Der Mensch als Idee und Materie 

von Henning Schramm 

Baupläne des Lebens

    Die evolutionäre Entwicklung des Lebendigen aus präbiologischen Systemen bis zu dem hochkomplexen Lebenssystem Mensch basiert auf physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten und die Naturwissen-schaft kann mit berechenbarer Wahrscheinlichkeit zeigen, dass in dem Zeitraum von 4,53 Milliarden Jahren, so alt ist die Erde[i], dieser evolutionäre Prozess von anorganischer Materie über einfache Lebenssysteme bis hin zu komplexen lebenden Organismen theoretisch und praktisch stattgefunden haben konnte. Leben ist also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit innerhalb des geophysikalischen Systems der Erde beziehungs-weise des Kosmos entstanden.

 Leben bekommt aus evolutionärer Perspektive Sinn erst durch sein Gegenteil, den Tod. Die Vergänglichkeit und die zeitliche Bedingtheit des Lebendigen sind konstitutiv für die Evolution und die Herausbildung immer komplexerer lebendiger Systeme. Man braucht schon sehr viel Phantasie, sich vorzustellen, wie unser Planet aussehen würde, wenn das Prinzip der End-lichkeit des Lebens keine Gültigkeit hätte. Die einzelnen Organismen würden sich ins Unendliche vermehren. Die Räume und die Reproduktionsmöglichkeiten für bestehende und nachkommende Generationen würden im Laufe der Zeit vollständig blockiert werden, so dass, um zu überleben, den nachkommenden Organismen theoretisch nur die Möglichkeit bliebe, genetische Baupläne zu entwickeln, die dazu befähigen, andere lebende Organismen zu töten, was zu einem furchtbaren Gemetzel aller gegen alle führen würde. Oder aber die Organismen würden ab einem definierbarem Zeitpunkt aus ‘Nahrungsmangel’ alle sterben.

Der in allen lebenden Organismen genetisch verankerte Alterungsprozess, über den bisher nur unvollständige Kenntnisse vorhanden sind, und die mit der Alterung einhergehende Sterblichkeit ist Bedingung für die hohe Zahl und die hohe Vielfalt an Lebensformen und Fähigkeiten. Die Sterblichkeit lebender Systeme als solche ist aber nicht notwendiger weise konstitutiv für Leben. Wir wissen nicht, ob es bei der ersten Heraus-bildung des Lebendigen nicht vielleicht Leben gegeben hatte, das unsterbliche Eigenschaften hatte. Was wir wissen ist, dass, falls es solches Leben gegeben haben sollte, dieses Lebenssystem ausgestorben ist. Vorstell-bar wäre zum Beispiel, dass die Reproduktionsfähigkeit des Organismus verkümmerte, weil ja wegen dessen Unsterblichkeit diese Fähigkeit keine Bedeutung mehr hatte. Dieser Organismus verlor dadurch die Fähigkeit, sich veränderten geophysikalischen Bedingungen schnell genug anpassen zu können. Eine Naturkatastrophe oder dramatische Veränderung der geo-physikalischen Gegebenheiten könnte dann dieses Lebenssystem unwiederbringlich zerstört haben. Überlebt haben die Lebenssysteme, die sich eine schnelle Reproduktion und eine damit einhergehende flexiblere Anpassung an geophysikalischen Umweltveränderungen erhalten haben. Dies waren offenbar Lebenssysteme, für die die Sterblichkeit konstitutiv war, weil dadurch die Selektion der reproduktionsfähigsten Systeme gefördert wurde. Neben der organismuseigenen Fähigkeit zum Stoff-wechsel, ohne den keine Energie zur Erweiterung, Umformung und Erneuerung des zellulären Organismus zur Verfügung stehen würde, ist eine reproduktions-fähiges System aus evolutionärer Perspektive aber nur dann sinnvoll, wenn die Art der Vermehrung Verände-rungen des Erbmaterials und damit Umweltanpassungen zulässt. Den größten Selektionsvorteil hätten danach Lebenssysteme, die einerseits die Stabilität des sich selbst regulierenden Organismus garantieren und andererseits die größtmögliche Variabilität im Hinblick auf veränderte Umweltbedingungen ermöglichen. Der geniale ‚Trick’, der sich in der Natur herausselektiert hat, ist, dass keine Entitäten, keine vollständigen Körper oder Formen reproduziert werden (die nur geringe Flexibilität hätten), sondern die ‚Idee’, die Anweisung, der Plan von einer Entität. Dieser Plan, niedergelegt in einer Art genetischem Schriftstück, ist im Rahmen bestimmter Parameter flexibel, veränderungs- und entwicklungsfähig, ohne die Grundstruktur des repro-duzierten Organismus zu zerstören. Was wir heute beobachten können, die millionenfache Artenvielfalt und hochkomplexen Ausdifferenzierungen einzelner Orga-nismen, ist die Erfolgsgeschichte dieser ‚Erfindung’ der Natur, auf die ich nachfolgend etwas genauer eingehen werde.

Noch Hippokrates stellte sich die Reproduktion zum Beispiel einer Tanne so vor, dass in einem Samenkorn einer Tanne eine vollständig ausgebildete Miniatur-Tanne enthalten sei, dass also bei der Vererbung fertige Orga-nismen weitergegeben werden, die sich im weiteren Leben des Organismus nur vergrößern. Heute sind wir schon etwas weiter in die biochemisch-physikalischen Prozesse und Strukturen der Reproduktion und der Evolution der Arten eingedrungen und wissen, dass eben keine vollständigen Organismen und auch keine einzelnen Bausteine eines Organismus, sondern eine Art chemisch-physikalische ‚Festplatte’, auf der Informa-tionen, die Idee eines Bauplans für einen spezifischen Organismus abgespeichert sind, die an die nächste Generation weitergegeben wird. Neueste Forschungen der Epigenetik lassen vermuten, dass auch die Gene selbst möglicherweise über ein "Gedächtnis" verfügen, also Außenreize aus der Umwelt unmittelbar aufnehmen und Wissen ansammeln können. Das, was unsere Eltern und Großeltern erlebten, könnte ihre Nachkommen noch Jahrzehnte später unmittelbar beeinflussen, obwohl die diese Dinge selbst nie erfahren haben[ii].

Physikalisch-chemisch gesehen kann Leben als ein Vorgang definiert werden, bei dem energiereiche Verbindungen in energiearme umgewandelt werden, wobei die Energiedifferenz in Wärme und zum Aufbau neuer und vermehrungsfähiger Systeme komplexer Organisationen verwendet wird. Kennzeichnend für Leben ist also nach dieser Definition Stoffwechsel und Vermehrung eines Organismus. Diese rein materialis-tische Betrachtung von Leben wird der Wirklichkeit des Lebens nur sehr unzureichend  gerecht. Ein lebender Organismus ist  mehr als strukturierte Materie, er basiert vielmehr auf einem komplexen System von Bauplänen und dazugehörenden Bausteinen. In den Bauplänen ist die Idee, der Informationsgehalt dessen, was werden soll, archiviert. Die Bausteine (zum Beispiel Eiweiß-moleküle) bilden das für die Synthese oder die Materialisierung der Idee notwendige Material und energetische System.

Man kann sich das etwa wie den Bauplan eines Architekten für ein Haus vorstellen. Dieser Plan enthält alle wesentlichen Informationen, um ein Haus an jedem Ort oder zu jedem Zeitpunkt erbauen oder wieder erbauen zu können. Mit einem Bauplan einer Kirche aus dem Mittelalter zum Beispiel, der in einer Bibliothek archiviert war und dessen (Zeichen-) Sprache wir verstehen, könnte heute die Kirche exakt so wieder erbaut werden wie vor tausend Jahren. Sie könnte aber auch modifiziert werden, um zum Beispiel moderne Materialien und energiesparende Arbeitsmethoden nutzen zu können, bliebe aber im Wesentlichen und der äußeren Erscheinung nach der mittelalterlichen Kirche gleich.

Vererbt auf die nächste Generation wird also, wie bereits gesagt, zunächst eine Art Dokument, in dem die Idee eines Bauplans niedergelegt ist. In einem zweiten Schritt materialisiert sich diese Idee und tritt uns als sinnlich wahrnehmbare Erscheinung oder Natur gegen-über. Der Zusammenhang von Idee und materiellen Erscheinungen hat die Philosophie von Platon bis Kant beschäftigt. Ich werde diesen Aspekt etwas später nochmals aufgreifen. Hier soll lediglich auf die Analogie philosophischer und naturwissenschaftlicher Betrach-tungsweisen hingewiesen sein[iii].

Ich möchte an dieser Stelle den Aspekt von Idee und Materie am Ursprung organischen Lebens vorerst unter drei genuin naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten weiter verfolgen, die für das Verständnis von Leben und damit auch des Menschseins im erdgeschichtlich evolutionären Prozess wichtig sind.

Erstens: Jede Idee oder jeder Bauplan bedarf einer Sprache, Begrifflichkeit und Regeln, die archivierbar, vermittelbar und verstehbar sein müssen, damit der in einer Idee enthaltene Zweck erfüllt werden kann. Wie sieht also das Archiv des Lebendigen aus, in dem die Idee von der Form und Inhalt des Ganzen und der Regularien seiner Entstehung abgespeichert ist?

Zweitens: Wenn solche Baupläne des Lebens lokalisiert und deren chemischen Eigenschaften analysiert werden können (was ja heute der Fall ist), lässt sich dann mit naturwissenschaftlich hinreichender Wahrscheinlichkeit sagen, dass solch ein Bauplan unter den chemisch-physikalischen Gegebenheiten und Eigen-schaften präbiologischer Systeme überhaupt entstehen konnte. Da nur relativ genau datierbare Zeiträume sowie nicht beliebiges Material und Kräfte für diese Entwick-lung zur Verfügung standen, ist es keinesfalls zulässig, für die Entstehung des Lebens beliebig unwahrschein-liche Ereignisse vorauszusetzen.

Drittens: Ist dieser Nachweis erbracht, muss schließlich gezeigt werden, dass die evolutionäre Ent-wicklung lebender Organismen von einfachen bis zu hochkomplexeren menschlichen Organismen und Zell-strukturen, in dem fest vorgegebenen Zeitrahmen prinzipiell stattfinden konnte.

Der entscheidende Punkt der Lebensentstehung ist, dass geeignete Trägermoleküle entstehen müssen, in denen sich Informationen ansammeln können, durch die chemische Vorgänge in bestimmte Bahnen gelenkt und katalysiert werden[iv]. Damit eine Weiterentwicklung stattfinden kann, müssen zudem diese Informationen auf andere Moleküle übertragbar und durch äußere Einflüsse modifizierbar sein. Damit ist der Anfang der Evolution eingeleitet. In dem Augenblick nämlich, in dem eine wechselseitiger Austausch einsetzt, findet ein Selektion in dem Sinne statt, dass aus einer größeren Zahl von Nukleinsäureketten diejenigen bevorzugt vermehrt werden, bei denen die Informationsübertragung am sichersten und schnellsten verläuft.

Belebte Materie besteht aus einer Zelle oder einem Verband von mehreren Zellen, die vermehrungs- und stoffwechselfähig sind. Das Entstehen einer bestimmten Zellstruktur, also eines speziellen Organismus, wird durch die in der DNS[v] gespeicherten Informationen, die chemische Reaktionen zur Entsehung bestimmter Molekülstrukturen initiieren (wie zum Beispiel der Proteine), gelenkt. Bestimmte Reaktionen werden unterstützt, unerwünschte Reaktionen werden unterdrückt. Die Nukleinsäure stellt also das Archiv dar, in dem die Baupläne des Lebens niedergelegt sind und die Entstehung materieller Formen und Strukturen gesteuert wird.

Die Anweisung über den Bau zum Beispiel der Proteine ist in der DNS in einer Art alphabetischer Schrift aufgezeichnet. Das Alphabet des genetischen Codes besteht aus vier Buchstaben[vi], die in Dreier-gruppen aneinander gereiht sind. Anstelle von Worten mit variabler Buchstabenzahl unserer Sprache, kennt der genetische Code also nur ‚Wort’-Gruppen mit je drei ‚Buchstaben‘, sogenannte Tribletts, die jeweils den Anfang beziehungsweise das Ende einer  Informations-einheit markieren.[vii] Je nach dem wie die Tribletts aneinander gereiht sind, ergeben sich unterschiedliche ‚Sätze’ mit einem ganz spezifischen Informationsgehalt, der den Aufbau des Organismus steuert.

Wenn Nukleinsäuren[viii] und Proteine entscheidend für Leben sind, stellt sich die Frage: waren zu Beginn der Erdgeschichte Substanzen auf der Erde, wie zum Beispiel nukleotid-ähnliche Substanzen, energiereiche Phosphate und Kohlenhydrate, die zur Bildung von Nukleotiden und Proteinen notwendig sind?

Es scheint heute sicher zu sein, dass derartige Substanzen auf der Erde vorhanden waren und es konnte experimentell nachgewiesen werden, dass aus diesen einfachen Baustoffen die wichtigen Nukleinsäuren entstehen konnten[ix].

Neuere Theorien weisen auch auf kosmische Entstehungsmöglichkeiten von Aminosäuren hin. In neueren experimentellen Untersuchungen, bei denen der Kern eines Kometen nachgebaut und entsprechenden Weltraumbedingungen ausgesetzt wurde, konnte im Jahre 2002 ein Forscherteam vom Max-Planck-Institut für Aeronomie 16 Aminosäuren nachweisen.

Durch Mutationen und fortdauernde Anreicherung der genetischen Codes im Prozess der Fortpflanzung und Evolution nimmt der Informationsgehalt des genetischen Materials über einfache Zellverbände bis zu den Säuge-tieren ständig zu. Enthalten zum Beispiel Viren nur einige tausend Zeichen, so enthält ein Bakterium schon einige hunderttausend und das menschliche Genom ca. drei Milliarden Informationseinheiten (Basen). Die Baupläne des Lebens sind im Lauf der Evolution also immer komplexer geworden. Der immaterielle oder geistige Gehalt ist in den Milliarden von Jahren des Evolutions-prozesses enorm angestiegen und hat immer höher stehende Organismen herausgebildet, von Einzellern bis zu den hundert Billionen Zellen umfassenden Organis-mus Mensch, der zum Beispiel durch ein über tausend Kilometer langes Adernetz mit Nährstoffen versorgt wird.

Nach Berechnungen der NASA aus dem Jahr 2003 hat das Universum ein Alter von 13,7 Milliarden Jahren. Das Alter der Erde wird auf 4,53 Milliarden Jahre ge-schätzt. Die Ursprünge des Lebens werden auf ca. 3,8 Milliarden Jahren datiert. Vor ca. 3,5 Milliarden Jahren entstanden erste Zellen, allerdings noch ohne echten Zellkern, und vor ungefähr einer Milliarde Jahren ent-wickelten sich sogenannte enkaryontische Zellen, aus denen alle heutigen höheren Lebensformen bestehen.

Bis zur Entstehung menschlicher Urformen vergingen dann nochmals rund 995 Millionen Jahre. Erst vor circa fünf bis sieben Millionen Jahren[x] trennten sich die Entwicklungslinien von Schimpansen und Vormenschen und führten zur Entwicklung der Hominiden, deren älteste Funde in Afrika auf etwa zweieinhalb bis drei Millionen Jahren datiert werden (Homo rudolfensis). Der Urmensch (Homo rectus) hat vor einer Million Jahren in Afrika und Asien gelebt. Vor spätestens 800.000 Jahren waren Frühmenschen auch in Südeuropa und seit circa 600.000 Jahren auch in Mitteleuropa (Homo heidel-bergensis) beheimatet. Vor rund 100.000 Jahren entwickelten sich in Afrika mit dem Homo sapiens unsere direkten Vorfahren.

Frühere Menschenformen, die bereits vor dieser Zeit Afrika verlassen hatten und fossil in verschiedenen Teilen der Welt nachgewiesen wurden, starben wieder aus, ohne ihre Erbanlagen bis in die heutige Zeit weitergegeben zu haben. Die genetisch einheitliche Gruppe, die den modernen Menschen repräsentiert, breitete sich in sehr kurzer Zeit über die ganze Erde aus: Vor 67.000 Jahren erreichten sie Asien und Südostasien einschließlich Australien, vor 40.000 Jahren Europa, über die Beringstraße vor 20.000 Jahren Nordamerika und erst vor etwa 13.000 Jahren Südamerika. Kein anders höheres Lebewesen hat sich in dieser Weise über die gesamte Erde, von den Wüsten Afrikas bis zu den unwirtlichen Gegenden der Antarktis, ausgebreitet. Der Mensch konnte in den extrem unterschiedlichen klimati-schen und natürlichen Bedingungen nur überleben, in dem er sich entspezialisiert und gleichzeitig enorme geistige Fähigkeiten entwickelt hatte, die die physischen Mängel kompensieren konnten.

Worin unterscheidet sich nun der moderne Mensch wesentlich von seinem nächsten tierischen Verwandten, den Schimpansen? Seit dem der erste Affe vor Millionen von Jahren den Abstieg vom Baum wagte, hat sich – genetisch gesehen – nicht sehr viel getan. Nur gut ein Prozent der Gene trennen uns von den Schimpansen. 98,7% der Gene, so haben Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie herausgefunden, haben wir gemeinsam mit unseren nächsten Verwandten den Affen.

Genetische Unterschiede wurden ganz überwiegend nur im Gehirn beobachtet, nicht aber in den anderen Körperzellen. Der Mensch ist also wesentlich Gehirn- oder Geistmensch. Das menschliche Gehirn[xi] hat sich im Laufe der Evolution also sehr viel schneller verändert als das der Schimpansen. Vergleicht man die Gen-Aktivität und die Leistungen der Gene zum Beispiel beim Aufbau von Proteinen im Gehirn, sind Schimpan-sen anderen Affen viel ähnlicher als dem Menschen. Vergleicht man jedoch die Körperzellen, ist der Schimpanse eher mit uns verwandt als mit anderen Affen.

Warum wir Menschen heute in Flugzeugen fliegen, in Wolkenkratzern wohnen und mit dem Auto unsere Umwelt erkunden können, ist also in erster Linie durch die Entwicklung der Hirnleistungen und -aktivitäten beeinflusst. Andererseits dürfte es uns Menschen auch nicht schaden, sich immer einmal wieder bewusst zu machen, dass der große Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse nur in einem winzigen Prozentsatz unterschiedlicher Erbsubstanz begründet ist, wir also durchaus noch sehr viele gemeinsame Prägungen mit unseren tierischen Vorfahren und Verwandten haben. Hierzu gehören in erster Linie ein sehr großer Teil unserer physiologischen Körperfunktionen zur Auf-rechterhaltung der Lebensfunktionen. Aber auch unser oftmals unbewusstes instinktives Verhalten, das vorwiegend der Lebens- und Arterhaltung dient, wie zum Beispiel Fortpflanzung, Ernährung, Brutfürsorge, Schutz und Verteidigung, ist unmittelbar durch diese archaischen Prägungen aus der Evolutionsgeschichte lebender Organismen bestimmt.


Die Idee des Lebens

Leben ist seinem Wesenskern nach ein auto-nomes, selbsterhaltendes und -regulierendes, wandlungs- und erfahrungsfähiges System mit eigenem Stoffwechsel und Energiehaushalt zum Aufbau und der Erhaltung sowie Fortpflanzung seiner Art.

Im Folgenden soll versucht werden, kurz zu erläutern, welche Bedeutung diese Definition für die Idee des Lebendigen hat.

Autonom bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der lebende Organismus ein in sich geschlossenes System darstellt, das unabhängig von anderen Organis-men existieren kann. Ein Virus würde in dieser Definition eine Zwitterstellung einnehmen, da es selbst keine Ener-gie erzeugen kann, keinen eigenen Stoffwechsel hat und zur Fortpflanzung einer Wirtszelle bedarf. Stirbt die Wirtszelle oder befindet sich das Virus längere Zeit außerhalb der Wirtszelle, kann es nicht überleben.  

Aufgabe eines jeden lebenden Organismus ist es, durch Sicherung der inneren Stabilität des organischen Systems sich selbst als fortpflanzungsfähige Entität zu erhalten. Wird der Bestand durch innere oder äußere Einflüsse gefährdet, muss das organische System fähig sein, darauf zu reagieren und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die Stabilität wieder herzustellen. Alle lebenden Organismen benötigen daher einen Regelkreis mit negativer Rückkoppelung (Homöostase). Das heißt, dass bei Überschreitung eines Toleranzrahmens in irgendeinem Bereich der organischen Entität, der die Existenz des Organismus oder die arterhaltende Leis-tung einzelner Systemmerkmale gefährden würde (Krankheit), ein ‚selbstmindernder’ Regler eingebaut ist, der das System wieder in die Ausgangssituation, in der das System stabil ist, zurückführt. Die Regelung durch so genannte Regelkreise oder Homöostasen[xii] ist eine Struktureigenschaft aller höher integrierten organischen Systeme.

Da sich das Umfeld, in dem sich ein Organismus behaupten muss, dauerhaft ändern kann, oder die Stabilität der Entität in einem gegebenen Umfeld nicht in optimaler Weise die Arterhaltung garantiert, ist es für das Überleben des Organismus von höchster Wichtig-keit, dass der Organismus wandlungsfähig ist, um sich an Veränderungen der Umwelt anpassen zu können und damit die Stabilität und das Überleben des Organismus zu optimieren. Die Effizienz eines Organismus in Bezug auf Überleben und Optimierung der Systemfunktionen wird dramatisch erhöht, wenn er lernfähig ist, wenn also Erfahrungen von der einen Generation auf die andere weitergegeben werden können. Dazu bedarf es eines Speichermediums, in dem die Gesamtheit der Erfahrungen archiviert und sukzessive erweitert werden können. Dieses Speichermedium ist die Nukleinsäure-kette, in der, wie auf einer Festplatte oder einem Speicherchip, alle Erfahrungen der organischen Welt in einem Schriftstück mit eigenem Alphabet, Satzbau und Grammatik gespeichert sind.
Erfahrungen oder neues ‚Wissen’ kann die autonome organische Entität auf zweierlei Arten sammeln. Nämlich zum einen ‚aktiv’ über die Fortpflanzungsart, bei der zwei Informationsträger (Nukleinsäureketten) verschmel-zen und eine neue Entität der gleichen Art bilden, aber mit dem erweiterten ‚Wissenspool’ von vormals zwei getrennten autonomen (aber artgleichen) Entitäten. Zum anderen ‚passiv’ über zufällige Änderungen (Mutationen) des gespeicherten Schriftstücks (Gen). Führt diese Änderung dazu, dass dieser veränderte Organismus lebensfähig ist, beziehungsweise ver-besserte Leistungsmerkmale besitzt (zum Beispiel im Bezugsfeld einer anderen Umwelt), wird diese Änderung erhalten und abgespeichert und führt zu einer neuen Art von organischer Entität. Der ‚Wissenspools’ der orga-nischen Systeme wird erweitert und führt in der Erd-geschichte zu dieser enormen Ausdifferenzierung der Welt des Lebendigen, wie wir sie heute beobachten können.
Diese lang- und mittelfristige Informationsverarbeitung und -speicherung wäre allerdings zu schwerfällig und würde optimale Lebenschancen eines Organismus mindern, wenn es darum geht, auf kurzfristige Umwelt-schwankungen angemessen reagieren zu können oder notwendige Interaktionen mit anderen Organismen unmittelbar zu steuern. Um auf Umweltschwankungen und neue Leistungsanforderungen kurzfristig reagieren zu können, bedarf es flexiblerer, lernfähiger kognitiver Fähigkeiten, über die sich der Organismus Informa-tionen einverleibt. Um bei dem Bild der Computer-sprache zu bleiben, er benötigt eine Art Arbeitsspeicher, der interaktiv die unmittelbar notwendigen Reaktionen mit der Umwelt und die Ausführung mittelbarer Aktivitäten des Organismus regelt. Diese Art der Steuerung ist im Nervensystem angesiedelt und hat sich immer weiter ausdifferenziert bis zur Entwicklung des hochkomplexen menschlichen Gehirns
[xiii].

Die früher beschriebene Ausdifferenzierung des Informationspools von einigen Tausend (bei Viren) bis zu etwa drei Milliarden Informationseinheiten in den Nukleinsäuren des Menschen und die Entwicklung des Nervensystems zu einem hochkomplexen lernfähigen System (Gehirn) führte zu einem Organismus (Mensch), der sich nicht mehr bedingungslos an die Umwelt an-passen musste. Er war vielmehr fähig, die Verhältnisse umzudrehen und die Umwelt an den Organismus anzu-passen. Das schwächte in Konsequenz den Selektions-druck und hemmte potenziell die Entwicklung des mittel- bis langfristigen biologischen Informationspool in der DNS. Im Gegenzug dazu hat die kurzfristige geistige Speicherkapazität und Informationsverarbeitung der Hominiden allerdings einen enormen Entwicklungsschub erfahren[xiv].

Mit der neurophysiologischen Entwicklung bis zum Homo sapiens war eine entscheidende Wende in der Entwicklung des Organismus verbunden. Der lebende Organismus war in der Lage, sich selbst zu reflektieren. Er konnte den Bauplan seiner selbst sichtbar und seiner Erfahrung und seinem Erkenntnisapparat zugänglich machen. Er konnte die Idee dieses Bauplans, die seine Existenz begründet, reflektieren und beginnen über sein Leben nachzudenken. Der Mensch mit all seinen spezi-fischen physiologischen Besonderheiten wie Skelettbau und differenzierte Sprachentwicklung ist am vorläufigen Ende der evolutionären Entwicklung des Lebendigen befähigt worden, ein Bewusstsein vom Ich[xv] zu entwickeln. Ein Ich, das den Raum, die Klammer aller Erkenntnisse und des ‚Machen-Könnens-von-Erfahrungen’ (Immanuel Kant) bildet. Das  Bewusstsein, lokalisiert in Milliarden von Hirnzellen und  ihren Ver-knüpfungen, synthetisiert die gedanklich präsente Er-fahrung zu einer aufeinander bezogenen Einheit (Entität). Grundlage des Ich-Bewusstseins ist also das gespei-cherte Wissen über die Summe der subjektiven Erfahrungen, die gedanklich präsent sind. Die Erfahr-barkeit der Welt ist durch die Ausstattung des Organi-smus mit Sinneszellen begrenzt. Nur das, was mit den Sinnen erfahrbar und im Gehirn abgespeichert und erinnert wird, bildet die Erfahrungsebene des Ich, ist subjektiv wirklich. In diesem Prozess der Verarbeitung von Sinneseindrücken entsteht die Vorstellung von Welt - und vom Ich inklusive. Um mit Kant[xvi] zu sprechen: Der Mensch bildet die Welt entsprechend der Struktur seines Denkvermögens und Erkenntnisapparats (Vernunft), gibt den ungeordneten Erscheinungen eine Ordnung und ‚erfindet’ Gesetzmäßigkeiten, die sich aus der Urteilskraft seines Verstandes herleiten.  

Dadurch, dass sich der Mensch mit seinen kognitiven Möglichkeiten und seiner Fähigkeit zu Bewusstseins- und Ideenbildung von den unflexiblen genetisch codier-ten langsamen biologisch-evolutionären Prozessen des ‚Machen-Könnens-von-Erfahrung’ tendenziell ent-koppeln konnte, hat er sich in stammesgeschichtlich sehr kurzer Zeit Spielräume geschaffen, die zu der enormen Ausdifferenzierung und Komplexität mensch-licher Fähigkeiten geführt haben.

Am Anfang stand der ‚Logos’ heißt es in der griechischen Bibelfassung. Logos bedeutet im Griechischen Geist, Sprache, Vernunft. Am Anfang war das ‚Wort’ heißt es in der deutschen Übersetzung. Eine Einsicht, die sich auf der Grundlage der heutigen natur-wissenschaftlichen Erkenntnisse als durchaus prophe-tisch erwiesen hat. Am Anfang des Lebens stand in der Tat das Wort oder genauer 4 Buchstaben A – T – G - C, aus denen sich ein voluminöser Schriftsatz mit einem komplexen Wissensschatz entwickelt hat. Am Anfang stand auch Geist. Geist in dem Sinn, dass die treibende Kraft des Lebendigen, wie ich zu zeigen versucht habe, immaterieller Natur ist: Ein lernendes System, welches Wissen über die Umwelt sammelt und die Idee einer Entität, einer autonomen sich selbst steuernden Einheit gespeichert hat und an die nächsten Generationen weiter gibt[xvii].

Fragt man nach der Idee des Lebens, so ergibt sich aus dem bisher Gesagten letztendlich als Antwort:
Die Idee des Lebendigen liegt in der optimalen Steue-rung eines sich  selbsterhaltenden und -regulierenden, erfahrungsfähigen autonomen System begründet. Um den ‚Willen’ zur Realisierung dieser Lebensidee in dem einzelnen Organismus zu stärken, wäre es hilfreich, wenn die Natur in die Lebenssysteme einen Mechanis-mus eingebaut hätte, der die Wiederherstellung der Stabilität eines instabilen (kranken) Organismus und damit die Lebenschancen dieser Entität ‚belohnen’ würde. Und tatsächlich ist dies, zumindest bei den höheren Lebewesen
[xviii], der Fall. Der Organismus „versucht durch sein Handeln eine möglichst vorteilhafte Situation für seine Selbsterhaltung und sein Funktio-nieren zu schaffen.“[xix] Das homöostatische Ungleichgewicht empfinden wir als Unlustgefühl, „gelungene Homöostase löst ein Gefühl der Zufrieden-heit, ein Wohlgefühl oder gar Glücksgefühle aus.“[xx] Aus den Ergebnissen seiner neurobiologischen For-schungen ist der oben zitierte amerikanische Neuro-biologe Damasio zu der Überzeugung gelangt, dass „der fortwährende Versuch, einen Zustand positiv gesteu-erten Lebens zu erreichen, ein tief verwurzelter und höchst charakteristischer Teil unserer Existenz ist.“[xxi] Fragt man auf dieser Grundlage nach dem Sinn des menschlichen Lebens, so ergibt sich aus naturwissen-schaftlicher Perspektive als Antwort: Der Mensch lebt, weil er den Willen hat zu leben. Der Wille zum Leben ist dem Menschen mit dem ersten Atemzug gegeben und in unseren Genen abgespeichert.

Der Philosoph Bertrand Russell spricht von drei einfachen, doch übermächtigen Leidenschaften, die sein Leben bestimmt haben:
Das Verlangen nach Liebe, der Drang nach Erkenntnis und das Mitgefühl für die Menschen
[xxii].
Diese Leidenschaften spiegeln sich in der Idee des Lebens wider und korrespondieren mit drei allgemeinen fundamentalen Existenzbedingungen des Menschen:

Der Bedeutungsgehalt von Liebe ist im genetischen Sprachcode mit Fortpflanzung verknüpft, ein arterhal-tendes Merkmal des Organismus, das die Überlebens-chancen der Art stützt. Liebe oder Zuneigung steuert die Partnerwahl[xxiii] und erhöht die Chancen der Paarung und damit der Tradierung und der Ausdifferenzierung des genetischen Wissenspools. Belohnt wird der phylo-genetisch lebensnotwendige Paarungsakt durch Glücks- und Lustgefühle, die wiederum Antrieb für weitere An-strengungen in dieser Richtung sind.

Der Drang nach Erkenntnis(xxiv) dient aus genetischer Sicht der Anreicherung des ‚Arbeitsspeichers’, der kognitiven Wissenserweiterung, der Schaffung materieller und immaterieller ‚Güter’, mit deren Hilfe das interne homöostatische System und die Homöodynamik von Lebenssystem und Umwelt optimiert werden können. Belohnt wird der Erkenntnisgewinn ebenfalls, wie der eine oder andere Leser vielleicht schon einmal selbst erfahren hat, durch positive Gefühlsempfindungen.

Wir leben in Gemeinschaft mit anderen Menschen und Lebewesen. Der Mensch ist im Wesentlichen soziales Wesen und bedarf der Gesellschaft und Empathie anderer Menschen zur stabilen Entwicklung seiner Persönlichkeit, seines Ichs. Mitgefühl für Menschen ist deswegen ein unentbehrliches Leistungs-merkmal des menschlichen Organismus für die Auf-rechterhaltung und Weiterentwicklung seiner personalen Integrität, der wechselseitigen zwischenmenschlichen Beziehungen und der Entwicklung seiner Soziabilität und Kultur.

Die drei Leidenschaften, die das Leben von Russell prägten, fördern und stützen das Überleben der Art - und sie füllen die Idee des Lebens mit Leben und machen dessen biologischen Sinn sichtbar. Fehlt das Verlangen nach Liebe, der Drang nach Erkenntnis und das Mitgefühl gewinnen Isolierung und Einsamkeit, intellektuellen Dumpfheit und sozialen Verrohung die Oberhand. Der Wille zum Leben würde geschwächt und das Leben selbst wäre weniger lebenswert.

[i] In sieben Milliarden Jahren wird die Erde, auf Grund des enormen Temperatur-anstiegs der Sonne, dann wieder aus dem Universum verschwunden sein, so haben Wissenschaftler errechnet. Bis dann schließlich die Sonne selbst erlöscht und ein Stern unter circa 400 Milliarden von Sternen allein in unserer Galaxy, der Milchstraße, weniger existieren wird.

[ii] Die Epigenetik beschäftigt sich mit der Wirkung von Genen auf das physische Erscheinungsbild eines Organismus. Wissenschaftler dieses Fachgebiets scheinen jenseits der DNS eine weitere ganz neue Grundlage der Vererbung entdeckt zu haben. Wie der Sender ‚Arte’ in einer Dokumentation über das „Gedächtnis der Gene“ (Februar 2007) berichtet, konnte nachgewiesen werden, dass die Gene ihrerseits der Kontrolle epigenetischer "Schalter" unterliegen, die von Umwelteinflüssen wie Nahrung und Stress ein- und ausgeschaltet werden. Aus dieser verblüffenden neuen Erkenntnis ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die Wirkung von Umweltfaktoren vererbt werden kann.

[iii]  Vgl. hierzu Gerhard Schramm, Baupläne des Lebens, München 1971

[iv] Der Russe Alexander Oparin (The Origin of  Life, NewYork 1938) prägte analog zu der biologischen den Begriff der chemischen Evolution schon 1936. Dahinter steht die Annahme, dass Leben gewissermaßen zwangsläufig in einem nachvollziehbaren chemischen Entwicklungsprozess seinen Ursprung nahm.

[v] = Desoxyribonucleinsäure

[vi] Die 4 Buchstaben des genetischen Codes sind: A (= Adenin), T (= Thymin), G (= Guanin), C (= Cytosin)

[vii] Im Jahre 2000 wurde das menschliche Genom (= Gesamtheit aller Gene), das ca. drei Milliarden ‚Wörter’ (Informationseinheiten) enthält, entschlüsselt.

[viii]  Vgl. hierzu ebenfalls den Sammelband ‚Baupläne des Lebens’ München 1971, von Gerhard Schramm, der wie das Nobelpreisträger Adolf Butenandt in seinem Vorwort zu dem zitierten Sammelbands formuliert hat, mit seinen Versuchen die entscheidende Bedeutung der Nukleinsäure als Träger der Erbanlagen aufgezeigt hat.

[ix]  Unter geophysikalisch möglichen Bedingungen konnten Nukleinsäureketten experimentell hergestellt werden. Auch ist es möglich, dass unter abiogenen Bedingungen eine Nukleinsäurematrize die Vereinigung von Mononukleotiden steuert, so dass eine hierzu komplementäre  Matrize entsteht, die ihrerseits im nächsten Schritt wieder die Polymerisation von Nukleotiden zu der ursprüng-lichen Matrize fördert. Vereinfacht ausgedrückt: die in einer Nukleinsäure enthaltenen Informationen waren fähig, sich selbst zu duplizieren. So wirken z.B. RNA-Moleküle (RNA = Ribonukleinsäure) gleichzeitig als Enzyme für ihre eigene Synthese, besitzen also Eigenschaften, um sich selbst herstellen zu können. Vgl. hierzu M. Eigen, Stufen zum Leben. München 1987.

[x] Im Jahre 2002 wurde in Westafrika ein Primatenschädel gefunden, der auf ein Alter von 6 Millionen Jahren geschätzt wird und der bisher älteste Fund dieser Art ist. In: Frankfurter Rundschau vom 31.12. 2002.

[xi] Das menschliche Gehirn ist bei Geburt mit der riesigen Zahl von über einhundert Milliarden Nervenzellen ausgestattet, die sich dann, abhängig von den Erfahrungen eines Menschen, im Laufe der weiteren Entwicklung vernetzen. Die Nervenverbindungen, die in der weiteren Entwicklung des jeweiligen Individuums nicht in Anspruch genommen werden, bilden sich wieder zurück und verkümmern. In der Zeitspanne zwischen dem Baby- und dem Erwachsenenalter verliert der Mensch pro Tag in etwa 20 Milliarden Nervenverbindungen.

[xii] Konrad Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, München 1973, S. 16. Sie sind nach Meinung von K. Lorenz „für die Erhaltung des Lebens so unentbehrlich, dass man sich seine Entstehung kaum ohne die gleichzeitige „Erfindung“ des Regelkreises vorstellen kann… Die negative Rückkoppelung des Regelkreises macht es unnötig, dass die Wirkung jedes einzelnen der an ihm beteiligten Untersysteme genau auf ein bestimmtes Maß festgelegt ist. Eine geringe Über- oder Unterfunktion wird leicht wieder ausgeglichen. Zur gefährlichen Störung der Systemganzheit kommt es nur dann, wenn eine Teilfunktion bis zu einem Maß gesteigert oder vermindert ist, die die Homöostase nicht mehr auszugleichen vermag, oder aber, wenn am Regelkreis selbst etwas nicht in Ordnung ist.“ (ebda S. 17)

[xiii] Vgl. hierzu die Ausführungen zum Begriff der Noosphäre (Sphäre des Denkens) und der Rolle des Gehirns für die Entwicklung des Menschen von Pierre Teilhard de Chardin: Die Entstehung des Menschen, München 1961. Nach Chardin baut sich die Welt auf drei Unendlichkeiten auf: Das Unendlich-Kleine (Mikrokosmos), das Unendlich-Große (Makrokosmos) und das Unendlich-Komplizierte (Kosmos des Lebendigen, wobei der Mensch dank seiner Gehirnleistungen bisher den höchsten Komplexitätsgrad erreicht hat).

[xiv] In jüngster Vergangenheit wurde die Kapazität des menschlichen Wissenspools durch künstliche, ausgelagerte Speichermedien und Informationsverarbeitungssysteme ergänzt.

[xv] Die Entdeckung des Ich (und damit auch des Du) geschieht etwa 18 Monate nach der Geburt.

[xvi] Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft. Hauptwerke der großen Denker, Paderborn (Voltmedia GmbH, ungekürzte Ausgabe nach der zweiten, hin und wieder verbesserten Auflage 1787).

[xvii] Den Gedanken des Bleibenden und Überdauernden, das bei der Entstehung des Lebendigen eine entscheidende Rolle spielt, finden wir bei Platon in dem Begriff Idee wieder.
[xviii] Mit großer Wahrscheinlichkeit ist dieser ‚Belohnungsmechanismus’ aber auch bei anderen organischen Systemen genetisch verankert.

[xix] Antonio R. Damasio, Der Spinoza-Efffekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen, München 2003, S. 46.

[xx] Henning Schramm, Recht auf Ineffizienz. Orientierung und Lebenssinn im Kapitalismus, Münster 2005, S. 103.

[xxi] Antonio R. Damasio, Der Spinoza-Efffekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen, München 2003, S. 47.

[xxii] Bertrand Russell, Wofür ich gelebt habe. I: Ch. Fehige u.a. (Hrsg.), Der Sinn des Lebens. München 2002, S. 192

[xxiii] Forschungen zeigen, dass im Tierreich die Partnerwahl entscheidend durch Sexual-Botenstoffe (Pheromone) gesteuert wird. Sie dienen der Kommunikation innerhalb der Arten und geben Auskunft über die Genzusammensetzung des Artgenossen. Gewählt wird der Partner, dessen  Genmix sich von dem eigenen möglichst unterscheidet, weil damit der eigene Genpool erweitert, das Immunsystem gestärkt und die Lebenschancen verbessert werden. Auch beim Menschen spielen die Pheromone bei der Partnerwahl möglicherweise noch eine Rolle bei der Partnerwahl, auch wenn sie offenbar von visuellen Kriterien und anderen äußeren Erscheinungsmerkmalen (wie zum Beispiel der Sprache und Sprachmelodie) des potenziellen Paarungspartners etwas in den Hintergrund gedrängt worden sind.
Neueste Untersuchungen haben gezeigt, dass Liebe ein zentrales Steuerungsmerkmal für das Paarungsverhalten darstellt. Beim Gedanken an den Geliebten werden Gehirnareale angeregt, die die Aufmerksamkeit fokussieren und Motivation unterstützen. Liebe aktiviert gleichzeitig auch das Belohnungssystem im Zentrum des limbischen Systems und ruft Gefühle hervor, ähnlich wie nach dem Genuss von Kokain und anderen Opiaten. Wird die Liebe erwidert, erweckt sie in uns ein Gefühl des Rausches. Der Ausstoß von Dopamin, Noradrenalin und Endorphinen und die Aktivität im ventralen Tegmentum, dem zentralen Bestandteil des Lustzentrums im Gehirn, werden erhöht. (Vgl. dazu Helen Fischer, Warum wir lieben. Die Chemie der Leidenschaft. Düsseldorf 2005 und FR vom 27.2. 2007) Die Stimulierung der Dopamin produzierenden Zellen führt zu gesteigerter Aufmerksamkeit, Begeisterung und Energie, was die Wahl des und die Werbung um den ‚richtigen‘ Paarungspartners unterstützt. Neben dem Dopamin erhält auch das sogenannte Treuehormon Oxytocin einen Schub, ein Hormon, welches

das sexuelle Begehren wie auch die sozialen Bindungskräfte und das Treueverhalten positiv beeinflusst.
(
xxiv) Der Erkenntnisdrang, das Lernen und das erfolgreiche Lösen von Problemen ist genetisch gesteuert und wirkt, wie das der der Leiter des Leibnitz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg, Henning Scheich, gezeigt hat, direkt auf das Belohnungszentrums des Gehirns. Beim Lernen wird Dopamin ausgeschüttet, ein Molekül das Verlangen und Motivation hervorruft und uns Dinge tun lässt, die uns Glücksgefühle verschaffen, weil körpereigene Opiate (Endorphine) ausgeschüttet werden (vgl. FR vom 27.2. 2007, S, 36). Lernen regt ähnliche Lustzentren an wie beim Verliebt sein und beim Sex. Sex und Denken sind wichtig für den Fortbestand des Homo sapiens, so wundert es nicht, dass Denken und Sex, was die potenziellen Lustgefühle angeht nahe beieinander liegen und vom selben Lustzentrum gespeist werden und so den Fortbestand der Art unterstützen.