckt worden sei. Ein wenig später und sie hätte den Selbstmordversuch nicht überlebt. Leider hätten sie ihr Kind nicht mehr retten können und man müsse abwarten, ob die vitalen Körperfunktionen weiterhin stabil arbeiten würden und der Blutverlust sowie die Tablettenvergiftung keine Dauerschädigungen verursacht hätten. Er sah in Jettes verzweifeltes Gesicht und fügte, um sie zu beruhigen, hinzu:
»Es ist zwar ein bedenkliches Zeichen, dass sie nicht mehr weiß, wer sie ist, aber für eine genaue Diagnose ist es noch zu früh. Wir dürfen die Hoffnung nicht so schnell aufgeben.«
Sie wollte an Paula glauben, stand aber doch bestürzt vor dieser Tat ihrer Freundin.
Sie wusste, dass sie ihren Großvater über alles liebte, aber war sein Suizid ein Grund, sich selbst umzubringen? Oder hatte sie es im Schockzustand, in einer Affekthandlung angesichts seines Todes getan? Noch mehr war es ihr ein Rät-sel, dass sich Paula in Erwartung eines Kindes, von dem Jette nichts geahnt hat-te, das Leben nehmen wollte. Sie hat sich immer Kinder gewünscht. Wusste sie vielleicht selbst nichts von ihrer Schwangerschaft? Sie war erst im zweiten Monat. Äußerlich konnte man noch nichts erkennen. Hat ihr Freund von der Schwangerschaft gewusst? Bevor sie sich mit ihm in Verbindung setzen würde, musste sie das klären und zuerst mit ihr selbst sprechen – wenn sie das über-haupt jemals wieder konnte. Entsetzliche Vorstellungen hielten Jette im Klam-mergriff und die Gedanken drehten sich ausweglos im Kreis.
»Frau Majer ist wieder fest eingeschlafen. Das ist gut so, sie ist noch sehr schwach und braucht viel Ruhe. Jetzt gehen Sie erst einmal nach Hause. In den nächsten Stunden wird sie sicherlich nicht wieder aufwachen und Sie können nichts für sie tun. Hat sie eigentlich Verwandte, die wir benachrichtigen kön-nen?«
»Nein, alle ihre Angehörigen sind tot. Ihr Großvater, bei dem sie lebte, hat ebenfalls Selbstmord begangen. Frau Majer hat ihn tot in seiner Wohnung vor-gefunden, als sie von einer Reise zurückkam, und dann selbst Hand an sich gelegt. Rufen Sie mich bitte unbedingt an, sobald sie Anzeichen des Erwachens zeigt, ich möchte bei ihr sein, wenn sie wieder in die Welt eintritt. Übrigens können Sie mich ruhig als so etwas wie ihre Schwester betrachten, auch wenn ich das nicht im biologischen Sinn bin. Ich bin die Einzige, die ihr volles Ver-trauen hat.«
»Was Sie mir da über die Familie von Frau Majer sagen, ist ja schrecklich. Ich werde sie im Auge behalten und mich sofort an Sie wenden, wenn sie auf-wacht oder etwas Unvorhergesehenes geschehen sollte. Das verspreche ich Ih-nen. Sie ist bei uns in guten Händen, Sie können ganz beruhigt sein.«
»Das weiß ich, ich bin Medizinstudentin und habe hier in dieser Abteilung mein Praktikum absolviert. Ich kenne den Laden also etwas.«
»Dann müssten wir uns ja schon begegnet sein.«
»Ja, ich kenne Sie. Aber Sie können sich offenbar nicht an mich erinnern. Ich war ja nur eine unscheinbare, unbedeutende Praktikantin, die ein vielbeschäf-tigter Arzt schon mal übersehen kann«, sagte sie mit leicht ironischem Unterton. Das angedeutete Lächeln nahm ihrem Gesichtsausdruck etwas von dem großen Schmerz, der sie bis dahin beherrscht hatte.
»Es ist unverzeihlich, dass ich mich nicht an Sie erinnern kann. Eine so hüb-sche junge Frau hätte mir eigentlich sofort ins Auge fallen müssen. Entschuldi-gen Sie bitte meine unentschuldbare Unaufmerksamkeit. Umso mehr werde ich mich dafür jetzt um ihre schwesterliche Freundin kümmern«, erwiderte er und verabschiedete sich von ihr mit einem festen, fast schmerzhaften Händedruck.
Jette Kreutzer ging zu Fuß zu ihrer Wohnung am Westendplatz. Sie hatte immer noch ihre unbequeme, für Spaziergänge viel zu warme und ungeeignete Motorradkluft an. Sie musste an den Motoradausflug denken, den sie gestern mit ihrer neuen Freundin unternommen hatte. Sie hatten das schöne Hochsom-merwetter genutzt und eine Tour in den Spessart gemacht. Bei einer Rast auf der Bayrischen Schanze, einem beliebten Ausflugsziel der Biker im Herzen des Spessart, hatten die frisch Verliebten in einem schattigen Biergarten etwas ge-gessen und getrunken. Sie fühlten sich unbeobachtet und unbeschwert mitten in der Biker-Community, deren martialisch anmutender männlicher Teil sich überwiegend aus Vollbartträgern mit blickundurchlässigen, dunklen Sonnen-brillen zusammensetzte und sich nicht um sie kümmerte. Lediglich einige Fa-milienvorstände, die mit ihrem Anhang ebenfalls einen Ausflug unternommen hatten, um die gerühmten Schweinshaxen oder Schnitzel zu verschlingen, war-fen ihnen verschämt-irritierte Blicke zu, als sie sich küssten und ihre Verliebtheit offen zeigten.
Der Großvater tot, Paula womöglich für immer behindert – und ich frisch verliebt. Das passt doch nicht zusammen. Darf ich in solch einer Situation ver-liebt sein? Darf ich Glück empfinden? Kann Glück und Leid so unmittelbar ne-beneinander in ein und derselben Person existieren?
Als Jette schließlich todmüde in ihre Wohnung zurückkam, ging sie als erstes unter die Dusche, um ihre Lebensgeister zu wecken und wieder Boden unter die Füße zu kriegen. Bevor sie frühstückte, machte sie dem aufdringlichen Blinken des Anrufbeantworters ein Ende. Ihre neue Liebe hatte mehrmals vergeblich versucht, sie zu erreichen. Jette rief zurück und heulte sich bei ihr aus. Die schweren, aus dem tiefsten Inneren herausströmenden Tränen taten gut und nahmen ein klein wenig von der Schwermut, die auf ihrer Brust lastete.
Nach dem Frühstück ging sie in Paulas Wohnung. Ernst Preuss war bereits abgeholt und in die Gerichtsmedizin gebracht worden. Die Polizei wollte ein Fremdverschulden ausschließen. Jette lüftete die Räume, steckte die Bettwäsche von Paula und ihrem Großvater in die Waschmaschine und versuchte, den Bettvorleger, auf dem noch Paulas Blutspuren zu sehen waren, zu reinigen. Jette hatte sich vorgenommen, für Paula zu sorgen, soweit es in ihren Kräften stand. Sie wollte ihr eine wirkliche Schwester sein.
Drei Wochen nach ihrer Einlieferung wurde Paula aus der Klinik entlassen. Sie war nicht mehr dieselbe. Physisch waren zwar keine bleibenden Schäden sichtbar geworden, in ihrem Auftreten jedoch war sie für Außenstehende kaum noch wiederzuerkennen. Es war in den ersten Wochen extrem schwer, über-haupt ein Gespräch mit ihr zu führen, so sehr kapselte sie sich nach außen ab. Trübsinnig und hölzern bewegte sie sich in einer Welt, mit der sie nichts mehr zu verbinden schien. Zärtlichkeiten von Jette wehrte sie beständig ab. Wenn Jette ihr über die Hand streicheln wollte, zog sie die ihre zurück.
Sie konnte ihr nicht verzeihen, dass sie sie nicht hat sterben lassen, und sie wurde für sie zur Projektionsfläche für all ihre Leiden und Zumutungen auf dieser Erde. Sie blieb kühl und reserviert gegenüber ihrer einst besten Freundin, und diese litt erbärmlich unter dieser Zurückweisung.
Nur einmal wurde in dieser ersten Zeit nach dem Klinikaufenthalt die hohe Mauer, die Paula um sich herum zementiert hatte, löchrig und Jette konnte zu ihr durchdringen. Sie saßen abends zusammen im Wohnzimmer, hörten Musik und waren dabei, ihre trübselige Stimmung mit ein paar Flaschen aus Großvaters Weinkeller zuzuschütten. Paula war auf dem Weg zur Küche, um eine wei-tere Flasche zu holen, als das Telefon klingelte. Erika, die Sekretärin aus Paulas ehemaliger Agentur, war am Apparat. Während des Telefonats hellte sich plötzlich Paulas Gesicht auf und ein Lächeln, das sie seit der Klinikentlassung nicht mehr gezeigt hatte, huschte über ihr Gesicht. Nachdem sie den Hörer auf-gelegt hatte, kam sie leichten Schrittes in das Zimmer und trank in einem Zug ihr volles Glas aus.
»Das ist doch endlich einmal ein positives Zeichen aus dieser beschissenen Welt da draußen. Diese Behnisch hat meinem Ex den Laufpass gegeben.«
Paula lachte hysterisch, unnatürlich krächzend und schrill.
»Aber das ist nicht alles. Seine Produktionsfirma hat ihn ebenfalls vor die Tür gesetzt, da er es mit der Agentur der Behnisch vermasselt hat. Die Behnisch, diese Schlampe, hat ihn vor allen Leuten runtergeputzt. Richtig so. Da hüpft einem doch das Herz! Geschieht diesem Scheißkerl gerade recht. Die Pest über ihn wäre noch besser.«
Sie schlug sich auf die Schenkel, strahlte vor Bosheit und Schadenfreude und prostete Jette zu, nachdem sie sich erneut nachgeschenkt hatte. Ihre Augen hatten einen heimtückischen, fast gewalttätigen Glanz. Jette starrte sie irritiert an.
»Mein Schatz, was wollen wir denn mit dem angebrochenen Abend anfan-gen? Bist du geil auf mich, Jette? Wills du mich ficken? Ich sehe so ein Funkeln in deinen Augen.«
»Ich bin nicht geil auf dich, ich liebe dich.«
»Das sagst du doch nur so. Im Grunde deines Herzens möchtest du mit mir schlafen. Diejenigen, die behaupten zu lieben, haben doch nichts anderes im Sinne als sich jemanden zu unterwerfen, um sich dann sexuell austoben zu können. Ich habe mir vorgenommen, mich nie mehr benutzen zu lassen. Falls mir irgendwann doch einmal der Sinn nach Sex kommen sollte, was ich mir im Moment allerdings nicht vorstellen kann, dann werde ich mir einen suchen, den ich ficken werde, und zwar ausschließlich zu meinen eigenen Konditionen, und ohne auch nur ein Milligramm von Gefühl oder Liebe zu investieren!«
Jette war entsetzt über Paulas grobe, vulgäre Sprache und die Menschenver-achtung und Verbitterung, die darin mitklang.
»Was ist nun, was wollen wir machen?«
»Ich denke, wir sollten die Gelegenheit nutzen, zu reden; miteinander und ohne aus der Luft gegriffene Unterstellungen.«
Paula sah sie mit hohlen Augen an.
»Wenn du zu nichts anderem Lust verspürst, gut, dann reden wir eben. Gibt es etwas Interessantes auf dieser Scheißwelt? Über was willst du denn reden? Über die Männer? Über die beschissene Liebe? Über Verständnis oder über Gefühle, die von aller Welt zertrampelt werden? Sag mir, worüber du mit mir sprechen willst? Es gibt nichts, aber auch gar nichts, über was es sich lohnen würde, zu labern. Alles ist gesagt, alles liegt klar vor aller Augen. Die Welt ist eine Kloake. Piss drauf, dann hast du dich wenigstens erleichtert. Aber nicht einmal das können wir Frauen ja zielgenau. Pissen ohne Ziel und Verstand, das ist der Frauen Glück in einem beschissenen Vaterland, ha, ha.«
Paula lächelte. Kein Lächeln, das im anderen ein Echo sucht, sondern weh tun will.
»Ich will über dich reden. Über Paulas Zukunft, über Paulas Möglichkeiten.«
»Ha, meine Liebe, was gibt`s über Paula zu reden? Nichts, nicht das Gerings-te! Und über meine Zukunft schon mal erst recht nicht. Du hast mir meine Zu-kunft genommen, in der ich mich schon fast eingerichtet hatte. Die Zukunft ist der Tod.«
»Schon recht, wir alle müssen sterben, aber vorher gibt es das Leben, das hat die Natur nun mal so eingerichtet. Ich habe dir nichts genommen. Der Tod ist nicht weg, sondern wird dich immer begleiten, ob du das willst oder nicht. Ich habe dir den Tod nur für später aufbewahrt. Solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn jedoch der Tod da ist, sind wir nicht mehr. So einfach ist das mit dem Leben und dem Tod. Bevor du wieder Kontakt zu ihm aufnimmst, musst du erst noch etwas für dein Leben machen.«
»Und wie ist das mit dem ungeborenen Leben? Mein Kind in meinem Bauch ist tot. Unwiederbringlich. Es kann nichts mehr aus seinem Leben machen.«
»Das ist entsetzlich, ja. Es tut mir unendlich leid für dich, Paula.«
»Es braucht dir nicht leid tun, ich hatte bereits an Abtreibung gedacht und bin nun der Entscheidung enthoben worden. Es ist besser, ich bringe mein Kind ei-genhändig um, anstatt dies Handwerk den Ärzten zuzumuten. Es ist gut so, es hätte mich jeden Tag an diesen Scheißkerl erinnert. So, wie meine Mutter durch mich jeden Tag an ihren treulosen Ehemann gemahnt worden war.«
»Du hast immer noch die Möglichkeit ein Kind zu bekommen.«
»Jette, das glaubst du doch selbst nicht. Nie mehr werde ich ein Kind be-kommen. Du kannst doch auch ohne leben, oder wie willst du schwanger wer-den ohne Mann.«
»Es gibt auch noch die künstliche Befruchtung, ganz zur Not würde ich mich vielleicht sogar von einem Leih-Mann befruchten lassen. Aber es stimmt, der Wunsch nach einem Kind ist bei mir gering ausgeprägt. Es gibt so vieles andere in der Welt, was mich mehr reizt.«
»Du bist zu beneiden, für mich stand der Kinderwunsch immer stark im Vor-dergrund, aber das ist jetzt aus und vorbei. Schade, ich werde mich damit ab-finden müssen. Ich sage dir ja, ich habe keine Zukunft mehr, abgesehen vom Tod. Ich wüsste auch gar nicht, was ich machen sollte, ich kann doch nichts.«
»Von Nichtkönnen kann keine Rede sein. Du kannst, wenn du nur willst. Du musst wollen, dann hast du schon einen kleinen Zipfel vom Glück erhascht. Das Glück des Menschen besteht nicht allein darin, dass du tun kannst, was du willst, sondern hauptsächlich darin, dass du immer willst, was du tust.«
»Was kann ich denn, Zahlenkolonnen zusammenzählen, ja das kann ich. Und was sonst?«
»Du kannst studieren. Du hast alle Fähigkeiten dazu und durch die Erbschaft auch die finanzielle Möglichkeit.«
»Studieren? Ich habe doch noch nicht einmal das Abitur. Keiner in meiner Familie hat studiert.«
»Ich denke, es ist gut, sich aus Verhältnissen zu lösen, die einem die Luft nehmen. Werde, wozu du fähig bist, zu werden. Du kannst das Abitur nachmachen. Es gibt zum Beispiel das Hessenkolleg. Das ist für Leute wie dich wie maßgeschneidert.«
»Und was denkst du, zu was ich fähig bin bei meinem Drang zur Selbstzerstörung, meinem beklemmenden Drang, den ich im vollem Bewusstsein realisiert habe.«
»Deine Fähigkeiten musst du schon selbst entwickeln. Suche dir etwas, wo du auf eigenen Beinen stehen kannst, etwas, das dich unabhängig macht und das dir Spielräume für die Entwicklung deiner Möglichkeiten bietet. Ärztin zum Beispiel.«
»Damit ich mich beim nächsten Mal selbst retten kann.«
Jette überging die Bemerkung.
»Oder Rechtsanwältin, oder erfolgreiche Managerin. Ein bisschen mehr Geld zu verdienen, als man zum Überleben braucht, wäre förderlich für die Verwirk-lichung solcher Träume. Selbständigkeit oder zumindest eine relativ hohe Posi-tion natürlich auch. Je weniger du über dir hast, desto weniger wirst du ange-macht und musst dir gefallen lassen, und das gilt, wie jeder weiß, ganz beson-ders für uns Frauen.«
»Bist du jetzt total übergeschnappt. Du hast wohl vergessen, dass ich nur eine kleine Buchhalterin bin, oder vielmehr war. Ich kann nichts.«
»Nichts bleibt so wie es war. Ich meine das sehr ernst. Du bist blitzgescheit und kannst alles, wenn du nur willst.«
Paula schüttelte zweifelnd den Kopf. Jette nickte ihr aufmunternd zu.
»Ich bin nicht du, aber wenn du unbedingt willst, werdʹ ich mir das einmal bei Gelegenheit durch den Kopf gehen lassen. Bist du zufrieden mit deiner Pa-tientin?«
Sie nuckelte gelangweilt an ihrem Weinglas herum.
»Nicht ich muss wollen, du bist es, um die es geht. Ich studiere ja bereits, wie du vielleicht schon bemerkt hast. Prost, meine Liebe, und vergiss mich nicht, wenn du einmal ein hohes Tier bist.«
Sie redeten und tranken noch lange und es wurde spät, bis die Freundinnen, leicht angetrunken, ins Bett gingen. Paula blieb noch lange wach, fand keine Erlösung im Schlaf. Die trübsinnigen, hoffnungslosen Gedanken kreisten um ihr gescheitertes, junges Leben.
Kapitel II
Das Wesen der ersten großen Liebe ist,
dass sie nicht überdauert,
dass sie vergeht, ohne jemals wirklich zu vergehen.
Es ist die Vertreibung aus dem Paradies,
die notwendig war, um ein Mensch zu werden.
Wolfram Fleischhauer
Es war an einem Freitag. Er lehnte, die Beine locker übereinandergeschlagen, mit dem Rücken an der Wand und trank ein Bier, während er, etwas verloren wirkend, über die junge Gästeschar des Clubs hinwegblickte. Die schwarzen, in der Mitte gescheitelten Haare glänzten seidig im grellen Licht der Spotlights, die, wie Suchscheinwerfer von Flakgeschützen, hastig über die wogende Menge huschten. Paula Majer sah zu ihm hinüber, als er sich gerade eine Zigarette anzündete. Ihr Blick blieb auf seinem Gesicht haften. Er hatte ein kantiges, sehr männliches Gesicht mit stark hervortretenden, fast indianisch wirkenden Wangenknochen. Die schwarzen, ausdrucksvollen, exotisch anmutenden Augen signalisierten Sanftmut und auch Unsicherheit. Im Gegensatz zu den Augen hinterließ der etwas gedrungene Körperbau mit dem mächtigen Brustkorb, der sich unter dem enganliegenden T-Shirt deutlich abzeichnete, den Eindruck von ungebändigter, wilder Kraft.
Paulas Körper straffte sich. Sie hob kämpferisch ihr Kinn, streckte absichts-voll ihre Brust nach vorn und nestelte an dem mit Spitzen besetzten Ausschnitt ihres Tops herum. Mit einem gewinnenden Lächeln im Gesicht versuchte sie, seinen Blick auf sich zu lenken. Als sich die beiden Augenpaare kreuzten, war ihr, als ob ein Stromstoß durch ihren Körper zuckte, ihr wurde siedend heiß, das Blut sackte ihr plötzlich aus dem Kopf und sie musste sich an einer Stange, die hinter ihr an der Wand entlang führte, festhalten. Benommen wandte sie sich von ihm ab und ging zur Toilette.
Sie schüttelte, überrascht über ihre Körperreaktion, den Kopf und betrachtete sich im Spiegel. Sie bekam ihre Gefühle nicht in den Griff, sie waren flüchtig wie ätherische Öle. Paula bändigte die schulterlangen, blauschwarzen Haare hinter den Ohren, strich sich die mit silbernen Strähnchen durchsetzten, bis über die Augenbrauen reichenden Pony-Fransen aus dem Gesicht und zog den Lidstrich nach. Sie musterte sich mit ihren nachtschwarzen Augen im Spiegel des kleinen Waschraums. Kritisch, prüfend. Einige kleine Sommersprossen, die auf ihrem dunklen, südländisch wirkenden Teint merkwürdig deplatziert wirkten, gruppierten sich um die Nasenwurzel. Früher fand sie die kleinen zartbraunen Flecken niedlich, heute versuchte sie, sie zu verstecken, weil sie ihrer festen Überzeugung nach ihrem Gesicht einen zu weichen und zu mädchenhaften Gesichtsausdruck verliehen. Sie arbeitete intensiv an ihrer erotischen Ausstrah-lung, gleichzeitig war sie aber auch sehr bemüht, sich in der Öffentlichkeit als uneinnehmbare Festung zu präsentieren und ihrem Äußeren einen provokanten Touch zu geben. Die rechte Augenbraue und einen Nasenflügel hatte sie pier-cen lassen. Sie trug auch ein Intim-Piercing, der ihr erotisches Selbstgefühl stimulierte. Die linke Ohrmuschel zierten zehn, die rechte sieben wie auf einer Perlenschnur aufgereihte winzige Swarovski-Steine. Den Achtzehnten hatte sie schon gekauft. Er lag zu Hause bereit. Sie bezeichnete sie als ihre Alterssteine, jedes Jahr kam ein neuer hinzu. Auf die kräftigen, geschwungenen Lippen hatte sie schrilles Pinkrot aufgetragen, die Finger- wie auch die Fußnägel waren schwarzlila lackiert und die Wimpern künstlich verlängert. Zu dem bauchfreien schwarzen Top trug sie eine hautenge, dreiviertel lange rote Seidenhose und hochhackige Sandaletten.
Sie sprühte sich etwas kaltes Wasser in das glühende Gesicht. Ihr Blick verlor sich. Er ist hübsch, vielleicht sogar etwas zu hübsch für einen Mann, aber er hat einen tollen athletischen Körper, dachte sie.
Sie war sich nicht sicher, ob er nicht vielleicht homosexuell war. In der Disco wimmelte es von Schwulen und Lesben. Die Legierung von betonter Körper-lichkeit und weicher Ausstrahlung sprächen für diese These.
Sie bewegte unsicher den Kopf hin und her.
Völlig unerwartet schlich sich plötzlich ein ganz anderes Bild in ihren Kopf. Die Konturen eines Mannes wurden sichtbar, die sich unauslöschlich in ihr emotionales Gedächtnis eingebrannt hatten.
Paula legte ihren Kopf leicht zur Seite und lächelte sich im Spiegel an. Bilder aus der Vergangenheit legten sich über die Gegenwart. Sie erinnerte sich an eine Liebesgeschichte aus ihrer Kindheit. Die romantischen Empfindungen, die sie damals beim Lesen gehabt hatte, durchfluteten in dem nüchternen Wasch-raum ihren Körper, jede Differenz zwischen Traum und Wirklichkeit ignorie-rend. Die Sätze einer Passage aus diesem Indianerbuch, die ihr besonders gefal-len hatte, formten sich in ihrem Kopf:
»Tecumapese lag mit geschlossenen Augen auf der Wiese und dachte an Kumskaka, der mit seinen Freunden auf der Jagd war. Nachher, wenn die Dämmerung sich über das Land legen wird, wird er zu ihr in das Zelt kommen. Kumskaka wird sie in seine Arme schließen und sie mit dem, was er auf der Jagd erlegt hatte, beschenken. Er, der Schwarm aller Indianermädchen des Stammes der Shawnee und Sohn des Häuptlings, hatte sich aus der großen Schar Gleichaltriger für sie entschieden. Sie war stolz, glücklich und sehn-suchtsvoll. Heute Nacht wird sie seine Frau werden. Sie werden sich lieben, für ewig die Treue schwören und von der heutigen Nacht an für immer zusammen sein.«
FCK, ihr damaliger Lieblingsschriftsteller, von dem sie nur das Pseudonym-Kürzel kannte, hatte mehrere Bücher mit Geschichten über Indianer geschrie-ben, und sie hatte sie alle verschlungen. Sie waren damals für sie als Elfjährige fester Bestandteil ihrer Träume und Jungmädchenfantasien gewesen. Aber kei-ne seiner Geschichten hatte sie so fasziniert wie die des jungen Indianerpaares Tecumapese und Kumskaka, die gemeinsam allen Widrigkeiten des entbeh-rungsreichen Indianerlebens getrotzt hatten und nie irgendwelche Zweifel an ihrer großen Liebe aufkommen ließen. Als sie, wie so oft, in der Stadtbücherei nach neuem Lesestoff Ausschau gehalten hatte, war sie auf ein Lexikon über Indianernamen gestoßen und erfuhr die Bedeutung von Tecumapese und Kumskaka, nämlich ›Sternschnuppe‹ und ›Fliegende Katze‹. Danach hatte sie ihre Mutter so lange gedrängt, bis sie ihr ein Kostüm schneiderte, das mit etwas Fantasie einer Sternschnuppe ähnelte. Das hatte sie manchmal, wenn sie allein zu Hause war, oder aber zum Fasching auf der Straße, getragen, auf dem Arm eine Plüschkatze, der sie selbst zartrosa Flügel angenäht hatte. Niemand wuss-te, was es bedeutete, wenn sie zärtlich über das weiche Kunstfell der Katze streichelte.
Paula verscheuchte die Gedanken an ihre Kindheit und gab sich wieder ganz der Gegenwart hin. Sie fragte sich, was dieser Mann mit den indianisch anmu-tenden Gesichtszügen da draußen in den Gängen des Technoclubs an sich habe, dass ihre Hormone verrücktspielten und sie beinahe in eine romantische Ohnmacht gefallen wäre. Sein Bild verdrängte alles andere in ihrem Kopf und jeder Gedanke an diesen Mann führte dazu, dass ihr Körper von einem prickelnden Gefühl erfasst wurde und sich ihre Nackenhaare hochstellten.
Sie fühlte sich beflügelt und wollte ihren Körper spüren. Wie sie es in ihrer Schulzeit schon oft gemacht hatte, entledigte sie sich ihres BHs und stopfte ihn in ihre kleine, rotlackierte Umhängetasche. Sie zog das kurze Top straff über den Busen. Sie legte noch etwas Lippenstift nach und zupfte einzelne Haare, die in dem grellen Licht der Toilette sichtbar geworden waren, von den Schul-tern. Bevor sie ging, räkelte sie sich nochmals voll Tatendrang vor dem Spiegel. Sie lachte sich zu. Sie fühlte sich wohl in ihrem Körper und sah im Spiegel eine erotische, begehrenswerte Frau. Sie spürte den seidigen Stoff auf ihren nackten Brüsten und als sie mit der Hand leicht über ihren Busen streifte, war ihre Haut wie elektrisiert und die feinen, kaum sichtbaren Härchen auf ihren Unterarmen richteten sich auf.
Die Beats, die man durch die Toilettentür nur gedämpft vernommen hatte, wummerten ihr nach dem Verlassen des Toilettenraums mit voller Lautstärke entgegen. Sie blieb einen Augenblick an der Tür stehen, bis sich die Augen wieder an das schummrige Licht gewöhnt hatten. Dann ging sie die steile Trep-pe hoch auf den Dancefloor der Haupthalle. Die mannshohen Lautsprecherbo-xen sorgten für eine kristalline Wucht des Sounds, der in den tanzenden Leibern aufgefangen wurde und sich in vibrierende, ekstatische Bewegungsimpulse umsetzte.
Paula ließ ihren Blick über die wogenden Körper auf der Tanzfläche gleiten. Sie ging zu der Stelle, wo ein überdimensionaler weiblicher Akt die ansonsten eintönig grau gehaltene Wand zierte. Sie streifte mit den Fingerspitzen über das Bild. Genau an dieser Stelle hatte er gestanden und ein Bier getrunken. Sie war-tete. Sie wartete lange und vergebens.
Es war laut und eng und die Körper gönnten sich keinen Raum. Die Farben der Lichtstrahler in der kleinen Bar changierten zu der Musik. Sie holte sich ein Bier und schlenderte in den Biergarten, einem lauschigen Innenhof, in dem die erhitzten Jugendlichen durchatmen konnten. Es war gegen zwei Uhr, die Party begann jetzt erst richtig und das Gedränge erreichte seinen Höhepunkt. Paula ging in das Obergeschoss, eine Panorama Bar, in der sich überwiegend die Schwulen und Lesben tummelten und ihrem eigenen Begehren in die Augen schauten. Gestählte, halbnackte Körper bewegten sich im hämmernden Rhyth-mus der Gay-Community. Ihre Suche blieb auch hier erfolglos. Paula blieb bis gegen vier Uhr. Er blieb unauffindbar. Sie schwang sich auf ihr Fahrrad und fuhr nach Hause. Lange lag sie wach im Bett, unfähig, ihren Kopf zu leeren.
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Sie saß lange am Küchentisch und ihre Gedanken schweiften ab in ihre Kindheit. Sie war erst drei Jahre alt gewesen, als sich ihre Eltern trennten. Zwar hatte sie an Paulo, ihren chilenischen Vater, keine Erinnerungen mehr, aber die Mutter hatte ihr verbittert erzählt, dass er eines Tages mit einer Spanierin sang- und klanglos verschwunden war, nur ein Jahr, nachdem sie nach Deutschland zurückgekehrt waren. Er ließ nie wieder etwas von sich hören. Sie löschte ihn aus ihrem Kopf. Paula konnte sie nicht ausblenden, sie verblieb der Mutter als verkörperte Erinnerung an den Mann, der sie ins Unglück gestürzt hatte. Sie war das Kuckucksei, das ihr Paulo ungewollt in den Schoß gelegt hatte, wie sie sich ausdrückte, und das sie nun allein ausbrüten und großziehen musste.
Paula sehnte sich nach einem Vater und war damals insgeheim neidisch auf die Mitschüler, wenn sie von ihrem ›Papa‹ erzählten, der für sie da war, wenn er gebraucht wurde, der mit ihnen spielte, der ihnen die Welt erklärte. Die Männer, die ihre Mutter ins Haus schleppte, konnten die entstandene Lücke nicht schließen, wie auch die Mutter den fehlenden Vater nicht ersetzen konnte und wenig dafür tat, ihr das Gefühl zu vermitteln, einer Familie anzugehören und darin Geborgenheit finden zu können. Im Gegenteil, sie empfand sich häufig eher als störender Faktor im häuslichen Getriebe, denn als geliebtes Kind und Familienmitglied. Oft wurde sie von der Mutter außer Haus geschickt, damit diese sich mit ihren häufig wechselnden Liebhabern ungestört vergnügen konnte. Paula wuchs im Schlepptau einer Frau auf, die überzeugt war, vom Le-ben betrogen worden zu sein, und die einen Großteil ihrer Energie dafür ver-wendete, den von Paulo an ihr verübten Verrat vergessen zu machen. Sie suchte ihr Glück, von dem sie meinte, dass es ihr zustand, in immer neuen Männerbekanntschaften, aber nicht in ihrer Tochter.
Paula litt in ihrer Kindheit unter den Entzugserscheinungen nicht gewährter Liebe, Achtung und Aufmerksamkeit. Je häufiger ihr diese lebenswichtigen Es-senzen vorenthalten wurden, desto mehr dürstete sie danach. Als Ersatz zur Be-friedigung dieser Sehnsüchte dienten ihr Bücher. Sie gewährten ihr in der von der Mutter dominierten, engen Welt Asyl. Die Mutter sah es nicht gerne, mehr noch, sie missbilligte es, wenn sie sich in ihre Bücher vergrub und, wie sie sich ausdrückte, jeden Sinn für die reale Welt verlor.
»Das viele Lesen verdirbt den Charakter und die Augen, mach was Prakti-sches, geh raus ins Freie zum Spielen«, war so ein Standardsatz, mit dem sie ih-re Tochter in die Realwelt zu scheuchen versuchte.
Paula fand jedoch genügend Wege, die Wünsche der Mutter zu hintergehen. Sie las, wenn die Mutter außer Haus war, und das war häufig der Fall, oder aber abends oder manchmal auch nachts im Bett im Schein einer Taschenlampe unter der Bettdecke. Paulas Interesse an dem, was in der realen Welt und der phantasierten Welt der Bücher geschah, war übergroß. Mangels Gesprächspart-ner befriedigte sie ihre Neugier, indem sie alles verschlang, was ihr an Lesbarem in die Finger kam, Tageszeitungen, Magazine, Sachbücher, sei es über Philosophie, Soziologie, Ökonomie, Psychologie, Geschichte oder Naturwissenschaft. Am liebsten aber waren ihr Geschichten, Erzählungen und Romane. Sie erfasste den Inhalt des Gelesenen mit ihrem fotografischen Gedächtnis unge-mein schnell. Obwohl sie geradezu über die Seiten flog, vergaß sie nichts von dem, was sie einmal gelesen hatte und konnte das einmal Gelesene mühelos aus dem Kopf wörtlich wiedergeben. Ihre Seele war gefüllt mit Liebes- und Abenteuergeschichten aus aller Welt. Die virtuellen Welten der Bücher wurden ein Teil von ihr. Sie waren ihr manches Mal näher und wirklicher als die Wirklichkeit selbst und sie blieben immer, anders als die reale Welt, als fantasierte Lebenswelten für sie formbar. Mühelos konnte sie von einer Welt in die andere springen, und es war nicht immer ganz eindeutig, in welcher sie sich gerade befand, wenn sie mit jemandem sprach oder etwas erzählte. Fantasie und Wirklichkeit purzelten oftmals durcheinander und für Lehrer, Mitschüler oder auch ihre Mutter, war es oftmals schwierig, wenn nicht gar unmöglich, Wahrheit von Erfindung, Tatsache von Dichtung zu unterscheiden.
Paula stand vom Küchentisch auf, um unter die Dusche zu gehen. Sie räkelte sich entspannt unter dem heißen Wasserstrahl. Als sie aus der Duschkabine trat und das Wasser an ihrem Körper abperlte, spürte sie die Empfindsamkeit der Haut. Die kleinen Körperhärchen richteten sich auf. Ein leichtes, angenehmes Kribbeln zog sich von den Nackenhaaren über den Rücken bis zum Po hinun-ter.
Das Gesicht des unbekannten Clubbesuchers verdrängte die Gedanken und Bilder der Vergangenheit. Sie fragte sich zum wiederholten Mal, warum sie sich in diesen Mann verliebt hatte. Was war in ihrem Gehirn geschehen, das aus all den tausenden von Reizen, die dieser wie jeder andere Mann auch ausgesendet hatte, in Sekundenschnelle die entscheidenden Sympathieträger herausgefiltert und die undurchlässig geglaubte Pforte in ihr gehütetes Inneres mit einem geheimnisvollen Schlüssel geöffnet hatte.
Sie war fest entschlossen, auch wenn es Monate dauern würde, diesen Mann aufzuspüren. Etwas in ihr hatte sich für ihn entschieden und sie in einen kaum mehr kontrollierbaren Unruhezustand versetzt.
Sie ging von nun an jeden Abend in den Technoclub. Sie hatte immer dassel-be an. Sie setzte auf den Wiedererkennungseffekt und die Signalwirkung ihres Outfits, das letzte Woche zumindest seine Aufmerksamkeit geweckt hatte.
Es ist jetzt sieben Tage her seit sich ihre Blicke gekreuzt hatten. Sie schlen-derte wie immer durch die verschiedenen Etagen des Clubs, trank ein Bier an der Bar, schäkerte mit dem Barkeeper und nahm ihre Tour durch die Clubräu-me wieder auf. Es war gegen zwei Uhr, als sie ihn entdeckte. Er stand mit einer Frau an der Bar im Obergeschoss. Sie starrte erregt auf das Paar, das sich inte-ressiert zu unterhalten schien. Er sah genauso aus, wie sie ihn abgespeichert hatte.
Aber, Himmel noch mal, er ist schwul, ging es ihr durch den Kopf. Was hätte er sonst hier oben bei den Schwulen und Lesben zu suchen?
Als sie auf ihn zuging, drehten sich beide in ihre Richtung und fixierten sie. Seine Pupillen weiteten sich und er sah sie ungläubig an. Dann kniff er die Au-gen zu Schlitzen zusammen. An der Einbuchtung zwischen Nasenwurzel und Stirn zeigten sich zwei tiefe Längsfalten. In seinem Kopf schien es zu arbeiten.
Er versucht sich zu erinnern, mich einzuordnen, dachte Paula.
Er flüsterte seiner flachbrüstigen, stämmigen Nachbarin etwas ins Ohr. Diese musterte daraufhin Paula neugierig von oben bis unten. Paula war diese unver-hohlene Begutachtung ihres Körpers unangenehm. Sie fühlte sich von deren Blicken entblößt. Die Frau hat sie nicht nur mit ihren Augen ausgezogen, ihr einladendes Lächeln sollte wohl auch andeuten, dass sie verstanden habe, wa-rum sie sich hier oben bei den Lesben herumtreibe. Paula ärgerte sich über die Selbstverständlichkeit, mit der diese Frau von ihr Besitz zu nehmen versuchte. Ihr Ärger schlug unmittelbar in eine lauernde Angriffsbereitschaft um. Ihre Bli-cke schweiften im Wechselbad der Gefühle unruhig zwischen ihr und ihm hin und her, als er sie mit einer weichen, warmen Stimme ansprach:
»Hi, haben wir uns hier nicht schon einmal gesehen? … Ich glaube, es war letzte Woche. Letzten Freitag, richtig?«
Die Tonlage war höher als sie erwartet hatte und schien aus einem viel schmächtigeren Körper hervorzudringen, als dem, der sich ihren Augen darbot.
»Ja, wir haben uns letzten Freitag getroffen. Aber es war nicht hier.«
»Nicht hier im Club? Ich war mir fast hundertprozentig sicher, dass wir uns hier gesehen haben. Aber, wenn nicht hier, wo denn dann?«
Sie war jetzt ganz nahe bei ihm. Er roch angenehm. Er hatte ein Achselshirt an und unter der glatten, braungebrannten Haut seiner Arme traten deutlich die Sehnen hervor. Die muskulösen Arme hatte er vor der Brust gekreuzt.
»Doch, doch es war schon hier im Club, aber ein Stockwerk tiefer, nicht hier oben bei den Lesben.«
Sie blickte herausfordernd zu der Frau neben ihm und sagte mit sarkasti-schem Tonfall zu ihr gewandt:
»Ich muss dich leider enttäuschen. Ich bin nicht abonniert auf diese Etage.«
Diese musterte sie ein zweites Mal eingehend und grinste sie an.
»Schade. Hübsch bist du, zart, attraktiv. Ich hätte mir gewünscht, mit dir läuft etwas. Als du so auf uns zugekommen bist, hatte ich ein Supergefühl in mir verspürt«, gab die Brünette offen ihr Interesse an ihr preis.
Sie fuhr sich mit der einen Hand durch ihre streichholzlangen Haare und griff mit der anderen nach ihrem Cocktailglas, trank einen kräftigen Schluck und strahlte über das ganze Gesicht. Sie schien ihre Enttäuschung schnell verdaut zu haben oder konnte sie zumindest gut überspielen.
»Wenn nicht ich, meine Liebe, dann kommt aber doch hoffentlich mein lie-ber Freund zum Zuge. Er steht auf Frauen wie du eine bist: zierlich und seidig. Stimmt doch, oder?«, sagte sie zu ihrem Nachbar gewandt.
Sie stupste ihn an, spitzte ihre schmalen Lippen zu einem angedeuteten Kuss und machte ein eindeutiges Handzeichen.
Der Angesprochene blieb reglos und stumm stehen.
Paula war erleichtert, als sie vernahm, dass er nicht schwul war, und diese Person neben ihm nicht seine Freundin, oder genauer keine Freundin zum Vö-geln.
»Ich denke mal, das bestimmst nicht du, wer mit wem was zu tun haben will. Ich suche mir selbst aus, ob und mit wem ich ins Bett gehen will, und ich nehme stark an, dein Begleiter wird sich das auch nicht von dir diktieren lassen wollen«, sagte sie mit scharfem Tonfall.
»Oh Gott, bist du eine empfindliche Mimose. Hast wohl was gegen Lesben, oder warum bist du so zickig?«
»Das ist doch jetzt sehr billig. Ich habe nichts gegen Lesben, aber gegen geile Weiber wie dich, die einen schon ausziehen und sich mit jemandem im Bett liegen sehen, bevor man einen Atemzug vollendet hat.«
»Spiel dich nicht auf, es sieht doch jeder, was mit dir los ist, oder zumindest diejenigen, die Augen haben, zu sehen. Und ich habe solche Augen.«
»Ist mir da etwas entgangen?«, mischte sich jetzt, neugierig geworden, ihr Begleiter in das Gespräch ein.
Er erhob sich von seinem Barhocker und versuchte mit einem versöhnlichen Grinsen im Gesicht die Situation zu entgiften.
Er ist kleiner als ich gedacht habe, ging es ihr durch den Kopf, als er neben ihr stand. Sie, selbst ein Meter dreiundsechzig groß, reichte ihm bis zur Nasenspitze.
»Schon gut mein Lieber. Dir ist tatsächlich etwas entgangen. Aber was, das versteht ihr Männer sowieso nicht, dafür habt ihr einfach kein Organ. Ich räume jetzt das Feld. Mark, ich wünsch dir viel Spaß mit dem hübschen Ding hier«, sagte sie und ließ ihren schamlosen Blick nochmals provokant über Paulas Körper gleiten.
»Du bist spitz, stimmt’s? Ich hab‘ das gleich bemerkt. Leider nicht auf mich«, flüsterte sie Paula im Vorbeigehen ins Ohr und tippelte von dannen.
Paula fühlte sich durchschaut. Diese Frau hat entdeckt, was nicht für die Öf-fentlichkeit bestimmt war. Sie hatte gut beobachtet. Natürlich hatte sie sich ab-sichtsvoll präsentiert, um diesen Mann zu beeindrucken. Sie wollte ihn anma-chen und verführen. Sie, die Liebeswaise, die an Liebe nicht mehr geglaubt hat-te, hatte sich in dem Augenblick, als sie ihn sah verliebt und verspürte jetzt, in seiner unmittelbaren Nähe, eine Ahnung davon, was Liebe sein könnte. Und sie wünschte sich sehnlichst, dass er sie nicht nur begehren, sondern sich ebenfalls in sie verlieben möge.
Mark blickte etwas ratlos und alleingelassen hinter seiner Freundin her. Er fuhr sich reflexhaft mit der Hand durch sein Haar, legte seine Stirn in Falten und schien nachzudenken, was die Worte seiner Freundin bedeuten konnten.
Paula baute sich vor ihm auf, so dass ihr Dekolleté stärker in sein Blickfeld geriet, und blickte ihm mit liebenswürdiger Miene und dem charmantestes Lä-cheln, das ihr zur Verfügung stand, in die Augen.
»Vergiss das Gerede deiner Freundin, es war nicht wichtig, dir ist nichts ent-gangen. Wollen wir nach unten gehen?«
Er erwiderte ihren Blick und nach kurzer Zeit machte sich ein breites Grinsen in seinem Gesicht breit
»Ihr Frauen seid schon seltsame Wesen. Ich werde euch wohl nie verstehen.«
»Das brauchst du auch nicht. Wir verstehen uns oft selbst nicht. Wenn du aber versuchen würdest, uns zu entdecken, wärst du schon weiter, als sehr viele andere Männer.«
»Okay, lassen wir das. Wie heißt du?«
»Paula.«
Er sah sie musternd an.
»Was du auch sonst über Yvonne denken magst, in einem hat sie recht, du bist superhübsch. Ja, du bist so unnahbar schön, dass ich nie gewagt hätte, dich von mir aus anzusprechen.«
»Jetzt übertreib mal nicht, du machst mich ganz verlegen.«
»Nein, wirklich, es ist wahr, und du glaubst gar nicht, was für ein Stein mir vorhin vom Herzen gefallen ist, als du sagtest, dass du nicht auf diese Etage abonniert bist. Hast du Lust, mit mir nach unten in den Biergarten zu gehen, da können wir uns besser unterhalten? Ich denke, hier oben sind wir beide ohnehin fehl am Platz.«
Paula atmete durch. Sie schloss die Augen und für einen kurzen Augenblick verschwand die Welt um sie herum, sie spürte lediglich wie ihr Herz heftig gegen die Brust schlug und sie nur noch Körper war, ohne Sinn und Verstand. Sie schüttelte sich leicht, kam wieder in die Wirklichkeit zurück und ergriff beherzt seine Hand, um mit ihm in den Biergarten zu gehen.
Sie unterhielten sich angeregt, tanzten und tranken reichlich. Paula wurde von Stunde zu Stunde mehr von der Männlichkeit, der ungewöhnlichen zartfühlend-herben Art dieses Mannes berauscht. Sie lauschte seinen Worten und seinen Geschichten, verliebte sich in seine Stimme, die wie eine süße Melodie in ihrem Ohr klang, in seine Erzählkunst, bis schließlich diese einzelnen Sinneswahrnehmungen in einen großen Gefühlsrausch zusammenflossen.
Sie blieben bis das fahle Grau des frühen Morgens die Nacht verdrängt hatte. Mark, nicht mehr ganz fahrtüchtig, ließ sein Auto stehen. Paula nahm ihn auf ihrem Fahrrad mit. Sie fuhr mit ihm, vom ersten morgendlichen Gezwitscher der erwachenden Singvögel begleitet, zu seiner Wohnung und radelte dann beschwingt nach Hause.
Sie lag lange wach im Bett und dachte über sich und das seltsame Wesen Frau in ihr nach: Da läuft einem so ein Kerl über den Weg und urplötzlich ist alles anders und die Erdkugel kommt ins Schlingern. Die Vergangenheit wird gegenstandslos, die Gegenwart übermächtig und die still gehegten Visionen nehmen Gestalt an und werden körperlich.
Paula stellte fest, dass jeder Satz, jedes Wort von Mark tief in sie eingedrun-gen und die Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem vollständig aufgehoben war, und sie glaubte, dass ihre Empfindungen, die diese Worte hervorgerufen hatten, ein Zeichen für etwas waren, das ihre Zukunft für immer bestimmen würde. Sie schien am Ziel ihrer Träume angekommen zu sein. Sie sah in Mark den Mann verkörpert, den sie sich als Mädchen ersehnt hatte und dem sie sich nun öffnen könnte, ohne Angst haben zu müssen, verletzt zu wer-den.
Paula dachte zurück an die Zeit, als sie ein zwölf-, dreizehnjähriges Mädchen war und von der großen Liebe geträumt hatte, und wie sie damals ihre ver-träumten Gefühle auf FCK, den Autor ihrer Indianergeschichten, übertragen hatte. Er war ihr großer Star, wie für andere Mädchen ihres Alters damals John Travolta oder Silvester Stallone. Sie war überzeugt, dass ein Mann, der über Liebe so einfühlend schreiben konnte, selbst zu solch großer Liebe fähig sein musste.
So schön die Welt war, die sie in ihren Büchern erlebte, so schwer war für sie aber oft die Wirklichkeit, das Erleben des Alltags, wenn sie sich angefeindet, unverstanden und ausgegrenzt fühlte. Je weniger Anerkennung sie fand, desto rebellischer und provozierender führte sie sich auf. Zu ihrem eigenen großen Unglück hinkte sie gleichaltrigen Mädchen körperlich fast um ein Jahr hinter-her, was ihr zusätzliche Hänseleien einbrachte, mit denen sie zu kämpfen hatte. Die verzögerte körperliche Entwicklung war für sie besonders schmerzhaft, als sie in ein Alter kam, wo bei den meisten Mädchen der Busen zu wachsen be-gann, sich bei ihr selbst aber nichts dergleichen anbahnte. Sie war eifersüchtig und beneidete insgeheim diese Mädchen, die mit ihren Brüsten die Blicke der Jungen auf sich ziehen konnten, obwohl viele dieser Mädchen, wie sie glaubte, nicht so hübsch waren, wie sie selbst. Sie fühlte sich ungerecht behandelt, nicht nur von den Mädchen, sondern auch von den Jungen, die sie mit hochnäsiger Nichtbeachtung straften. Sie kapselte sich ab, zeigte beiden die kalte Schulter. Die Folge war, dass sie nicht nur bei den Mädchen, sondern auch bei den Jun-gen den Ruf hatte, empfindlich, unzugänglich und überheblich gleichermaßen zu sein. Sie galt bald als Einzelgängerin und Sonderling, hatte keine feste Freundin und war im Kreise Gleichaltriger oftmals unwillkommen.
Dieses Gefühl hatte sie nicht nur in diesem Kreis, sondern oftmals auch bei ihrer eigenen Mutter. Diese hatte ihr ein schwankendes Fundament mit auf den Lebensweg gegeben. Sie wuchs auf in einer Atmosphäre von permanentem Be-ziehungschaos. Männer gingen ein und aus, Eifersuchtsdramen wechselten ab mit Versöhnungen, der Verliebtheit ihrer Mutter folgten Niedergeschlagenheit und Depressionen, auf sexuelle Euphorie folgte oftmals berechnende sexuelle Verweigerung. Alles das spielte sich unmittelbar vor Paulas Augen ab, und sie war diesem Treiben ihrer Mutter wehr- und hilflos ausgeliefert. Bei den Erzie-hungsversuchen ihrer Mutter spielten Äußerlichkeiten, Körperlichkeit und die Herausbildung eines Bewusstseins, das die Frau auf ihre Sexualität reduzierte, eine weitaus wichtigere Rolle als die Herausbildung von Innerlichkeit, Charak-terstärke und Intellekt. In einem Alter, wo die tiefgründige Suche nach Stabili-tät und Identität einem Höhepunkt zustrebte, wurde ihr vermittelt, dass das Glück der Frau wesentlich außerhalb ihrer selbst lag, nämlich in den Händen der Männer, und sie musste gleichzeitig über ihre Mutter die Erfahrung machen, dass dieses von den Männern gewährte Glück äußerst zerbrechlich war und zumindest bei ihrer eigenen Mutter nie zu dem erhofften Ergebnis geführt hatte.
Als bei ihr im vierzehnten Lebensjahr endlich die ersehnten Merkmale weib-licher Reife unübersehbar geworden waren, spürte sie, wie die Blicke der Lieb-haber ihrer Mutter manchmal unverhohlen musternd zwischen ihrem Körper und dem ihrer Mutter hin und her gingen. Paula suchte sich selbst und fand sich als sexuelle Konkurrentin ihrer Mutter wieder.
Ihre Mutter hatte in dieser Zeit einen gutaussehenden, schwarzhaarigen Lieb-haber, durchtrainiert und muskulös. Paula gefiel der Typus Mann und sie ko-kettierte mit ihm, wie Lolita in dem Buch von Nabokov, das sie gerade las. Sie merkte, dass er Interesse an ihr hatte. Sie spielte mit seinen Gefühlen und emp-fand einen eigentümlichen Reiz, als sie sah, wie ihre Mutter eifersüchtig auf dieses Spiel reagierte. Als ihre Mutter eines Abends außer Haus war, kam er in ihr Zimmer. Sie lag schon im Bett und las, wie immer, ein Buch. Er tat so, als wollte er gute Nacht sagen und murmelte ihr säuselnd etwas ins Ohr. Dann gab er ihr einen harmlosen Kuss auf die Stirn und fuhr ihr über das Haar. Plötzlich schob sich seine Hand unter die Bettdecke. Er streichelte ihren Körper, ihre Brüste, ihr Geschlecht. Sie lag regungs- und willenlos da. Er beugte sich aber-mals über sie, Himbeergeruch drang in ihre Nase, während er versuchte, seine Zunge in ihren Mund zu pressen. Dann versuchte er, auch in ihr Geschlecht einzudringen. Sie biss und kratzte, stieß ihn weg. Er gab sein Vorhaben auf und ließ sie mit sich allein.
Sie sagte ihrer Mutter nie etwas von diesem Geschehen. Sie schämte sich und hatte Schuldgefühle vor ihr, aber auch vor sich selbst. Sie war nicht nur verwirrt und fassungslos über die Tat dieses Mannes, der versucht hatte, sie zu vergewaltigen und die Mutter mit der Tochter zu betrügen, sondern auch darü-ber, dass sie uneingestandene, angenehme Gefühle hatte, deren sie sich schäm-te. Sie war erschrocken, wie nah Fantasie, die Fantasie Lolitas, und Wirklichkeit beieinander lagen und wie schnell sich Spiel in Ernst verwandeln konnte.
Erst lange Zeit nach diesem Ereignis, als sie sich in ihrem jungen Körper als Frau eingerichtet hatte, verlor sie die Scheu vor begehrlichen Blicken und ver-spürte einen angenehmen Kitzel, wenn ihr Körper bei den Männern Wirkung zeigte. Sie gefiel sich in dieser Zeit in sexuell besonders aufreizenden und pro-vokanten Posen. Sie fand es prickelnd, in engen Pullis mit tiefem Ausschnitt ohne BH durch die Straßen zu schlendern und die Blicke der Männer auf sich zu ziehen.
Die Neigung, sich und ihren Körper zu präsentieren, wurde dazuhin durch ihre Mutter gefördert. Als sie die ansehnliche Figur ihrer damals fünfzehnjährigen Tochter entdeckte, schickte sie sie auf einen Schönheitswettbewerb. Der Erfolg war mäßig, aber Paula hatte es genossen, sich im Bikini oder einem hautengen Kleid den geilen Augenpaaren der Männer im Parkett auszusetzen.
Aber das alles war Oberfläche. Sie hatte in sexuellen Dingen seit dem Ver-gewaltigungsversuch ein klares Bild von sich entwickelt und zu diesem Selbst-verständnis gehörte, geduldig auf die große Liebe zu warten, so wie ihre India-nerheldin Tecumapese auf Kumskaka gewartet hatte. Es war ihr fester Ent-schluss, sich nur dem zu öffnen und nur mit dem Mann zu schlafen, der es in ihren Augen wert war, eine Jungfrau in seinen Armen halten zu dürfen. Diese Verweigerungshaltung, die sich allerdings nur auf die Penetration bezog und nicht auf sonstige sexuelle Praktiken, war ihr streng gehütetes Geheimnis. Kein Mensch sollte von dieser, wie sie selbst wusste, etwas altmodischen und ana-chronistischen Einstellung jemals Kenntnis erhalten – außer natürlich irgend-wann einmal der Auserwählte, der ihren großen Glückstraum mit Leben füllen sollte.
Dieser Mann war nun in Gestalt von Mark in ihr Leben getreten. Er sollte es sein, dem sie sich öffnen würde.
Es war September geworden. Über ein Monat war vergangen, seit sie ihre große Liebe entdeckt hatte. Die wärmenden Sonnenstrahlen mobilisierten ihre letzten Kraftreserven, so, als ob sie trotzig dem mit großen Schritten heranna-henden Frühherbst zeigen wollten, wer Herr im Haus ist. Sie hatte sich bei ihrem Großvater eingehackt und bummelte mit ihm am Mainufer entlang. Sie beobachteten die Enten und Schwäne auf dem Wasser und die kreischenden Möwen, die in der Luft ihre Flugkünste zeigten. Beim Städelmuseum setzten sie sich auf eine Bank, um sich von dem Fußmarsch von der Gerbermühle bis hier-her zum Holbeinsteg auszuruhen.
»Du machst in letzter Zeit einen überaus glücklichen Eindruck, Paula«, fing ihr Großvater das Gespräch an.
»Ich bin glücklich.«
»Das freut mich, ich hatte früher oftmals das Gefühl, dass du unzufrieden mit dir bist, unruhig und unerfüllt. Das hat mich traurig gemacht. Ich liebe dich sehr, das weißt du, und es tut mir weh, zu sehen, wenn Kummer dich aufsaugt. Entschuldige bitte, dass ich so offen mit dir rede. Ich weiß nicht, ob ich ein Recht dazu habe.«
»Aber ja Opa, du hast alle Rechte der Welt. Ich bin glücklich, wenn du dich für mich interessierst, und du liegst mit deiner Vermutung richtig: Ich habe mich in der Vergangenheit tatsächlich sehr oft nicht wohl in meiner Haut gefühlt. Ich war lange Zeit ausgezehrt von einem unstillbaren Mangel, der weit zurück liegt. Aber das ist jetzt vorbei. Ich hoffe es wenigstens. Und die Hoffnung wiegt sehr schwer, da ich sie schon fast aufgegeben hatte.«
Ihr Großvater schaute sie von der Seite an, und er versuchte in ihrem Gesicht zu lesen, worauf sich diese Hoffnung gründete.
»Hat ein Junge seine Hand im Spiel?«
»Tu doch nicht so scheinheilig, du weißt doch schon lang, was mit mir los ist.«
Sie stupste ihn mit ihrem Ellenbogen leicht in die Seite und strahlte ihn an. Er hob die Schultern und machte einen Schmollmund.
»Bin ich ein Hellseher? Wenn du nicht mit mir redest, woher soll ich dann wissen, was dich bewegt – Eine klitzekleine Ahnung hatte ich natürlich schon«, fügte er spitzbübisch hinzu.
»Dann verrat mir mal deine klitzekleine Ahnung.«
»Bist du verliebt?«
Sie umarmte ihren Großvater und gab ihm einen schmatzenden Kuss auf die Wange.
»Ja, ich bin verliebt, unendlich verliebt. Jetzt schon seit exakt neunundzwan-zig Tagen. Es ist herrlich, verliebt zu sein. Du kennst das hoffentlich auch.«
»Ich freu mich sehr für dich. Ein Leben zu zweit macht vieles einfacher. Ja, mein Kindchen, ich kenne das süße Verliebtsein ebenso wie die Liebe und zehre heute noch davon. Ich würde nicht mehr leben wollen, wenn mir irgendjemand oder irgendetwas diese Erinnerung nehmen würde.«
»Rede nicht vom Sterben, du wirst dich ewig erinnern können, und wenn es mal nicht mehr so gut klappen sollte, werde ich deine Erinnerungsstütze sein. Du bist, neben Mark natürlich, der wertvollste Mensch in meinem Leben.«
»So, Mark heißt er also.«
»Ja, Mark. Ein hübscher Name, nicht wahr. Und er passt so gut zu ihm«, sag-te sie mit großer Überzeugung.
»Hübsch, ja, aber ob er zu ihm passt, kann ich natürlich nicht beurteilen. Da-zu müsste ich ihn erst einmal kennenlernen«, und er fragte sich, ob ein Aller-weltsname wie Mark überhaupt etwas Spezifisches über eine Person aussagen könnte.
»Du wirst ihn noch früh genug kennenlernen. Schon am kommenden Wo-chenende werde ich, wenn du einverstanden bist, ihn und Jette zum Essen ein-laden. Nachdem ich ihr schon so viel von ihm erzählt habe, will sie ihn auch unbedingt ›begutachten‹, wie sie sich ausgedrückt hat. Ich habe mir schon überlegt, was ich kochen werde. Es wird ein richtig großes Essen werden, mit allem Drum und Dran.«
Er guckte sie erstaunt von der Seite an.
»Was hast du? Ist es dir nicht recht?«, fragte Paula.
»Doch schon, natürlich. Aber ich bin erstaunt, dass du für uns alle kochen willst. Das ist ein ganz neuer Zug an dir.«
»Jetzt tu nicht so, als ob ich nicht schon häufig für uns gekocht hätte.«
»Das schon, aber gleich ein großes Essen für mehrere Personen? Normaler-weise begnügst du dich mit Spagetti Bolognese oder etwas ähnlichem.«
»Irgendwann muss man sich mal großen Aufgaben stellen. Findest du nicht auch?«
Sie zwinkerte ihm zu und gab ihm einen zweiten Kuss auf die Wange.
»Ja, da stimme ich dir absolut zu. Man muss sich auch den Dingen stellen, die man nicht so gut kann, nur so kann man den Mangel überwinden und voran kommen.«
»Wie weise du doch bist«, sagte sie halb scherzhaft, halb ernst. »Was würde ich nur ohne dich nur machen.«
»Du siehst deinen Opa verlegen, ich bin doch nur ein alter, vertrottelter Mann.«
»Du bist nicht vertrottelt, sondern sehr vital, interessiert, unternehmenslustig und mit einem guten Gedächtnis ausgestattet. Stimmt es, wenn ich sage, du fischst nur nach Komplimenten? Gib es nur zu«, sagte sie schnippisch.
»Nun, mein Gedächtnis scheint leider etwas nachzulassen.« Er hielt inne und überlegte einen Augenblick, ob er sie mit seinen Ängsten, die vielleicht unbe-gründet waren, belasten sollte.
»Ich muss dir dazu eine seltsame Geschichte erzählen, die mir vor einiger Zeit passiert ist. Ich war mit meinem Freund Robert im Auto unterwegs. Ich hatte geparkt und wollte ein paar Besorgungen machen. Robert wartete so lange im Wagen. Als ich nach etwa einer viertel Stunde zurück kam, stand ich hilfesuchend unmittelbar vor dem Auto, so hat es mir jedenfalls Robert erzählt, und erkannte sowohl meinen Freund wie auch mein eigenes Auto nicht wieder. Das Verwirrspiel dauerte ein paar Sekunden, dann fand mein Gehirn offenbar wie-der den Faden und die weißen Flecken im Gehirn wurden wieder bunt. Ich war ernsthaft erschüttert über das Erlebnis und mache mir seither doch etwas Sor-gen um mein Erinnerungsvermögen.«
»Das kann doch mal vorkommen, dass man etwas vergisst. Ich würde mir deswegen keine Sorgen machen. Du bist für dein Alter noch so gut beieinan-der«, sagte Paula leichthin.
Insgeheim registrierte Paula diesen Anflug einer Geistesverwirrung jedoch mit Besorgnis.
»Lass uns aufbrechen, Opa. Die Sonne steht schon tief und verliert langsam ihre Kraft. Nicht dass du dir eine Erkältung holst. Ich benötige am Samstag un-bedingt dein volles Urteilsvermögen.«
Als sie aufbrachen, gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander her, je-der mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Nach einiger Zeit hielt Ernst Preuss plötzlich inne, ergriff die Hände seiner Enkelin und streichelte sie.
»Liebe Paula, es war ein schöner Tag heute und wir hatten schöne Gespräche zusammen. Ich möchte dir deswegen etwas anvertrauen, über das ich noch mit niemandem gesprochen habe.«
Er machte eine Pause und schien zu überlegen, wie er beginnen sollte.
»Hilde, deine Großmutter, hat sehr darunter gelitten, dass ihre Tochter Paulo Majer, der bei der amerikanischen Armee in Frankfurt beschäftigt war, ohne ihr Einverständnis geheiratet hatte, und dann mit ihm, etwas überhastet, 1970 nach Chile abgereist war. Jana, deine Mutter, war erst neunzehn, als sie ihn kennenlernte, und noch sehr jung und unerfahren. Hilde hatte ein schlechtes Gefühl bei dieser Beziehung. Knapp vier Jahre später kamen sie, offenbar recht überstürzt und ohne Vorankündigung, mit dir nach Deutschland zurück und zogen nach Offenbach. Sie haben uns nie erzählt, was der genaue Grund für die plötzliche Heimkehr war, aber ich nehme an, dass wohl irgendetwas in der Armee vorgefallen sein musste; du weißt ja, er war Offizier unter dem Junta-General Augusto Pinochet. Auf alle Fälle freute sich deine Großmutter über die Rückkehr ihrer Tochter und schöpfte neue Hoffnung, dass sich das Verhältnis zu Jana und ihrem Schwiegersohn verbessern würde. Vor allem aber freute sie sich auf dich, ihre Enkelin. Du warst damals gut zwei Jahre alt. Aber sie wurde enttäuscht. Paulo war ein Nichtsnutz, ich glaube, er hat seine Frau sogar geschlagen. Aber das hätte sie vielleicht noch ertragen, unerträglich war jedoch für deine Mutter, dass sie hintergangen wurde. Von diesem Treuebruch hat sie sich, soweit wir das beurteilen konnten, nie wieder richtig erholt. Sie führte nach der Trennung von ihrem Mann ein Leben, das Hilde nicht guthieß. Für sie bedrückender war aber, dass Jana jeden Versuch deiner Großmutter hintertrieb, mit ihrer Enkelin ein liebevolles Verhältnis aufzubauen. Dadurch kam es zum Bruch zwischen deiner Mutter und Hilde, den du zum Teil ausbaden musstest. Als du dann nach dem tragischen Unfall deiner Mutter zu uns gekommen bist, hat Hilde versucht, in ihrem Sinn auf dich einzuwirken, um die, ihrer Meinung nach falsche Erziehung deiner Mutter zu korrigieren. Dabei hatte sie sicherlich nicht immer eine glückliche Hand, sie war oftmals sehr streng, vielleicht zu streng, und sie ließ sich zu sehr von Prinzipien leiten. Das provozierte deinen Widerstand. Aber glaube mir, und es ist mir sehr wichtig, dass du das weißt, sie hat es stets gut mit dir gemeint. Deine Großmutter war ein hochintelligenter und gebildeter, wie auch herzensguter, liebenswerter Mensch, dem ich unendlich viel verdankte. Das wechselseitige Geben und Nehmen in unserer Ehe war wundervoll; ich fühlte, wie ich lernte an ihr und mit ihr. Ich habe sie sehr geliebt und nichts kann mir sie je ersetzen.«
Er sah Paula mit ernstem Gesicht an und fügte mit fester Stimme hinzu: »Auch dir, liebe Enkelin, wünsche ich von Herzen solch einen Menschen. Und wenn du ihn gefunden hast, halte ihn gut fest.«
Paula ließ die Worte in sich hinein und nickte. Sie wusste, wie sehr ihm seine Frau fehlte und wie sehr er sich wünschte, seine Enkelin glücklich zu sehen.
Sie erinnerte sich gut an den Verkehrsunfall ihrer Mutter. Ihr damaliger Freund flog mit seinem Porsche wegen zu hoher Geschwindigkeit aus einer en-gen Kurve, prallte auf einen Baum und riss sich und Jana in den Tod. Neben der Trauer um den Verlust der Mutter verspürte sie damals eine klammheimli-che Erleichterung über deren Tod und erschrak darüber. Sie stand diesen Ge-fühlen fassungslos gegenüber. Sie fragte sich, was mit ihr los war, dass der Tod der Mutter, über die sie trauern und die sie in Ehren halten sollte, solche Emp-findungen bei ihr auslöste. Sie war damals sechzehn Jahre alt. Wieder fühlte sie sich der Mutter gegenüber schuldig, so wie zwei Jahre vorher, als sie sich als Vierzehnjährige ertappt hatte, wie sie sich heimlich darin gefiel, die Aufmerk-samkeit des Liebhabers ihrer Mutter auf sich gezogen zu haben – und das ebenfalls mit großen Schuldgefühlen bezahlen musste.
Sie war nach dem plötzlichen Tod, kurz nachdem sie die Schule beendet hat-te, zu ihren Großeltern von Offenbach nach Frankfurt gezogen. Dort lernte sie den Vater ihrer Mutter lieben. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich von einem Menschen angenommen und verstanden. Mit der Großmutter kam es, wie das ihr Großvater richtig beobachtet hatte, zu häufigen Wortgefechten und knallenden Türen. Sie war genervt von ihrem alles kritisierenden und oftmals herrischen Ton, zumal sie annahm, dass ihr gutmütiger Großvater, wie sie selbst, ebenfalls unter den Allüren dieser Frau zu leiden hatte. Sie wollte die Großmutter dafür bestrafen. Das einzige Mittel, das ihr dafür zur Verfügung stand, war, sie zu reizen und zu provozieren, die Grenzen, die sie ihr setzen wollte, zu überschreiten. Je mehr sie sich die Großmutter starrsinnig auf Distanz hielt, umso mehr bemühte sie sich um ihren Großvater; fast so, als könnte sie dadurch die Verletzungen, die sie seiner Frau zufügte, an ihm wieder gut machen.
Ein Jahr nach der Mutter starb auch die Großmutter. Erst als sie bereits mit dem Tod rang, erfuhr sie von ihrem Großvater die Wahrheit: sie war schon vor Jahren an Krebs erkrankt.
Ihr Krebstod hatte sie aufgewühlt und starke Gewissensqualen in ihr ausge-löst. Sie bereute zutiefst ihre verletzende Arroganz gegenüber ihrer Großmutter.
Neben der Liebe zu dem Großvater begann sich, ebenfalls zum ersten Mal in ihrem jungen Leben und für sie selbst überraschend, kurz nach dem Tod der Großmutter eine enge Freundschaftsbeziehung zu einer Gleichaltrigen zu ent-wickeln. Ihre jetzige Freundin Jette Kreutzer. Es erschien ihr damals wie ein Wunder, dass ihr neben dem Großvater ein zweites Mal nach dem Tod der Mutter jemand Zuneigung entgegenbrachte. So, als ob deren Tod einen Blockademechanismus in ihr gelöst und ihr ein neues Lebensgefühl eingehaucht hätte. Sie hatte nicht mehr daran geglaubt, dass ein Mädchen ernstes Interesse an ihr haben könnte, wie sie selbst auch die Hoffnung aufgegeben hatte, jemals eine Freundin zu finden, der sie sich anvertrauen könnte.
Sie erinnerte sich noch an die Worte einer Schulkameradin, als es mit ihr we-gen einem Jungen zum unschönen Streit gekommen war: »Du bist vielleicht gescheit und hübsch, aber was du auch später machst, du wirst immer einsam und ungeliebt bleiben. Vielleicht wirst du einmal erfolgreich sein und man wird dir schmeicheln. Bilde dir nichts darauf ein, die Wahrheit wird bleiben, dass die Menschen dich verachten, weil du ein ausgemachtes Ekel bist.«
Paula hatte damals süffisant gelächelt und in derben Worten geantwortet: »Du bist ein Speichellecker und Arschkriecher. Du wolltest über mich an die Boys herankommen, weil du es alleine nicht schaffst. Jetzt beschimpfst du mich als Ekel. Das ist sehr billig. Aber tu, was du tun musst. Ich weiß, wer ich bin. Ich bin intelligent und hübsch, ganz recht. Das kannst du von dir wahrlich nicht behaupten. Ich kann jeden haben, du nicht. Das spricht für sich selbst.«
Sie hatten nie wieder miteinander gesprochen, aber deren Worte hallten in Paula lange nach.
In der Tat war sie attraktiv und hatte schon als Schülerin eine starke erotische Ausstrahlung. Sie hatte jetzt bei den Jungen Chancen und Erfolge. Sie hielt mit ihren Eroberungen, sehr zum Missfallen der Mitschülerinnen, nicht hinter dem Berg. Im Gegenteil, sie präsentierte stolz ihre Eroberungen und triumphierte, wenn sie die neidischen Blicke sah. Die Anfeindungen der Mitkonkurrentinnen um die Gunst der Jungen, die ihr diesen Erfolg neideten, perlten damals scheinbar an ihr ab, wie Tropfen auf den Blättern einer Lotuspflanze. Äußerlich. Innerlich litt sie allerdings unter der Missgunst und Ausgrenzung, die sie zur Außenseiterin stempelten, und sie sehnte sich zutiefst nach einer guten Freundin, mit der sie ihre Träume und Fantasien austauschen konnte.
Diese Sehnsucht wurde nun endlich gestillt. Sie fühlte sich bei Jette aufgeho-ben und hatte von der ersten Minute an Zutrauen zu der rotblonden Frau mit den himmelblauen, wachen Augen und den unzähligen Sommersprossen im Gesicht. Als Jette in Frankfurt zu studieren begonnen hatte, war sie in eine kleine Wohnung im dritten Stock des Wohnhauses gezogen, in dem Paula nun seit einem Jahr bei ihren Großeltern lebte. Jette war drei Jahre älter als Paula und studierte Medizin, wobei unklar war, ob sie dies aus Neigung oder wegen des Drucks ihres Vaters tat, der, selbst Professor für Biochemie in Tübingen, sich ein naturwissenschaftliches Studium für seine Tochter wünschte. Neben dem Studium beschäftigte sie sich intensiv mit Malerei und hatte auch Talent. Außerdem schrieb sie schöne, berührende Gedichte, so dass sie lange zögerte und zwischen einem naturwissenschaftlichen Studium und einem Kunst- oder Literaturstudium hin und her schwankte. Sie entschied sich schließlich für den Weg, bei dem weniger Widerstände zu überwinden, weniger Lebensrisiken und bessere Verdienstmöglichkeiten zu erwarten waren. Ihr wurde zwar jeden Mo-nat vom Elternhaus eine nicht unbeträchtliche Summe als Studiengeld zur Ver-fügung gestellt, jedoch reichte das Geld nie für ihren ziemlich aufwändigen Lebensstil, der sich insbesondere im Kauf von teuren und extravaganten Klamotten und Kosmetika niederschlug, mit denen sie ihren lesbischen Freundinnen imponieren wollte. Deswegen jobbte sie zusätzlich stundenweise im Hexenkel-ler, einem Nightclub in der Moselstraße, der nur einen Katzensprung von ihrer Wohnung am Westendplatz entfernt war. In diesem Club, den auch Paula gele-gentlich besuchte, hatte Paula Jette kennengelernt. Als Paula ihre Besuche in dem bekannten Lesbentreff einstellte, weil ihr die dauernden Annäherungsver-suche der dort verkehrenden Frauen auf die Nerven gingen, trafen sie sich zu Hause in ihren Wohnungen am Westendplatz. Die Zusammenkünfte intensivierten sich noch, als Jette Kreutzer vom dritten in den zweiten Stock umgezo-gen war, und sie sich auf demselben Stockwerk gegenüber von Paula in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung eingerichtet hatte.
Paula fühlte sich von ihr in keiner Weise sexuell bedrängt. Im Gegenteil, sie fühlte sich von Jette liebevoll umsorgt. Sie spürte, dass ihre Freundin in sie ver-liebt war, und fand es keineswegs unangenehm, von ihr ein wenig angehimmelt zu werden. Es baute sich mit der Zeit ein enges Freundschaftsverhältnis zwi-schen ihnen auf, das aber, abgesehen vom Austausch argloser Zärtlichkeiten und gelegentlichem gemeinsamem Kuscheln im Bett, keine sexuellen Aktivitä-ten einschloss. Jette akzeptierte Paulas Ausrichtung auf Männer, und Paula Jet-tes sexuelles Verlangen nach Frauen. Sie klönten, oft stundenlang, offen über ihre Erfahrungen mit ihren jeweiligen Partnern und freuten sich für den ande-ren, wenn er ein interessantes Date hatte.
Die beiden Freundinnen fühlten sich verbunden durch die unbedingte Ehr-lichkeit zueinander. Obwohl sie in vielerlei Hinsicht sehr verschieden waren, schien diese Gegensätzlichkeit der Freundschaft keinen Abbruch zu tun. Während Paula dazu tendierte, sich schnell in sich zurückzuziehen und überlegt, taktisch und kontrollierend an die Dinge, die zu erledigen waren, heranging, wobei sie manches Mal Feingefühl im Umgang mit ihren Mitmenschen vermissen ließ, war Jette spontan, fantasiebegabt, offen und geradlinig, ein Mensch, der herzhaft wenig von taktischen Winkelzügen hielt – und sie war lesbisch und damit, anders als Paula, weitgehend befreit von den oft verwirrenden Gefühls-lagen gegenüber der Männerwelt. Jette baute keine Fassade im Umgang mit anderen auf, handelte so wie sie dachte und war stets bemüht, nicht verletzend zu sein. Manches Mal wünschte sich Paula in die Haut ihrer Freundin und be-neidete sie um ihre innere Freiheit und Unbekümmertheit.
Paula hatte für die Essenseinladung den großen, runden Tisch im Esszimmer mit dem Sonntagsgeschirr und der schweren Damasttischdecke ihrer Großmut-ter eingedeckt. Kerzen und kleine Blumensträußchen auf dem Tisch sorgten für einen festlichen Glanz, der sehr lange nicht mehr in der Wohnung zu spüren war. Sie hatte sich viel Mühe gegeben, sie wollte die drei wichtigsten Menschen ihres noch jungen Lebens verwöhnen.
Es klingelte. Als Paula öffnete stand Jette in ihrer Motorradkluft, den Helm unter den Arm geklemmt, vor der Wohnungstür.
»Willst du noch eine Runde drehen? Das dürfte aber knapp mit der Zeit wer-den. In einer halben Stunde ist das Essen fertig.«
»Nein mein Liebe, ich war gerade mit meiner Maschine unterwegs und wollte dich fragen, ob ich eine viertel Stunde später kommen kann, ich schaffe es nicht bis halb acht und möchte doch für dich heute Abend richtig schön sein.«
Paula lachte sie an.
»Du bist immer schön, egal, was du anhast. Eine viertel Stunde ist okay. Ich weiß ja, dass du mit der Pünktlichkeit auf Kriegsfuß stehst. Zieh an, was dir in die Finger kommt, dann wirst du es schaffen. Wir trinken ohnehin vorher erst noch einen Aperitif.«
»Du siehst süß aus in dem Kleid, ich fürchte, da wird es mir schwer werden, mitzuhalten. Da kann ich aussuchen, was ich will.«
Sie betrachtete sich in dem großen Bodenspiegel im Flur als sie zurück in die Wohnung ging. Sie trug hohe Stöckelschuhe, dazu ein Sommerkleid aus fließendem Stoff mit farbenfrohen Blumenmotiven, das sanft ihren Körper umspielte und die Figur betonte. Es war ein Spiegelbild ihrer inneren Gemütslage: verspielt, verliebt, leicht. Wenn sie zurückdachte, fiel ihr keine Stunde in ihrem Leben ein, an der sie sich so glücklich gefühlt hatte wie jetzt. Sie strahlte sich an und stimmte ihrer Freundin zu: sie fand sich hübsch heute Abend.
Großvater Preuss hatte sich ebenfalls fein gemacht und betrat, bekleidet mit Fliege und dunklem Anzug, das Wohnzimmer, als Paula gerade eine CD auf-legte. Paula ging zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Sie hatte ihn seit der Beerdigung seiner Frau nicht mehr im Anzug gesehen und verstand dessen Garderobe als Wertschätzung ihrer Person. Sie schenkte ihm einen Whiskey mit viel Eis ein und sich selbst einen Campari Soda. Er nahm das Glas in die Hand, die andere hielt er auf dem Rücken verborgen. Er druckste verlegen etwas Unverständliches und trat wie ein Schuljunge von einem Bein auf das andere. Paula sah ihn verwundert an.
»Ist irgendetwas, Opa?«
»Ich möchte dir eine Freude machen und habe etwas, von dem ich nicht weiß, ob es dich erfreuen wird.«
»Opa, mich freut, dass du da bist, mehr braucht es nicht.«
Er holte seine Hand hervor und überreichte ihr ein etwa 30 mal 40 Zentimeter großes Bild. Es war eine Kohlezeichnung von Ernst Ludwig Kirchner mit dem Titel ›Das Liebespaar‹. Es zeigte eine nackte Frau, die, augenscheinlich kurz nach dem Liebesakt, mit zerzausten Haaren ermattet auf einem Bett lag, neben ihr saß ein ebenfalls nackter Mann, der sie, seinen Arm um ihre Schulter gelegt, versonnen betrachtete.
»Das hat mir deine Oma geschenkt, kurz nachdem Jana zur Welt gekommen war.«
»Es ist wunderschön. Aber es ist doch ein Geschenk deiner Frau für dich und außerdem viel zu wertvoll. Wenn ich mich recht entsinne, ist Kirchner doch ein richtig berühmter Maler. Du solltest es behalten. Du kannst es mir ja irgend-wann einmal vererben.«
»Nein, ich will es dir jetzt geben. Bei dir ist es in guten Händen, und ich würde mich glücklich schätzen, wenn es dir gefällt. Es soll auch eine kleine Erinnerung an deine Oma sein.«
Paula lehnte das Bild auf der Anrichte an die Wand und ließ es auf sich wir-ken. Das Paar strahlte einen in sich ruhenden erotischen Ernst aus: Etwas Be-deutendes war geschehen, das die Liebenden beschäftigte, und das jeder auf seine Art verarbeitete.
Die Eindrücke des Bildes, die erotischen Empfindungen des Paares nach der Vereinigung, die ihr bisher unbekannt waren, hallten in ihrem Kopf nach und produzierten ungewollt ein starkes sexuelles Verlangen. Mark tauchte vor ihrem inneren Auge auf: nackt und sexuell erregt. Es klingelte erneut. Paula ging zur Tür und öffnete, dieses Bild von Mark vor Augen, geistesabwesend die Tür. Als Mark vor ihr stand, betrachtete sie ihn mit verklärtem Gesichtsausdruck. Ihre Augen wanderten von oben nach unten und wieder nach oben, wo ihr ein lachendes Gesicht entgegen strahlte. Der da vor ihr stand, war korrekt bekleidet in einem Sakko, weißem T-Shirt mit V-Ausschnitt und einer hellblauen Jeans und hatte einen Strauß mit roten Rosen in der Hand. Sie umarmte ihn, nahm ihn an die Hand und führte ihn in die Wohnung.
Nachdem sie die beiden Männer bekannt gemacht hatte, ließ sie sie allein, um die Blumen in die Vase zu stellen und nach dem Essen zu schauen. Ihr Großvater sollte Gelegenheit bekommen, mit Mark allein zu sein, und sich unbeeinflusst einen Eindruck von ihm machen können. Sein Urteil war ihr wichtig, wenn auch seine Meinung ihre Gefühle zu Mark nicht wirklich entscheidend beeinflussen konnten. Dazu war sie sich ihrer Empfindungen allzu sicher. Sie zählte die Rosen, es waren zweiunddreißig. Sie freute sich, dass auch Mark die Anzahl der Tage ihrer Liebe im Kopf hatte.
Als Paula gerade die Vorspeise in das Esszimmer tragen wollte, klingelte es erneut, und Jette erschien wie ein Wirbelwind auf der Bildfläche. Sie begrüßte Mark mit einer Umarmung, als ob sie ihn schon lange kennen würde.
»So, da ist ja unser Prachtkerl. Lass dich mal anschauen«, sagte sie burschi-kos und drehte ihn wie einen Kleiderständer um seine eigene Achse.
»Hm, ja, ganz Okay«, war ihr ganzer Kommentar und wandte sich Paula zu, der sie einen Kuss auf den Mund gab.
»Ich habe dir etwas mitgebracht.«
Jette überreichte Paula einen großen, schwarzer Bogen Papier, auf dem mit goldener Schrift geschrieben war:
Das Denken ist die Wand des Kerkers,
in dem das Sein gefangen ist.
Die Wände zu entdecken ist unser Werk ein Leben lang,
sie sind in uns und oftmals unsichtbar.
Denken ist ein Selbstgespräch
der Natur mit sich selbst.
Ohne Richtung, Sinn und Sein ist es
ein fortgesetztes Gemurmel nur,
beraubt der Freiheit süßer Klang:
Sinn braucht Sinnlichkeit
Sinnlichkeit braucht Sinn.
Der Weg zum Sein führt durch die Sinne,
so wie es einst Dionysos der Minerva sang.
»Was ist das heute nur für ein Tag. Ich werde von allen Seiten so überreich-lich beschenkt. Wenn ich euch doch alle drei für immer und ewig in mein Herz einmauern könnte!«
»Bewahre uns davor, wir wollen leben und nicht eingemauert werden. Wir wollen Spaß haben und uns an unseren Sinnen erfreuen, wie die Liebenden, die von Gipfel zu Gipfel im Dschungel der Sinne schwirren und von dem Nektar der Gipfelblüten saugen«, sagte Jette.
»Wie du dich ausdrücken kannst. Ich würde nie solche Worte finden. Jette, du bist eine wirklich große Poetin und ich bin mächtig stolz, dich meine Freun-din nennen zu dürfen ... Und du Opa, du bist meine Vergangenheit und mein selbstverständlicher, gütiger Weggefährte. Ohne dich hätte ich keine Wurzeln. Was soll ich über Mark sagen? Mit Worten kann ich das gar nicht ausdrücken. Nicht umsonst bedeutet Glücklichsein bekanntlich, dass alles in einem schweigt. Ich liebe dich, ich habe es dir schon tausend Mal gesagt, aber eben noch nie öffentlich. Ich vertraue dir und dem Glück und habe deswegen keine Scheu mehr, es alle Welt wissen zu lassen.«
Paula hatte feuchte Augen, sie war von tief empfundenen Gefühlsbewegun-gen überrumpelt worden und hatte große Mühe, nicht loszuheulen.
Die weitere Unterhaltung am Tisch war lebhaft und herzlich. Es war fast so, als ob sich alle verschworen hätten, Paula in ein neues Leben zu geleiten. Ein Leben, in dem ihre unruhigen, aufrührerischen Zeiten getilgt schienen, und das eine verheißungsvolle Zukunft versprach.
Als sich Jette verabschiedete und ihr Großvater sich zurückgezogen hatte, bat Paula Mark, noch bei ihr zu bleiben. Das erste Mal in ihrem Leben durfte ein Mann in sie eindringen, und sie genoss die ungestüme, rücksichtslose Kraft, mit der sein Geschlecht sich in ihr breit machte, und gleichermaßen das unbändige Gefühl, mit jeder Faser ihres Körpers begehrt und geliebt zu werden.
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