Recht auf Ineffizienz. Orientierung und Lebenssinn im Kapitalismus: Ein Zeitporträt.

Henning Schramm: Recht auf Ineffizienz.
Verlagshaus Monsenstein & Vannerdat, edition octopus,
Münster 2005

132 Seiten, Euro 11,50
ISBN 3-86582-195-2
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Kapitelübersicht, Anlesekapitel, Rezension

Kapitelübersicht: 

I. Die Kapitalisierung der Gesellschaft
Megatrend
Kaufen und Verkaufen
Die Zukunft ist noch nicht geschaffen

II. Die Welt, in der wir leben
Anything goes
Option als Lebensprinzip
Sozialer Fortschritt und Selbstbestimmung

III. Die Ökonomisierung des Sozialen
Arbeit und protestantische Ethik
Das Leistungsprinzip oder die Individualisierung der Ökonomie
Wirtschaft und Verantwortung
Schlagschatten der Globalisierung
Wirtschaft in der Sackgasse
Was auf uns zukommen kann
Ich-Marketing
Exkurs: Politiker, Profis der Ich-Vermarktung
Das Bild des Menschen in der Marketing-Gesellschaft

IV. Ohne Hafen ist kein Wind der Richtige
Ich fühle, also bin ich
Werde, der du bist
Fundamentale Werte des Menschengeschlechts
Die Ordnung der Werte
Heidi Klum und das Ich: Virtuelle Erlebniswelten in der Medien-Gesellschaft

V. Sinn bekommt Sinn nur durch den Menschen
Jeder ist seines Lebenssinns Schmied
Die Augen suchen, was dem Herz gefällt
Der Eigenwert des Menschen
Wege zum guten Leben und Lebenssinn

VI. Der Mensch ist mehr als Ökonomie
Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen
Die Würde des Menschen
Licht am Ende des Tunnels


Anlesekapitel zu einzelnen ausgewählten Kapiteln:

Aus dem Kapitel: 'KAUFEN UND VERKAUFEN'

"...Der Mensch ist nicht mehr Nutznießer von Produktivitätsfortschritt, sondern wird zum Mittel von Produktivitätssteigerung. Obwohl sich in Deutschland die Produktivität in den letzten einhundert Jahren in etwa verzwanzigfacht hat, haben wir immer weniger von diesem Fortschritt und werden zunehmend Gefangene der Beschleunigung. Wir arbeiten immer schneller und treiben die Produktivität in atemberaubende Höhen, gleichzeitig produzieren wir Angst, dass uns die Arbeit ausgeht oder dass wir unseren Arbeitsplatz verlieren, wenn wir nicht noch effizienter werden. Ein wertvolles und wirtschaftliches Mitglied der Gesellschaft ist bei dieser Denkweise der Mensch nur dann, wenn er in der Lage ist, seinen Wirkungsgrad zu optimieren. Die Frage muss gestellt werden: Welchen Grad einer solcherart gemanagten Gesellschaft haben wir bereits erreicht? Wie stark ist unsere Gesellschaft von diesem Effizienzvirus infiziert?

Es ist klar, dass es in diesem Kampf aller gegen alle nur Sieger und Besiegte geben kann. Die Schwachen und Ineffizienten werden beiseite gedrängt. Ordnungsprinzipien, die die Natur wie auch die Menschen nur als Ressource betrachten und ausbeuten, können, so die Grundthese, die ich in diesem Buch vertrete, keine Basis für eine sinnvolle persönliche Lebensperspektive und menschenwürdige Gesellschaft sein. Sie schaffen es nicht einmal, wie ich ebenfalls noch zeigen werde, eine funktionierende Wirtschaft auf die Beine zu stellen, die Wohlstand oder materielle und emotionale Sicherheit für alle garantiert. Kernaufgabe einer humanen Zivilgesellschaft und ihrer Bürger muss es deswegen sein, die Hegemonie solcher effizienzorientierter Handlungsprinzipien zurückzudrängen zugunsten kreativer und zweckfreier Handlungsräume, die den Menschen und seine sozialen Bindungen und Beziehungen in den Mittelpunkt stellen..."

Aus dem Kapitel: 'WIRTSCHAFT IN DER SACKGASSE'

"...»Es ist ein kennzeichnendes Merkmal der gegenwärtigen Funktionsweise des Kapitalismus und des Warenverkehrs, dass Menschen fortwährend angestachelt werden, ihre Ich-Bezogenheit möglichst bedenkenlos in Wirtschaftskraft umzusetzen; in diesem sozial-darwinistisch ablaufenden Überlebenskampf gibt es offenbar kein Drittes: Entweder Amboß oder Hammer, entweder Verlierer oder Gewinner.« Das Zitat von Oskar Negt be-leuchtet schlaglichtartig den Zustand unserer Gesellschaft. Profitstreben, die Sicherung des eigenen Gewinns auf Kosten der Niederlage anderer. Der neue Mensch, der sich an der Ethik des Erfolgs orientiert, so Negt weiter, ist definiert als der allseitig verfügbare Mensch, in dem sich Ruhelosigkeit und das Getriebensein zur Ideologie der selbst gesetzten und autonomen Bewegungsfreiheit verfestigt haben... Diese Bestrebungen selbst sind nichts Neues. Neu ist der hohe, nahezu unwidersprochene Stellenwert, den nicht kooperative Ziele in der heutigen Gesellschaft einnehmen...

Kaufen, verkaufen und flexibel sein, predigt der neue Wirtschaftsfundamentalismus, bei dem die sozialen Bindungskräfte wie Solidarität und Gemeinwohlorientierung wie Sand im Getriebe wirken. In dem Maße, wie das Primat der Politik durch Wirtschaftsinteressen ausgehöhlt wird, degenerieren die Probleme der Welt zu Problemen der Betriebswirtschaft. Und es ist wohl nicht zu übersehen, wie durch Kapitalkonzentration und die weltweiten Geschäfte der multinationalen Unternehmen, die häufig, wie im vorhergehenden Kapitel beispielhaft beschrieben wurde, über eine größere Wirtschaftskraft verfügen als einzelne Nationen, die Macht der Wirtschaft enorm gestiegen ist. Die Wirtschaft definiert und beherrscht in zunehmendem Maß die Rahmenbedingungen für den Markt und drängt, wie bereits erwähnt, den staatlichen Einfluss immer weiter zurück.

Durch Deregulierung und Privatisierung werden immer mehr Lebensbereiche der demokratischen Kontrolle entzogen, mit dem Fingerzeig, dass die Selbstregulierungskräfte des ›entfesselten‹ Marktes am besten Produktivität, wirtschaftliches Wachstum und damit den Wohlstand des Einzelnen und ein befriedigendes Leben sichern. Dass dieser Glaube angesichts der enorm hohen Arbeitslosenzahlen in Deutschland und der steigenden Kluft zwischen Armen und Reichen nicht ungeteilte Zustimmung finden kann, liegt auf der Hand..."

Aus dem Kapitel: 'HEIDI KLUMM UND DAS ICH: VIRTUELLE ERLEBNISWELTEN IN DER MEDIEN-GESELLSCHAFT'

"...Die Individualisierung des Erlebens und die Entkoppelungstendenz von realen und virtuellen Erfahrungen werden durch die Ubiquität medialer Einflüsse, insbesondere der visuellen Medien, verstärkt. Die Welt, die über Medien, sei es TV, Film, Internet oder Magazine, wie z. B. Bravo, Mode- oder Fitnesszeitschriften, vermittelt wird, bietet gerade den noch offenen, noch suchenden und tatendurstigen Jugendlichen, denen sich die Welt eher als eine Herausforderung, die es zu bezwingen gilt, denn als beharrende Tatsache, der man sich ein- oder gar unterordnen muss, darstellt, eine Fülle von Identifikationsangeboten und möglichen Wegemarkierungen.

Die medialen Angebote und Lebensformen, personifiziert in Stars und Sternchen, versinnbildlicht in Form von vorgestanzten Lebenswelten und -stilen, Essgewohnheiten und Wohnwelten, beruflichen Karrieren und Karrierechancen, Konfliktlösungen, sozialen Beziehungsmustern, Sexualpraktiken, äußerlicher Erscheinung und Körpermaßen von Penislänge bis Busen- und Taillengröße, bilden somit eine virtuelle Landkarte und virtuelle Wegemarken. Deren Verbindungslinien zur eigenen Erfahrungswelt sind gekappt und verkörpern eine ganz abgetrennte, nicht aus eigener Erfahrung hinterfragbare Welt...

...Das Medium Sprache, über Jahrtausende wichtigster Generator und Träger interpersonaler Lebenswelten und Personbildung, verliert gegenüber der Herrschaft der Bilder, der Permanenz der alltäglichen Bildergewitter und deren oftmals eindimensionalen Botschaften an Bedeutung. Die Gefahr der Reduktion und Aushöhlung von Erfahrungs- und Erlebniswelten nimmt zu. Es entwickelt sich ein Erlebnisproletariat, das, wie das Wilhelm Genazino in seinem Roman ›Ein Regenschirm für diesen Tag‹ formuliert hat, das künstliche Leben für das wirkliche hält, wo man sich als blinder Passagier des eigenen Lebens fühlt und vergeblich versucht, die äußere Welt zu dem inneren Text passend zu machen..."

Aus dem Kapitel: 'JEDER IST SEINES LEBENSSINNS SCHMIED'

"...Um dem Sinn des Lebens näher zu kommen, gilt es also die Frage zu klären, wer ich bin. Und das Ich kann ohne die Enthüllung der vielen Ichs, die in mir leben und die verrückt, mutig und interessant sind, nicht entdeckt werden. Eine Annäherung an die Sinnfrage ist ohne Klärung dieser Ich-Frage nicht möglich.

Herauszufinden, wer man ist, was einem wichtig ist, ist, wie bereits oben beschrieben wurde, ein schwieriges Unterfangen und ein lebenslanger Prozess. Entscheidend ist, dass es ohne Beziehung zu anderen Menschen keine Selbsterkenntnis gibt, weil alles Leben Beziehung ist. Wir existieren nur in Beziehungen zu anderen Menschen, Dingen und Ideen. Wenn ich mich selbst verstehen will, muss ich meine Beziehung zu meiner sozialen und physischen Umwelt verstehen, muss mit ihr leben, sie beobachten, ihren Inhalt, ihre Natur und Struktur kennen und verstehen lernen – ohne Verzerrung und ohne Selbstlüge! Die Achtsamkeit auf das, was mit mir und was mit mir in Beziehung zu anderen geschieht, ist der Raum, in dem sich unser Denken, unser Bewusstsein abspielt. Dies umfasst alle Absichten, Wünsche, Freuden, Genüsse, Eingebungen, Sehnsüchte, Hoffnungen, Ängste und Kümmernisse, die unser Dasein bestimmen..."

Rezension: 'Recht auf Ineffizienz'(aus Amazon.de)

Wer politisch denkt und sich in die aktuelle Diskussion über Reformen, den Zustand und die Zukunft Deutschlands einzumischen gedenkt und nicht nur im Mainstream mitschwimmen will, für den bietet das Buch eine Fülle von nachdenkenswerten Anregungen und überzeugende Fakten. Diese Fakten zeigen, dass die Sicherung des eigenen Gewinns auf Kosten der Niederlage anderer und Effizienzdenken zunehmend die gesellschaftlichen Handlungsfelder beherrschen. Als Maßstab des Handelns setzt sich die 'Ethik des Erfolgs' gegen die Grundwerte 'Achtung und Würde' immer mehr durch. Auf diesem Hintergrund greift das Buch dann die Frage auf: welchen Spielraum lassen diese ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen dem Menschen, um sich entfalten zu können? Wie kann er sich orientieren, Selbstbewusstsein und Selbst-Wert aufbauen? Wie kann er gut leben mit dem, was er sich erschaffen hat? Wie schafft er sich Lebenssinn?

Ein Schwerpunktthema des Buches befasst sich kritisch mit dem Versagen des neoliberalen Marktfundamentalismus, den qualitativen Wohlstand der Gesellschaft zu steigern oder wenigstens zu sichern. Daraus entwickeln sich, so der Autor, die allenthalben beobachtbaren wirtschaftlichen, sozialen und persönlichen Krisensituationen. Verstärkt werden diese durch mediale Einflüsse, indem sich die Welt der Medien als prekäre Erfahrungswelt zweiten Grades etabliert. Das Zusammenwirken dieser alltäglichen medialen Bildergewitter mit der Ausweitung der Herrschaft von Marketingprinzipien auf immer mehr Lebensbereiche verstärkt die Gefahr der Reduktion und Aushöhlung von authentischen Erfahrungs- und Erlebniswelten, gerade auch bei Jugendlichen.
Es gibt nur wenige Bücher, die in der Lage sind, diese Zusammenhänge in einer solch verständlichen und unkomplizierten Sprache darzulegen und zu analysieren.

Das Buch verharrt jedoch nicht in der Analyse, sondern zeigt Wege aus der Sackgasse, in die uns das neoliberale Wirtschaftssystem geführt hat. Als einen wichtigen Baustein auf diesem Weg identifiziert der Autor die Verankerung des Rechts auf persönliche Ineffizienz im gesellschaftlichen Bewusstsein. Dies wäre, so seine These, nicht nur eine wichtige Essenz menschenwürdiger Existenz, sondern auch ein bedeutender Schritt, die Krise des solidarischen Zusammenhalts der Gesellschaft und die damit zusammenhängende Sinn- und Identitätskrise des Einzelnen in der Gesellschaft überwinden zu können.

Das Buch beeindruckt durch seine fachübergreifende Sichtweise, die Schubladendenken überwindet und sich darüber hinaus nicht von den Denkstrukturen des normalen Staatsbürgers entfernt hat. Seine sehr klare Gliederung strukturiert nicht nur die Gedanken des Autors, sondern auch die eigenen Gedanken. Ein lesenswertes Buch, das persönliche Perspektiven und gesellschaftliche Strukturen verbindet.