Als der Himmel weinte

Spannend. Authentisch. Ergreifend.

Roman
Neuerscheinung 2009 
Paperback, kartoniert, 212 Seiten, € 12,50

Henning Schramm »Als der Himmel weinte«
Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH,
Norderstedt
© 2009 Henning Schramm
ISBN 978-3-8391-4030-7
 
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ISBN 978-3-8391-4030-7.

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Das Buch

Eine junge Frau, die mit ihrem Vater an der französischen Mittelmeerküste Urlaub macht, verschwindet auf rätselhafte Weise. Ihr Freund macht sich auf die Suche nach der Geliebten. Eine Spur führt in ein gutbürgerliches Wohnviertel von Frankfurt am Main. Im Zuge seiner Nachforschungen macht sich eine schreckliche Ahnung in ihm breit. Er schaltet die Polizei ein. Aber auch die tappt zunächst im Dunkeln, zu unwahrscheinlich erscheint ihr die Theorie des jugendlichen Liebhabers zu sein. Nach und nach bröckelt jedoch die poröse Fassade der bürgerlichen Idylle, und der zuständige Hauptkommissar kann der unfassbaren Realität, die alle Beteiligten schaudern lässt, nicht mehr ausweichen.

"Manchmal übersteigt die Realität das Phantasievermögen und zwingt dazu, Untiefen des menschlichen Seins wahrzunehmen, die man lieber verdrängen möchte. Der vorliegende Sozialthriller greift solch eine Realität auf. Eine verstörende, unwirkliche Realität. Ein Wissen von einem Geschehen, das alle Gewissheiten in Frage stellt. Der Roman, der im Kern auf einen authentischen Fall Bezug nimmt, richtet den Blick in die dunklen Kammern unserer Seele, die Macht- und Allmachtsphantasien, die sich nicht nur in den ›Amokläufen‹ unserer Zeit widerspiegeln, Raum zur Entfaltung bieten. Ein spannender Roman über die Macht der Liebe und die zersetzende Kraft von Hass und zügelloser Sexualität. Ein schockierendes Buch für nervenstarke Gemüter."

Es gibt Geschehnisse, die zu denken der Verstand sich sperrt,
und doch sind sie wirklich.
 

Anlesekapitel: Prolog, Kap. II, III und X

Auszug aus: Prolog

Der Himmel bedeckte sein Antlitz und fing an zu weinen.
Das silbrige Wellengekräusel des Meeres wurde von den Schaumkronen der sich überschlagenden Wellen verdrängt. Poseidon ließ seine Muskeln spielen. Sein kräftiger Atem peitschte die Gischt über die eben noch in sanfte Abendsonne getauchten rot glühenden Felsen. Die Sonne erlosch. Der hohe Raum zwischen Himmel und Meer verlor sich unter den dunklen Gewitterwolken. Die dichte Folge von grellen Blitzen, denen ohne Verzögerung krachendes Donnergetöse folgte, tauchte den Küstenstreifen in unwirkliches Lichtgeflimmer, das an die abgehackten Lichtblitze in einer Disco erinnerte. Die felsige, schmale Landzunge bohrte sich mit ihrem spitzen Ende in die aufgewühlte Wasserfläche und zerschnitt die dunkel anrollenden Wellenberge. Schaumfetzen flogen durch die Luft, wirbelten in die Höhe und wurden vom niederprasselnden Regen wieder in ihr Element zurückgespült.
Eine bleigraue dichte Regenwand hüllte den Bungalow, der sich am oberen Rand des Kaps auf einem kleinen mit Pinien bewachsenen Plateau an eine steile Felswand duckte, in diffu-ses Zwielicht, unterbrochen von dem gleißenden, zuckenden Weiß der unzählbaren Blitzschläge. Der Sturm rüttelte be-drohlich an der Fensterfront, die die ganze Breite des Hauses einnahm. Die Glasscheiben erzitterten unter den starken Windstößen. Durch einige undichte Ritzen des schon in die Jahre gekommenen Hauses drang Feuchtigkeit und salzig scharfe Meeresluft in das große, weiträumige Wohnzimmer. Ein Fensterladen im oberen Stockwerk hatte sich aus seiner Verriegelung gelöst und schlug klatschend gegen die aus Na-turstein gemauerte Hauswand. Ein umgefallener Korbstuhl wurde von einer heftigen Windbö über die Terrasse getrieben. Das Polster einer Sonnenliege schwamm auf dem von fetten, platschenden Regentropfen aufgewühlten Wasser des Swim-mingpools.

Sie saß, die Arme um die Knie geschlungen und ihren Ober-körper sachte hin und her wiegend, hinter der bis auf den Bo-den reichenden Glasscheibe auf dem kalten Steinfußboden und blickte geistesabwesend auf das Naturschauspiel, das sich vor ihren Augen abspielte. Sie zuckte schreckhaft zusammen, wenn Blitz und Donner gar zu nahe an dem einsam gelegenen Haus ihr Unwesen trieben. Sie fühlte sich den Urgewalten der Natur schutzlos ausgeliefert.
Schon seit ihrer frühesten Kindheit reagiert sie furchtsam, ja geradezu verstört und hysterisch auf jede Art von schrillen Geräuschen. Gewitter, Feuerwerke, selbst schon das scharfe Knallen der Peitsche eines Dompteurs in einem Zirkus er-schreckten sie zutiefst und lösten starke Angstgefühle aus. Damals versuchte sie diese zu entschärfen, indem sie sich weinend und schutzsuchend an ihre Mutter klammerte. Wenn sie nicht verfügbar war, verkroch sie sich in solchen Momen-ten gänzlich in sich selbst und wob sich in eine unsichtbare, nur schwer zu durchdringende Schutzhülle ein. In solch einem Zustand befand sie sich jetzt. Ihr Blick reichte nicht weiter als zwei, drei Armlängen, schien dann abzubrechen und sich im grauen Nichts des Regens, der gegen die Scheiben prasselte, zu verlieren. Ihre ausdruckslosen Augen starrten auf die Wassertropfen, die sich auf der Innenseite der Glasfläche aus dem Kondenswasser gebildet hatten und auf den Boden perlten.
Draußen hatte sich die Luft durch das Unwetter abgekühlt. In dem geschlossenen Wohnraum blieb es stickig heiß. Trotzdem fröstelte sie und zog den Poncho, den sie sich um ihre nackten Schultern gelegt hatte, enger um ihren Körper. Sie kaute mit den Zähnen auf ihrer ungeschminkten Unterlippe herum. Sie schmeckte nach Salz. Dann leckte sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen, sanft, so als ob sie sich selbst besänftigen, liebkosen wollte. Aber sie konnte die Angst, die innere Unruhe, die sie erfasst hatte, nicht vertreiben.
Sie fröstelte nicht nur wegen des Gewitters, sondern noch mehr aus unbestimmter Besorgnis vor den möglichen Reakti-onen ihres Vaters. Sie hatte sich fest vorgenommen, mit ihm zu sprechen. Sie wollte ihm ihre Gedanken mitteilen, die sich schon lange in ihrem Kopf geformt hatten. Aber wie sollte sie es ihm sagen, ohne dass er gleich ausrastet? Sie fühlte sich unsicher und sehr einsam. Würde er verstehen, dass sie zu ih-rem Freund ziehen wollte? Ihr waren seine häufigen Wutan-fälle allzu sehr gewärtig, die immer dann ausbrachen, wenn er meinte, dass in seiner Familie etwas nicht nach seinem Willen lief und ein Familienmitglied es wagte, eigene Wege gehen zu wollen.

Auszug aus: Kapitel II

... Hera erhob sich von ihrer Bettcouch, als Nyx den Raum betrat. Ihre Augen waren leer und hatten sich tief in die Augenhöhlen zurückgezogen. Obwohl sie erst wenig über vierzig Jahr alt war, wirkte sie wie eine junggebliebene Greisin. Auf der ungesund aussehenden Gesichtshaut lag ein teigiger, fahler Schimmer, sie war dünnhäutig und durchsichtig. Die grauen, glanzlosen schulterlangen Haare sahen gepflegt aus. Die brüchigen Fingernägel waren rot lackiert. Kleine, frisch gedrehte Löckchen rahmten das schmale Gesicht ein. Auf den Lippen war frisches Rot und auch auf den Wangen hatte sie einen Hauch von Rouge aufgelegt, das allerdings auf der fahlweißen Haut seltsam künstlich und unwirklich wirkte. Ihre Kleidung entsprach dem neuesten Stand der Mode, aber bei genauerer Betrachtung war nicht zu übersehen, dass Rock und Oberteil von nicht allzu geübter Hand selbst geschneidert und genäht worden waren.
Sie machte sich nicht zurecht aus Eitelkeit, sondern um ihre älteste Tochter Eva, die noch in diesem Monat ihren zwan-zigsten Geburtstag begehen würde, vor Nyx zu schützen. Sie tat alles, damit er nicht anfing, ein Auge auf ihre Tochter zu werfen, oder gar Gelüste auf die erst fünfzehnjährige Salome, ihre zweitälteste Tochter, zu bekommen. Sie musste ihre Pa-nikattacken, die sie überfielen, wenn er die Wohnung betrat, überwinden, verdrängen. Sie musste versuchen, weiterhin at-traktiv für ihn zu sein und ihn sexuell zufrieden zu stellen. 
...
Nyx war angetrunken. Er grinste sie an.
»Schick siehst du aus. Hast dir wieder was Neues genäht, prima, Hera. Schön, dass du dich für mich hübsch machst, dass du dich nach all den vielen Jahren nicht hängen lässt. Ich wüsste sonst auch gar nicht, was ich mit dir anstellen sollte. Ich mag nun einmal schöne Frauen, aber das weißt du ja. Schönheit und Sex gehören zur Frau wie ein dicker Pelz zum Bär.«
Er ging zum Kühlschrank, holte sich eine Flasche Bier, setzte sich auf das Bett und forderte sie auf, ebenfalls Platz zu neh-men. Sie gehorchte ihm. Der Fernseher, der auf einem kleinen Schränkchen gegenüber dem Bett stand, sendete die Spät-nachrichten.
»Wie geht es den Kindern?«
»Gut.«
»Und dir?«
»Auch gut.«
»Nicht sehr gesprächig heute, was? Aber das macht nichts. Hab‘ auch keine Lust zu reden.«
Er nahm einen großen Schluck aus seiner Flasche und legte einen Arm um ihre Schultern. Er schob ihren Rock nach oben und griff ihr zwischen die Schenkel. Hera rührte sich nicht und verfolgte weiter beteiligungslos die Fernsehsendung. Sie wusste, was kommt, wenn Nyx im angetrunkenen Zustand bei ihr erschien. Sie hatte in den Jahren gelernt, wie man solche Situationen möglichst schnell hinter sich bringt. Sie würde ihm seine Wünsche erfüllen, versuchen an etwas anderes zu denken und hoffen, dass er nicht wieder irgendwelche neuen sexuellen, oft schmerzhaften, Praktiken an ihr ausprobierte. Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Kinder im Nebenraum nichts von dem Geschehen mitbekamen, aber sie war bemüht, ihn so geräuschlos wie möglich zu befriedigen.
Er zog ihr das Höschen aus, ließ sie niederknien und drang von hinten in sie ein. Das war ihr am liebsten, denn so entkam sie seinen Küssen, sie musste ihn nicht sehen und hatte den geringsten Körperkontakt mit ihm. Der ganze Akt dauerte ein paar Minuten und dann war der Spuk vorüber. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass er zufriedengestellt war und sich nicht mehr allzu lange bei ihr in der Wohnung aufhielt. Aus langjähriger böser Erfahrung wusste sie, dass sie mit Problemen rechnen musste, wenn er sich ein zweites Mal sexuell erregte und sich zu befriedigen versuchte ...

Auszug aus: Kapitel III

Von seiner sehr frommen Mutter Sophia häufig zum Kirchgang ermahnt, wuchs Gotthilf Gassner, katholisch geprägt, zwischen Kreuz, Tabernakel, Monstranzen, mahnenden Kan-zel- und strengen, bigotten Mutterworten auf. Gottes Strafe wurde ihm körperlich erfahrbar, wenn er sich den Gesetzen des Gehorsams gegenüber Gott und seinen Geboten nicht in dem Umfang der Erwartungen seiner Mutter unterwarf. Sein Vater Adolf Gassner, 1910 im München geboren und frühzei-tig mit nationalsozialistisch, gottlosen Ideen gefüttert, steuerte zu der Erziehung seines Sohnes den Gedanken der Unterord-nung unter die weltlichen Autoritäten bei.
Der junge Adolf Gassner erlebte den Nationalsozialismus Münchener Spielart auf der Straße und entflammte bereits als pubertierender Junge für die Ideen Adolf Hitlers. Er öffnete sein Herz für die aufkeimende Bewegung und bewunderte die kompromisslosen Auftritte und Reden Hitlers. Nur allzu gern ließ er sich von der Suggestivkraft dieses Mannes schon in den frühen zwanziger Jahren einfangen und genoss, geradezu körperlich, das erhebende Gefühl ein Teil dieser Organisation zu sein. Die Vorstellung einer verschworenen Männerge-meinschaft, in der der Einzelne aufgehen könne, und das Bild eines durch seine Herkunft und seiner Taten geadelten, tapfe-ren Herrenmenschentums zogen ihn unwiderstehlich an. Als Student – er studierte Griechisch und Latein ebenfalls in München – bemühte er sich frühzeitig um die Aufnahme in die Partei und trat als einer der Ersten in die damals wie Pilze aus den Boden schießenden nationalsozialistischen Studen-tenvereinigungen ein.
Er begegnete seiner späteren Frau Sophia, die als Magd auf einem Bauernhof arbeitete, als er bei Erding für die Partei agitierte. Der 30. Juni 1934, der Tag der Ermordung Ernst Röhms, war ein Datum in Adolf Gassners Leben, das sich ihm tief eingebrannt hatte. Er feierte an diesem Tag mit seinen Nazikameraden nicht nur alkoholreich und ausgelassen dessen überfällige Liquidierung, wie er es nannte, sondern auch seinen Eintritt in die Männergesellschaft. Im angetrun-kenen und von den sich überschlagenden Ereignissen dieses Tages in euphorischen Zustand, war er zu seiner damaligen Freundin nach Erding gefahren. Sie lag schon im Bett, als er an die Tür ihres Mansardenzimmers hämmerte und Einlass forderte. Sie öffnete ihm, weil sie befürchtete die Nachbarn könnten durch den Lärm wach werden. Es war für ihn das erste Mal, dass er nackt mit einer Frau im Bett lag und Ge-schlechtsverkehr hatte. Unbeholfen und für sie schmerzhaft war er in sie eingedrungen, und er durfte endlich in einer Frau ejakulieren und nicht, wie bisher, in sein Taschentuch. Er konnte nun aus eigenem Erleben über etwas prahlen, worüber sich die Kameraden schon lange aufgeplustert hatten. Endlich fühlte er sich als richtiger Mann. An diesem Tag glaubte Adolf Gassner seinen einzigen Sohn, den Sophia später Gotthilf nennen würde, gezeugt zu haben. Er wusste nicht, dass Sophia bereits von einem anderen Mann geschwängert worden war ...
.....
Alina war selbstbewusst, belesen, attraktiv, mit einnehmender erotischer Ausstrahlung und sprühend vor Tatendrang, Ideen-reichtum und Kreativität. Das waren alles Eigenschaften, die Gotthilf nicht prägten. Es war ein merkwürdig ungleiches Paar, und Alina konnte sich selbst ihre Zuneigung zu dem eher schlichten Gotthilf nur schwer erklären. Insbesondere störte sie seine weitgehende Abstinenz literarischen Büchern gegenüber. Nur mit Mühe konnte sie ihn, der, wenn über-haupt, nur unkomplizierte und möglichst spannende Abenteuer- und Liebesromane konsumierte, einmal dazu bewegen, ein etwas anspruchsvolleres Buch zu lesen. Es war eine Erzählung von Gorki, die ihr gut gefallen hatte.
Aber vielleicht war es gerade die kumpelhafte Schlichtheit, Gotthilfs unverbrauchtes Gemüt einer Betriebsnudel, das sie anzog. Er war ihr ein guter, lieber Freund, mit dem sie Spaß haben und feiern konnte. Sie hatte ihn gern. Es war jedoch keine Freundschaft, die in ihr sexuelles Verlangen erweckte. Sie wollte sich ihm nicht körperlich hingeben, ihn nicht in sich eindringen lassen, ihm ihr Inneres nicht preisgeben. Wenn er einmal sexuell sehr erregt war, und er sein Verlangen ihr gegenüber überdeutlich zum Ausdruck brachte, befriedigte sie ihn ab und zu mit der Hand. Sie tat dies mechanisch, ohne große innere Anteilnahme. Sie dachte, ihn in ausreichendem Maße sexuell zufrieden gestellt zu haben, wenn er auf diese Weise zum Höhepunkt kam. Gotthilf sah jedoch die Bestätigung seiner Männlichkeit allein in der Penetration, in der sich für ihn die Dominanz, die Macht des Mannes über die Frau manifestierte, die für ihn ein erstrebenswertes Ziel war. Er, gerade zwanzig Jahre geworden, war, trotz allem, stolz, die vier Jahre ältere, gebildete und erfahrene, auch männerkundige Frau als seine Freundin gewonnen zu haben und äußerte sich ihr gegenüber nicht zu ihrer sexuellen Hand-arbeit.
Zwei Jahre waren sie zusammen, als erste ernsthafte Risse in ihrer Beziehung offenkundig wurden. Sie gingen im Engli-schen Garten spazieren. Es nieselte leicht. Gotthilf verlang-samte seinen Schritt und bat sie schließlich, trotz des nassen Wetters, auf einer Bank Platz zu nehmen. Er kniete sich theatralisch vor sie hin und machte ihr einen Heiratsantrag, um, wie er hoffte, sie für immer an sich zu binden, und so auch sein Recht auf ehelichen Beischlaf einfordern zu können. Alina lachte, nicht bösartig oder herabsetzend, sondern belustigt, über seine schwulstige Gestik, wie auch über den Antrag selbst und schüttelte den Kopf.
»Bitte, setz dich wieder neben mich. Mir ist das etwas peinlich, wie du dich vor mir aufführst. Es ist nett von dir, Gotthilf, dass du mir einen Antrag machst. Aber ich habe jetzt noch nicht vor zu heiraten«, sagte sie gerade heraus. »Ich möchte noch etwas erleben in meinen jungen Jahren. Ich möchte meine Ungebundenheit bewahren und ziehe bisher noch eine lose, freundschaftliche Verbindung vor. Auch bin ich mir nicht sicher, ob wir beide wirklich auf Dauer zusammenpassen. Wir haben ja leider kaum gemeinsame intellektuelle Interessen. Das fehlt mir zunehmend. Nur Spaß zu haben, ist zu wenig und reicht mir nicht. Dazu kommt, dass ich den Eindruck habe, dass du mir unsichtbare Fesseln anlegen willst. Ich fühle mich von dir eingeengt, du erhebst Ansprüche an mich, die dir nicht zustehen. In dieses Bild, das ich von dir in letzter Zeit gewonnen habe, passt auch dein Heiratsantrag, mit dem du mich, so ist möglicherweise deine Intention, noch enger an dich zu binden beabsichtigt. Ich weiß nicht, ob dir immer klar genug ist, dass du keinerlei Machtbefugnisse über mich hast. Du bist mir ein guter Freund, nicht weniger, aber auch nicht mehr.«
Gotthilf, der, blind gegenüber Lebenswahrheiten, überzeugt war, dass Alina ihn liebte wie er sie, war entsetzt über diese Worte: »Wie kannst du mir so etwas ins Gesicht sagen. Ich wollte dir die Sicherheit einer Ehe bieten. Aber du scheinst die freie Liebe vorzuziehen. Eine Liebe, die dich nicht einengt, die nicht Rücksicht nimmt. War ich nicht zwei Jahre lang für dich da? Habe ich dich nicht geliebt und war dir treu? Ich habe meine Bedürfnisse zurückgestellt und dich nie bedrängt, mit mir zu schlafen. Dass du mich jetzt so abweist, ist das der Lohn für meine bisherige Zurückhaltung und Rück-sichtnahme? Bedeutet dir die Ehe denn gar nichts? Es würde dir nicht schlecht stehen, ein klein wenig Ordnung in dein un-stetes, ausschweifendes Leben zu bringen!«
»Du meine Güte, Gotthilf, was soll denn das jetzt? Was für eine Auffassung hast du von der Ehe? Ordnung, Sicherheit? Diese Vorstellungen von einer Ehe sind meilenweit von mei-nen entfernt. Du sagst, du hast dich für mich geopfert und deine Bedürfnisse zurückgestellt. Wenn dir in der Vergan-genheit etwas nicht gepasst hat, hättest du es sagen müssen. Das hast du aber nicht. Du kannst die entstandenen Probleme doch jetzt nicht mit der Institution der Ehe zu lösen versuchen, in der ich mich dazuhin offenbar auch noch dazu verpflichten muss, mit dir zu schlafen, wann du das wünscht, ob ich das will oder nicht. Nochmals, du hast keine Rechte über mich. Entweder es entwickelt sich etwas aus freien Stücken oder eben nicht. Du aber lässt nichts sich entwickeln, sondern willst, dass es so läuft, wie es dir in den Sinn passt. Mütter machen das manchmal zum Leidwesen ihrer Kinder. Ich will das nicht. Ich bin mein eigener Herr, oder vielmehr meine ei-gene Frau, wenn ich das einmal so sagen darf. Wenn du das nicht verstehst oder nicht verstehen willst, dann wäre es bes-ser, wenn wir uns eine Weile nicht mehr sehen würden.«
»Du willst dich trennen?«, schrie Gotthilf außer Kontrolle. »Wenn das so ist, bitte schön! Das kannst du haben, es gibt noch andere Frauen, die ich ficken kann!«
Alina wandte sich angewidert ab: »Jetzt wirst du ordinär. Das ist unterste Schublade, mein Lieber.«
Sie wollte gehen. Gotthilf sprang auf und packte sie grob am Oberarm: »Hau nur ab, du Schlampe, ich will dich nie wieder sehen! Mit uns ist es vorbei, endgültig vorbei! Mich siehst du nie wieder!«, brüllte er sie wutentbrannt an und stieß sie grob von sich, so dass sie beinahe gestürzt wäre.
»Du tust mir leid. Wie armselig du doch wirkst. Du hast Angst vor dir selbst und offensichtlich auch vor den Frauen. Du hast keinen Respekt und kannst oder willst die Gefühle der anderen nicht verstehen. Du sagst, du liebst mich. Was verstehst du unter Liebe: Erfüllung vertraglicher Verpflich-tungen? Befriedigung deiner sexuellen Begierden? Sicherheit? Auf wessen Konto liegt die Herzenswärme, auf deinem oder meinem?«, sagte sie ruhig und kühl und ging.
Sie sahen sich nie wieder.

Gotthilf begriff nicht, was Alina sagte und warum sie ihn ver-lassen wollte. Er fühlte sich zutiefst gekränkt. Sein inneres Gleichgewicht, das nie besonders stabil war, geriet auf eine schiefe Bahn. Er drohte abgrundtief zu stürzen. Er war ver-zweifelt. Ja, ihn ängstigte diese Frau und die Kraft, die ihre ruhig gesprochenen Worte auf ihn ausübten. Ihm graute vor solchen Frauen, die er nicht verstand, die ihm überlegen wa-ren und ihn zu einem machtlosen Menschenzwerg schrump-fen ließen.
Als er aufgewühlt nach Hause ging, erinnerte er sich plötzlich wörtlich an eine Passage aus Maxim Gorkis Erzählung Die Entdeckung, die er damals auf Drängen von Alina gelesen hatte: Sie hat ihm mit ihrer Zunge lauter kleine Schlangen ins Herz geschleudert, die glitten darin herum und füllten es mit ihrem bösen Gift. Am liebsten hätte er sie angebrüllt, mit Füßen getreten, ins Gesicht geschlagen, sie auf jede Art erniedrigt. Ihm war, als sei er von Mühlsteinen zermalmt, sein Leben war zerbrochen.
Treffender als Michail Iwanowitsch konnte er seine Empfin-dungen gegenüber Alina nicht ausdrücken. Fast war er dank-bar, dass Alina ihm das Buch zum Lesen empfohlen hatte. Jedes einzelne Wort, das Iwanowitsch über seine Freundin gesagt hatte, traf auf Alina zu. Genau wie dieser fühlte er selbst jetzt auch. Sein Herz war durch Alina eine giftige Jau-chegrube geworden, Jauche die er am liebsten über sie ausgeschüttet hätte. Er wusste in diesem Moment nicht, wie sein Leben weitergehen sollte. Er fühlte sich verraten, klein und ohnmächtig. Die gelassene Souveränität, die Alina ausstrahlte, war ihm unerträglich geworden. Er verspürte eiskalte Wut, ja Hass auf sie aufkommen – und überhaupt auf alle Frauen. Er würde sich von ihnen das holen, wofür sie seiner Meinung nach allein geschaffen wurden: sexuellen Genuss. Nie mehr würde er sich einer Frau öffnen. Frauen waren und blieben für ihn rätselhafte Geschöpfe, unbegreiflich in ihrem Gefühlsleben, unverständlich in ihrer Logik, unfassbar, launisch, abhängig von irgendwelchem trüben Hang zur Romantik, der sie ewig nach Neuem lechzen lässt.

 

Auszug aus: Kapitel X

Plötzliche Böen kündigten ein schweres Gewitter an. Der Himmel war bleigrau. Er schaltete das Licht an. Die dunklen Wolken hingen tief, sie waren übervoll mit Wasser. Von einer Sekunde auf die andere entleerten sie sich. Wie aus einer ge-öffneten Schleuse stürzte sich scharfer, prasselnder Regen auf das Auto. Er nahm Boris die Sicht. Er überlegte kurz, ob er anhalten sollte, verlangsamte dann aber doch nur die Fahrtgeschwindigkeit. Mit weniger als fünfzig Kilometer pro Stunde schlich er auf der Autobahn in Richtung Karlsruhe. Die Städel-Dozentin Isabelle Graw würde dort anlässlich einer Ausstellung mit Werken von Jeff Koons einen Vortrag über den Strukturwandel im Verhältnis von Kunst und Markt halten. Er kannte zwar das Buch von ihr zu diesem Thema, hoffte aber, dieser Abstecher würde ihn etwas ablenken können von seinen quälenden Gedanken. Während der Inhalt seines Zigarettenpäckchens schrumpfte, dachte er an die ernsten und zugleich mitfühlenden Worte von Artur Dombrowsky. Querfalten auf der Stirn zeigten die vergebliche Mühe, das Durcheinander unter seiner Schädeldecke zu ordnen.
Dombrowsky, der Rechtsanwalt seines Vaters, war ein beleib-ter, kugel- und glatzköpfiger Gemütsmensch. Man durfte sich von der äußeren Erscheinung und seinem verbindlich wirken-den Auftreten aber nicht täuschen lassen. Er war auf seinem Gebiet, dem Strafrecht, ein harter und scharfer Verfechter der Interessen seiner Mandanten und genoss hohes Ansehen bei seinen Kollegen. Boris‘ Vater hatte ihn sofort angerufen und ihn gebeten, seinen Sohn zu vertreten, als er erfahren hatte, dass gegen ihn Anklage wegen Vergewaltigung erhoben wor-den war. Dombrowsky hat ihm mit seiner tiefen, beruhigend wirkenden Bassstimme möglichst schonend beizubringen ver-sucht, wie ernst die Lage für ihn sei. In Vergewaltigungsfällen, insbesondere auch bei Minderjährigen, habe, gerade bei den Frankfurter Richtern, der Angeklagte mit keinerlei Nachsicht zu rechnen. In Indizienfällen wie diesem, sei die Sache noch komplizierter. Üblicherweise gingen die Richter von dem Wahrheitsgehalt der Opferaussage aus und der Täter müsse nachweisen, dass er unschuldig sei – was oft schwierig war, hatte er vorsichtig noch hinzugefügt. Auf seinen Einwand, dass er doch einen Brief von Hemera bekommen habe, der eindeutig zeigte, dass er sie und sie ihn liebte, deutete sein Anwalt ihm an, dass die Gegenpartei versuchen wird, das Schreiben nach allen Regeln der Kunst auseinanderzupflü-cken. Liebe ist leider kein Schutz vor Vergewaltigung. Er sollte lieber mit dem Schlimmsten rechnen und auf alles vorbereitet sein. Aus den tiefsten Gründen seiner Seele drangen seine Qualen an die Oberfläche: »Ich bin unschuldig, ich liebe sie. Nein ich vergöttere sie.«
Dombrowsky hatte die Verzweiflung in Boris‘ Blick schon lange bemerkt und ihm gegen Ende des Gesprächs freundschaftlich auf die Schultern geklopft: »Nun lassen Sie den Kopf mal nicht hängen. Ich glaube ihnen. Wir stehen erst ganz am Anfang. Verlassen Sie sich ganz auf mich.«
Er hatte noch hinzugefügt, dass es natürlich vorteilhaft wäre, wenn Frau Gassner wieder auftauchen und alles dementieren würde. Und er schaute ihn fragend an, was wohl bedeuten sollte: haben Sie eine Vorstellung, wo sie sich aufhalten könnte? Boris schien, dass Dombrowsky über diese Frage et-was zu leichthin hinwegging. Es war die Kernfrage. Ohne das Wiederauftauchen des angeblichen Opfers schien dem Rechtsanwalt augenfällig eine Verurteilung kaum noch ab-wendbar zu sein.
Angst, ohnmächtige Angst, hatte sich seiner bemächtigt und sich in jede Pore seines Seins eingenistet. Die verdoppelten Angstgefühle sowohl um Hemera als auch um seine eigene Person vermischten sich zu einem quälenden Gemenge. Wenn es zu einer Verurteilung kommen würde, was beim derzeitigen Stand der Kenntnisse wahrscheinlich war, hätte er keine Hoffnung mehr. Die Zukunft, der ewige, unerschöpfliche Rohstoff der Träume, hätte sich mit einem Schlag in ein Nichts aufgelöst. Er hätte sich selbst und Hemera für immer verloren.
Boris hatte sich das Gehirn darüber zermartert, wo Hemera sein könnte ...
........

Alles, was Erinnerung aufgehoben hat, wird wiederkehren. Während draußen dröhnend der Regen auf das Dach seines BMW Mini trommelte, dachte er an den Samstag zurück, an dem er seine Party gegeben hatte ....

Er glaubte ihre Blicke körperlich zu spüren, ihre großen, warmen Augen, die ihn damals verträumt anstrahlten. Er fühlte ihre Hand auf seiner Haut, als sie warm über seinen Rücken strich. Als er sich ihr zuwandte, erschien ein Ausdruck der Erwartung auf ihrem Gesicht. Ein suchender Blick, das Festhalten eines unwiederbringlichen Augenblicks. Ein leises Zittern ihrer glatten, leicht von der Sonne gebräunten Schenkel ließ die kaum noch beherrschbare Kraft ihres Körpers erahnen. Weich, warm, empfindsam, schmiegsam war ihre Haut. Obwohl wissend, dass kein Wissen genügt, wenn man denjenigen begreifen will, den man liebt, schien er in diesem Augenblick alles von ihr zu wissen. Sie waren eins: aus der Nähe wollten sie sich, aus der Ferne liebten sie sich. Sie verkörperte für ihn Unendlichkeit und Ewigkeit, die seinen Empfindungen ein Recht auf Dauer verlieh. Was Vergangenheit war, wird fortdauern.
Plötzlich tauchte aus den Wassermassen vor ihm, wie aus dem Nichts, die riesenhaft erscheinende Rückwand eines LKW auf. Er musste stark bremsen und wurde aus seinen Träumen gerissen. Er konzentrierte sich auf den Autoverkehr. Bei Mannheim lichtete sich der nachtschwarze Gewitterhim-mel und erste Sonnenstrahlen durchbrachen die aufgelockerte Wolkendecke als er Karlsruhe erreichte.

»Der Markt hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Be-deutung und Visualität produzierenden Industrie gewandelt. Extrem teure Künstler wie Jeff Koons werden eben wegen dieser Preise häufig von der Kritik diskutiert. Die Häufigkeit der Erwähnung dieser Künstler in den Feuilletons – vorausge-setzt, sie werden nicht nur negativ diskutiert – hat wiederum Rückwirkungen auf die Preise der Werke. Der Markt beein-flusst die Kritik. Wie die Kunst ist auch der Künstler zuneh-mend gezwungen, sich selbst zu vermarkten. Er hat die Gren-ze zwischen Kunst und Markt längst in das Ich verlegt. Er ze-lebriert sich. Er hat die celebrity culture internalisiert …«
Die Worte der Vortragenden verloren sich im Raum. Boris vernahm nur noch Stimmengemurmel, wie von sehr weiter Ferne. Seine Gedanken waren abgeschweift. Sein sonst weich anmutendes Gesicht wirkte hart und verschlossen. Er sah vor sich Hemera, konnte aber nicht, wie sonst, wenn er malt, das Gesehene in Besitz nehmen. Vor seinem inneren Auge sah er sie unerreichbar, einsam und verlassen in einem finsteren Kellerloch. Tränen kullerten über ihre blassen Wangen. Seine Phantasie spielte ihm einen Streich. Er sah sie im Büßergewand im flackernden Höllenfeuer. Flammen züngelten an ihrem Körper. Verzweifelt wandte sie sich an ihren Gott, der ihr aber nicht helfen konnte, da er sich verleugnete, oder der, wie ihr die Höllenbewohner versicherten, gar nicht existierte.