Glaube, Mythos, Christentum
Das Ende der Hegemonie der christlichen Kirche
von Henning Schramm
Glaube und Mythos
Das Bewusstsein vom Ich schließt das Bewusstsein von einem Anfang und dem Ende des Ich ein. Es ist deshalb sicher nicht aus der Luft gegriffen, wenn davon ausgegangen wird, dass sich schon der frühgeschichtliche Mensch über Geburt und Tod, über das woher er kommt und wohin er geht nach dem Leben Gedanken gemacht hat. Er versuchte zu verstehen, was um ihn herum in der Natur geschah. Er suchte Erklärungen für Phänomene, für die er auf Grund seines begrenzten Wissens keine Erklärung fand. Und es liegt auf der Hand, dass der frühgeschichtliche Mensch große Ehrfurcht und Respekt vor seiner Umwelt und den Naturgewalten hatte, denen er mehr oder weniger ohnmächtig ausgeliefert war und die unmittelbar sein Leben bedrohen konnten und seinen Lebensrhythmus bestimmten. Bei dieser Ausgangslage ist der Gedanke plausibel, anzunehmen, dass die Natur von einer ‚höheren Kraft’ geschaffen wurde, gelenkt werde, dass es einen tieferen Grund für das Geschehen auf Erden gebe. Belebte und unbelebte Dinge und Erscheinungen bargen danach Kräfte in sich, die sowohl die Natur als auch den Menschen, als ein Teil der Natur, gleichermaßen lenken und diesen übergeordnet waren.
Die Kausalität (Kant) hinter diesen Erscheinungen blieb der sinnlichen Wahrnehmung verborgen. Um diese schicksalhaften treibenden Kräfte, denen man ohnmächtig ausgeliefert war, zu kanalisieren und auf sie einwirken zu können, tat der Mensch, was seinem reflexiven Vermögen adäquat war. Er integrierte sie in sein menschliches Alltagsgeschehen, benannte und personifizierte die unbekannten Schicksals- und Naturmächte. Er schuf sich Gottheiten und Gottwelten nach seinem Ebenbild, zu denen man eine Beziehung aufbauen, die man positiv stimmen und mit denen man sich potenziell verbünden, die man sich aber auch zum Feind machen konnte. Sobald das Schicksal aus dem Dunkel des Unbenenn- und Unberechenbaren herausgehoben und in die Struktur des Erkenntnisapparat der menschlichen Subjekte integriert war, und sinnlich wahrnehmbar wurde, war dem Menschen die Möglichkeit des Machen-Könnens von Erfahrungen (Kant) mit diesen Mächten möglich - und damit auch eine (Weiter-)Entwicklung dieser sinnlichen Erfahrungen. Er konnte sie begreifen, darüber 'philosophieren' und mit ihnen kommunizieren, in der Hoffnung, Einfluss auf zukünftige Entwicklungen auszuüben und das Schicksalhafte steuerbar zu machen.
Götter sind Gestalten der Ideen (Tugenden, Sitte, sittliche Ansprüche, Ethik). So symbolisiert sich die Idee des Rechts (Idea (griechisch) = Bild) bei den Griechen z.B. in der Gestalt der Göttin Dike, dieRecht in Gerechtigkeit umsetzt, oder in der Göttin Aphroditenimmt die Schönheit als Geisteshaltung, das ErhabeneGestalt an.Kant hat in seiner ‚Kritik der reinen Vernunft’ die Entstehung der Idee Gottes mit der Beschaffenheit der menschlichen Vernunft verknüpft: „ Man sieht Dinge sich verändern, entstehen und vergehen; sie müssen also, oder wenigstens ihr Zustand, eine Ursache haben. Von jeder aber … lässt sich eben dieses wieder fragen. Wohin sollen wir nun die oberste Causalität billiger verlegen als dahin, wo auch die höchste Causalität ist … Diese höchste Ursache halten wir denn für schlechthin nothwendig … Daher sehen wir bei allen Völkern durch die blindeste Vielgötterei doch einige Funken des Monotheismus durchschimmern, wozu nicht Nachdenken und tiefe Speculation, sondern nur ein nach und nach verständlich gewordener natürlicher Gang des gemeinen Verstandes geführt hat.“ (1)
An anderer Stelle bemerkt Kant: „Zuerst überzeugt sie [die Vernunft, HS] sich vom Dasein irgendeines nothwendigen Wesens. In diesem erkennt sie eine unbedingte Existenz. Nun sucht sie den Begriffdes Unabhängigen von aller Bedingung und findet sie […] in demjenigen, was alle Realität enthält. Das All aber ohne Schranken ist absolute Einheit und führt den Begriff eines einigen, nämlich des höchsten Wesens bei sich; und so schließt sie, dass das höchste Wesen als Urgrund aller Dinge schlechthin nothwendiger Weise da sei.“ (2)
Nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild, sondern umgekehrt schuf sich der Mensch Götter und Gott nach seinem Ebenbild und des ihm zur Verfügung stehenden Erkenntnis- und Denkapparats. Von reinen Begriffen darf aber nicht aufdie Existenz der realen Dinge geschlossen werden. Das heißt, von dem Begriff, von der spekulativen Idee Gottes, kann nicht die Existenz Gottes abgeleitet werden. Aber auch auf der sinnlichen Erfahrungsebene des Weltgeschehens und der Wahrnehmung der Welt kann der Beweis der Existenz Gottes nicht gelingen, da er letztendlich wiederum auf transzendenten Begrifflichkeiten zurückgreifen muss, wie das Kant in seinen berühmten Beweisführungen zur Existenz beziehungsweise Nichtexistenz Gottes aufgezeigt hat (3).
„Das höchste Wesen bleibt also für den bloß speculativen Gebrauch der Vernunft ein bloßes, aber doch fehlerfreies Ideal, ein Begriff, welcher die ganze menschliche Erkenntnis schließt und krönt, dessen objektive Realität auf diesem Wege zwar nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt werden kann“, so die Schlussfolgerung Kants (4).
Ziel jedes Aberglaubens oder Glaubens, jedes Zaubers, jeder Magie und Geisterbeschwörung ist im Kern die Bewältigung der Angst vor dem unberechenbaren Schicksal und der Versuch der Einflussnahme auf die bedrohlichen zukünftigen schicksalhaften Entwicklungen. „Die Geschichte gesellschaftlicher Organisationsformen kann auch als Geschichte des Kampfes gegen das Schicksal gelesen werden. Die Zukunft zu kennen und jede Überraschung auszuschließen, war das Motiv für die Entwicklung von Ritualen, Zauber, Magie, Wissenschaft (...) Um das unberechenbare Schicksal zu beschwichtigen, wurde getanzt, getrommelt, nachgebildet, geopfert, geschlachtet, und um das Schicksal vorherzusehen, wurde orakelt und wurden Orakel interpretiert“, so Horst Kurnitzky (5).
Auf diesem Hintergrund ergeben sich drei grundsätzliche Ausgangsszenarien für die Entstehung von Glaubenssystemen.
- Erstens sind das die Erklärungsversuche des Unerklärlichen und der Antrieb, das Schicksal beherrschen oder wenigsten im eigenen Sinn beeinflussen zu können. Motiviert ist die Generierung von Glaubenssystemen aufgrund der Schutzbedürftigkeit oder das Ausgeliefertsein des Einzelnen, der ja permanent existenziellen Bedrohungen durch die Natur ausgesetzt war, der er durch Besänftigung der Natur und der dahinter stehenden Kräfte durch rituelle Opfergaben und Totenkulte entgegenzutreten versuchte.
- Zweitens ist das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit und dem daraus abgeleiteten Wunsch der Verlängerung des Lebens in einem Jenseits eine wichtige Triebfeder von Jenseitsideen und Religion.
- Drittens bewirken Glaubenssysteme über die gemeinsamen Erklärungsmuster der Natur und des gesamten Kosmos eine Stabilisierung des Zusammenhalts der Gemeinschaft. Die Teilung gemeinsamer Überzeugungen und Werte verbindet. Je unsicherer die jeweils aktuelle Situation empfunden wird, desto größer ist die Neigung des Menschen, Gewissheit in einer Gemeinschaft zu suchen und sich der Macht eines allmächtigen Beschützers, der nichts dem Zufall oder einem ungewissen Schicksal überlässt, auszuliefern und unterzuordnen.
Zweifellos hat der heutzutage beobachtbare Boom von Astrologie, Sektiererei und fundamentalistischer religiöser Neigungen seinen tieferen Grund in der fortschreitenden Auflösung und Unverbindlichkeit von Gewissheiten und unverbrüchlichen Werten in unserer Gesellschaft damit zu tun. Der Astrologe, der Guru oder eben Gott tritt als Lenker der Geschicke des Menschen an die Stelle des Zufalls und des Schicksals, das so zumindest in Grenzen lenkbar und manipulierbar erscheint und das Gewissheitspotenzial erweitert. Das Glück selbst, das als positiv erlebtes zufälliges Ereignis erlebbar wird („Glück gehabt“), scheint so steuerbar zu werden. Als die in Gruppen lebenden Frühmenschen anfingen, sich vom reinen Instinktverhalten zu emanzipieren, und das unbewusste tierische Reiz-Reaktions-Verhaltensschemata von einem Verhalten abgelöst wurde, welches auf bewusster Entscheidung, die sich zwischen Reiz und Reaktion geschoben hat, stellt sich die Frage: wie kann der Gruppenzusammenhang gesichert und der Einzelne dieser Gemeinschaft gezwungen werden, sich an die in dieser Gemeinschaft geltenden Regeln und Normen zu halten?
Dies geschieht zum einen dadurch, dass sich Menschen auf bestimmte säkulare Verhaltensregeln des Zusammenlebens in der Gruppe einigen: wer ist zum Beispiel für was verantwortlich? Was soll erlaubt sein und was nicht? Zum anderen wird das Sozialgefüge über allgemeine konsensfähige ideelle Wertesysteme (Ethik und Moral), die tiefergehende Vorstellungen von dem Wert des Menschen an sich aufgreifen, zusammengehalten und gefestigt.
Diese wurden und werden oftmals religiös über unverrückbare Glaubenssätze begründet und abgesichert und gaben den Menschen stabile Orientierungslinien an die Hand: was ist gut und böse? Was sind gewünschte und unerwünschte Handlungen? So wie die Idee der Materie, niedergelegt als Bauplan in den Nukleinsäuren, das einzig Bleibende im Prozess der Fortpflanzung und Evolution des Lebens ist, so sind im gleichen Maße die Ideen, die Gedankengebäude, Vorstellungswelten und Deutungsmuster der Menschen das einzig bleibende des Menschen und seiner Geschichte. Damit eine Idee sich ‚fortpflanzen’, tradieren kann, ist Voraussetzung, dass sich die Menschen zu einer Gruppe, zu einer Gemeinschaft verbinden und gemeinsames Handeln zumindest rudimentär stattfindet. Die Idee eines einzelnen isolierten Menschen stirbt mit dem Tod dieses Menschen, er kann seine Gedanken niemandem weiter geben.
Wir wissen bis heute sehr wenig über die Ideenwelt und das Mischverhältnis säkularer und religiös motivierter Werte, Normen und Verhaltensmuster des Menschengeschlechts am Anfang seiner Geschichte. Mit Sicherheit ist allerdings davon auszugehen, dass sich Menschen, sobald sie sich in einer einigermaßen kontinuierlichen Gruppe oder Horde zusammengefunden hatten, auch soziale Verhaltensregeln aufgestellt, Kulturtechniken und Deutungsmuster in Bezug auf die sie umgebenden belebte und unbelebte Natur wechselseitig kommuniziert haben. Diejenigen Verhaltens- und Deutungsmuster, die in der Gruppe konsensfähig waren, wurden tradiert und an die Nachkommen ‚vererbt’.
Dietrich Mani, der im thüringischen Bilzingsleben Ausgrabungen von Homo-erectus-Funden leitet, ist überzeugt, 370 000 Jahre alte Spuren rituellen Handelns gefunden zu haben. Dies ist allerdings bisher nur ein singulärer Fund. Aber 300 000 Jahre später häufen sich die Indizien, dass Heilige und Götter verehrt wurden. Spätestens vor 50 000 Jahren haben die Menschen ihre Toten bestattet, ein sicheres Zeichen dafür, dass an ein Jenseits geglaubt wurde, insbesondere dann, wenn den Toten Gaben mit auf den Weg ins Jenseits gegeben werden.Einfache Glaubenssysteme wurden also schon sehr früh von den Menschen entwickelt und dürften von Anbeginn das soziale Leben und die Wirklichkeit des modernen Homo sapiens begleitet haben. Es ist heute keine Kultur, kein Volk oder Volksgruppe bekannt, die nicht in irgendeiner Form Glaubenssysteme besitzt.
Religion berührt somit grundsätzliche Fragen des menschlichen Seins und Denkens, unabhängig davon, wie die Glaubensgrundsätze im Einzelnen ausgestaltet sind. Sobald der Mensch physiologisch-neurologisch in der Lage war, über sich selbst und seine undurchschaubaren Existenzbedingungen nachzudenken, hat er deswegen mit einiger Sicherheit auch angefangen, über grundsätzliche Fragen des Seins zu reflektieren und Thesen und Hypothesen über unerklärliche Vorgänge in der Natur aufzustellen. Der Versuch einer Erklärung wahrnehmbarer Phänomene und die metaphysische oder transzendentale (Kant) gedankliche Erkenntnisarbeit eine Erscheinung, die dem menschlichen Wesen im Kern entspricht. Es spricht auf diesem Hintergrund deswegen vieles dafür, dass der Mensch, eingebunden in eine Welt des Werdens, wo beide, Mensch und Natur unauflöslich miteinander verbunden sind, schon in einer sehr frühen evolutionären Entwicklungsstufe Ideen eines höchsten Wesens als WeltverursacherundWelturheber(Kant) zu entwickeln versuchte.
Wie der Philosoph und Chemie-Nobelpreisträger von 1977 Ilya Prigogine dargelegt hat, spielt hier auch der Mythos im Zusammenspiel mit dem Verstand eine wichtige Rolle. Beide sind komplementäre Spiegelungen ein und desselben Bewusstseins, mit dem die Menschen den Rätseln des Lebens auf die Spur zu kommen versuchen. Mythos vervollständigt in diesem Sinn das Wissen. An der Nahtstelle von Wissen und Nichtwissen setzt Transzendenz und Kreativität ein. Wenn wir also, so Ilya Prigogine weiter, den Vorstoß unternehmen, das Werden zu verstehen, streben wir danach, das Neue zu verstehen, die Kreativität, also auch uns selbst.
Neueste Ergebnisse der Hirnforschung geben erste interessante Hinweise zum Zusammenspiel von Hirnleistungen und religiösen, mythischen Erfahrungsebenen aus naturwissenschaftlicher Perspektive. Sie erlauben, Hypothesen aufzustellen, wie religiöse Erscheinungen als Begleiterscheinung der Hirnentwicklung entstanden sein könnten. Wenn Religion und religiöse Erfahrung ein universales Merkmal der menschlichen Natur ist, muss man fragen, was der evolutionäre Sinn von Religion ist. Zwei Erklärungsversuche bieten sich an.
Einem Ansatz zufolge stattete die Natur das Gehirn eigens zum Zwecke der religiösen Empfindungsfähigkeit mit eigenen Schaltkreisen aus. Demnach müsste die Fähigkeit von Religionsempfinden einen selektiven Vorteil im frühmenschlichen Überlebenskampf bedeutet haben. Nach dieser Hypothese könnte dann logischerweise der Vorteil religiöser Empfindungsfähigkeit im Laufe der Evolution aber auch überflüssig werden, sobald der damit verbundene Überlebensvorteil nicht mehr gegeben ist. Sind wir heute an solch eine evolutionäre Zeitenwende angelangt, wo Religionen keinen selektiven Vorteil mehr bieten?
Ein zweiter Ansatz besagt, dass die Möglichkeit von Religionsempfindungen als ein Begleitprodukt der Hirnentwicklung entstand. Die Bewusstseinsfähigkeit und die immer weitere Ausdifferenzierung des menschlichen Hirns führten danach zwangsläufig auch zu der Fähigkeit von übersinnlichen Wahrnehmungen. Was spielt sich nun bei Religionserfahrungen, Visionen oder übersinnlichen Erfahrungen in unserem Gehirn ab? In den tieferen Regionen des Schläfenlappens verbirgt sich eine interessante Hirnregion, der Hippokampus. Nur die Reize, die den Hippokampus passieren, werden im Gedächtnis gespeichert. Hier wird also nicht nur gefiltert, was erinnerungswert oder -unwert, sondern auch was aus individueller Sicht richtig und falsch ist. Aus einer Fülle von möglichen Deutungen, wird hier die plausibelste ausgewählt. Diese Zensur ist von höchster Wichtigkeit, da der Mensch ansonsten in einer Flut von sinnlosen Daten ertrinken würde und orientierungslos werden würde. Andererseits schränkt der Hippokampus-Filter natürlich die potenzielle Bedeutungsvielfalt ein und lässt nur zu, was aus sozial-psychologischer und biografischer Geschichte heraus Bedeutung hat. Man könnte sogar so weit gehen, dass aus dieser Perspektive der freie Wille eine Illusion sei, da der Hippokampus nur ein Handeln zulässt, das durch früheres Erleben und das unbewusste oder bewusste Gedächtnis gefiltert ist. Der Wille ist durch die vorangegangenen Erlebniswelten des Einzelnen in seine Schranken gewiesen. Auch sind wir bemüht, all unser Fühlen, Denken und Handeln vor uns selbst und vor anderen sprachlich-logisch zu rechtfertigen, so der Hirnforscher und Philosoph Gerhard Roth.
Reizt man zum Beispiel das Hirn von Versuchspersonen mit Elektroden, so dass sie eine Bewegung wie Marionetten auf Knopfdruck des Versuchsleiters ausführen, deklarieren diese danach ihr Tun unwillkürlich als gewollt und gelernten Bedeutungsmustern: „Ich wollte nach dem Brot greifen, weil ich Hunger hatte“. Sie behaupteten dies, obwohl kein Hungergefühl vorhanden und der Greifreflex künstlich ausgelöst und nicht bewusst gesteuert wurden.
Der Hippokampus und damit die Instanz der Selbstzensur kann allerdings auch überlistet werden zum Beispiel durch Drogen, Fasten, was zum Beispiel in vielen Religionen vorgeschrieben ist, durch rituelle Tänze, die zur Ekstase oder Trance führen, und durch Meditation sowie intensives, innigliches Beten. Durch die so verursachte Dämpfung der Aktivitäten dieser Gehirnregionen werden kreative neue Zusammenhänge denkbar, werden Visionen und mitunter auch Halluzinationen hervorgerufenen, die keiner Filterung mehr ausgesetzt sind. Interessant dabei ist, wie Versuche des Radiologen Andrew Newberg (5) gezeigt haben, dass diese Visionen durch eine gleichzeitig herbeigeführte Deaktivierung der Scheitellappen den Kontakt zum eigenen Körper verlieren. In dieser Hirnregion laufen alle Informationen über den physischen Körper zusammen, hier setzen sich die Signale von Muskeln, Augen, und motorischen Steuerzentren zu einem Bild des eigenen Körpers zusammen. Wird der Kontakt zu dieser körperlichen Sinneswahrnehmung unterbrochen, empfindet der Mensch in dieser Situation selbst nur noch Geist, der irdischen Gesetzen nicht mehr unterworfen ist. Diese so hervorgerufene Schwerelosigkeit und Entkörperlichung des Geistes oder einer Idee könnte der Ursprung religiöser Erfahrungen des Menschen sein. In einem Selbstversuch konnte der Kanadische Psychologe Michael Persinger so religiöse Gefühle quasi ein- und ausschalten, indem er die entsprechenden Regionen des Schläfenlappens seines Großhirns mit Magnetspulen manipulierte (6).
Der Mensch ist also als einziges Lebewesen in der Lage, scheinbar von der Materie entbundene Ideenwelten in Form von Heiligen, Göttern oder einem Gott, Kraft seiner Gedanken und Poesie nach seinem Ebenbild, seinem Kreativitätspotenzial und Hirnleistungen zu schaffen. Diese Glaubens- und Götterwelt, die, wie aus der griechischen oder auch germanischen Mythologie allseits bekannt ist, durchaus menschliche Züge hatte, hat sich im Laufe der Zeit verselbständigt und führt eine eigene Existenz als quasi naturgegebenes Phänomen, abgekoppelt von seinem ‚Erfinder’, dem menschlichen Geist.
In der weiteren Menschheitsentwicklung bildeten diese vorerst unreflektierten tradierten mythischen Götterwelten das Fundament des Weltsystems. Schließlich begann der Mensch über die Entstehung der Welt und über sein Dasein und seine Stellung in der Welt zu reflektieren (vgl. dazu z.B. Karl Jaspers‘ Achsenzeit (7), die er zwischen 800 und 200 v. Chr. ansiedelt) Die Götterwelten ‚erschlossen‘ sich dem Menschen, Glaubenssysteme nahmen Gesetzescharakter an, bildeten die Fundamente von Sittlichkeit, Tugendhaftigkeit und menschlichem Sein überhaupt. Und damit haben die Götter Lenkungskraft und sittliche Kraft über diejenigen errungen, die die Götter geschaffen haben.
Wer Zugang zu den Mächtigen der Gottwelt hat und sich mit Gott gut steht, oder wem es gelingt, sich gar als direkter Abkömmling oder Verwandter Gottes darzustellen, ist legitimiert, dessen Angelegenheiten auf der Erde zu verwalten und zu exekutieren, sowie dessen Werte und Regeln zu bewahren. Die Abkömmlinge oder Vertreter Gottes auf Erden sind natürlich daran interessiert, den Kreis derjenigen, die Zugang zu dieser Gottwelt haben können, zu beschränken und die mit der Zugangsbeschränkung und der Nähe zu Gott einhergehende Machtfülle für sich zu konservieren. Dies geschah und geschieht dadurch, dass die Verwalter der Angelegenheiten Gottes auf Erden einerseits die Zugangsregeln zu Gott selbst entwerfen und definieren. Sie versehen den Zugang quasi mit einem Numerus Clausus und überwachen diesen entsprechend. Andererseits versuchen die Vertreter der Gottwelt auf Erden die Machtfülle dadurch auszudehnen und abzusichern, dass sie religiöse Normen und Werte auf möglichst viele Handlungs- und Verhaltensbereiche einer Gesellschaft ausdehnen.
Das Christentum
Wenn es richtig ist, dass Glaubenssysteme, Gott und Götterwelten menschengemacht sind, und es gibt aus erkenntnistheoretischer, biologischer und evolutionstheoretischer Perspektive nicht den geringsten Grund, dies nicht anzunehmen, dann ist es der Menschheit im Laufe seiner Geschichte gelungen, sich ein allumfassendes und höchst facettenreiches religiöses System zu kreieren.
Eine dieser Facetten präsentiert das Christentum. Ein theologisches System, das im besonderen Maße zur Befriedigung psychologischer und sozialer Bedürfnisse und unerfüllter Heils- und Jenseitserwartungen des Menschengeschlechts aber auch zur Disziplinierung und Steuerung des Verhaltens der Menschen befähigt. Die christliche Kirche des Abendlandes als der Institution, der die Verwaltung und Verkündung der Angelegenheiten des christlichen Gottes obliegt, hat als Auftrag zeitadäquate Glaubenssätze in konkrete Handlungs- und Verhaltensvorschriften umzusetzen, Handlungsebenen und deren Einhaltung entsprechend zu überwachen und gegebenenfalls zu sanktionieren. Sie hat sich im Laufe der Jahrhunderte ein umfangreiches und exklusives Zugangs- und Verwaltungssystem erschaffen und ihre geistliche und auch weltliche Macht über ein hochkomplexes System von Glaubenssätzen und Dogmen auf alle Bereiche menschlichen Handelns ausgedehnt, dem sich der Einzelne unterwerfen musste – oftmals auf Leben oder Tod. Jeder Gläubige wird dafür, dass er sich den göttlichen Gesetzen fügt, mit dem Schutz der kirchlichen Gemeinschaft belohnt und kann auf ewiges Leben hoffen (Johannes 3,16), denjenigen, die das nicht tun, droht allerdings Verdammnis und Elend.
Erst mit der Aufklärung im 17./18. Jahrhundert beginnen sich die Menschen in Europa von dem starren Glaubenssystem der christlichen, insbesondere der katholischen Kirche, allmählich zu emanzipieren und dies grundsätzlich öffentlich zu diskutieren und zu hinterfragen. Die Menschen erobern für sich die Definitionsmacht über ethische Grundsätze, Werte und Moral, die über Jahrhunderte hinweg uneingeschränkt die Kirche besessen hatte.
Die christliche Schöpfungsgeschichte verdeutlicht anschaulich das Bestreben der Menschen, die Welt, so wie sie sich den Menschen damals darbot, zu begreifen und plausibel die Entstehung der Erde zu beschreiben. Da die Menschen noch nicht über gesicherte naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Entstehung der belebten und unbelebten Natur verfügten, entwickelten sie Vorstellungen und Ideen darüber, wie es gewesen sein könnte und integrierten diese spekulative Ideenwelt in ihr Glaubenssystem.
„Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so.“ (1. Mose 1, 7) Das hebräische Wort ‚Feste’ bezeichnet etwas Festgestampftes oder eine Platte. Man dachte sich im alten Orient den Himmel als eine riesige Kuppel. Darüber befand sich nach dieser Anschauung der Himmelsozean und über diesem die Wohnung Gottes (Ps. 104,1-3). Neben Sonne, Mond und Sterne (1. Mose 1,16) schuf Gott die Erde, Pflanzen, Tiere und als Krönung der Schöpfung den Menschen.
Wir wissen heute natürlich, dass diese Interpretation der Weltentstehung und der Entstehung des Kosmos falsch ist, aber über Jahrhunderte hatte sie unumstößliche Gültigkeit und ermöglichte es den Vertretern Gottes auf Erden, diesen christlichen Gott als alleinigen aktiven Gestalter und Urheber des Weltgeschehens und des Universums zu etablieren. Die Macht des christlichen Gottes umfasste damit alle denkbaren Sphären des Himmels und der Erde, niemand auf Erden konnte sich dieser Macht entziehen. Die christliche Religion, die auf einer prophetischen, offenbarenden Ein-Gott-Lehre basiert („Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“), verkörpert den Inbegriff eines totalitären Glaubenssystems. Gott im christlichen Sinn ist allmächtig, ubiquitär und allgegenwärtig. Seine Macht erstreckt sich nicht nur über urbi et orbi, sondern Gott hat Macht über das Universum insgesamt.
Inhaltlich versteht sich das Christentum im Kern als Liebesreligion und seine Heilslehre ist um die erlösende Kraft der Liebe konzentriert. Jesus opfert sich am Kreuz aus Liebe zu den Menschen, und wer Jesus liebt, soll dadurch Erlösung finden. Die christliche Ethik propagiert aber nicht nur Nächstenliebe sondern sogar Feindesliebe sowie Mitmenschlichkeit, Solidarität und Barmherzigkeit („Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen und bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ Matthäus 5, 44-45). Sie schließt die Idee der Gerechtigkeit und die Unterstützung der Schwachen, die Ausgegrenzten und Kranken ausdrücklich in die Heilslehre ein (Matthäus 5, 3-10).
Dies sind aus Sicht der damaligen Zeit, in der ein Menschenleben, insbesondere der Entrechteten, der Sklaven und Ausgegrenzten, wenig galt, revolutionäre Ideen. Sie zeugen von dem Aufkeimen eines radikal neuen Menschenbildes, das dem damals vorherrschenden Bild des Menschen, das von den Machteliten der Großmächte Ägypten und Assyrien geprägt wurde, entgegen gestellt wurde und große Attraktivität besaß.
Es ist bis heute noch nicht eindeutig geklärt, wann die Bibel entstanden ist. Ein Teil der Forscher geht von einem Entstehungsdatum um 1000, andere datieren sie um 600 oder gar erst um 300 vor Christi Geburt. Als wahrscheinlichstes Datum gilt die Zeit um 600, als vermutlich Priester der Zionistengemeinde große Teile des alten Testaments verfassten. Eine Zeit also, da Israel von den Assyrern erobert und unterdrückt und das Königreich Judäa von Ägypten und Assyrern bedroht war. 587 verliert auch das Königreich Judäa, wie schon seit 732 Israel, seine Unabhängigkeit. Diese politische Lage und die Unterdrückung der Menschen spiegeln sich auch in der Bibel wieder, indem sie, zum Beispiel in der Bergpredigt, die Entrechtung der unterdrückten Völker und die Menschenwürde thematisiert.
In der christlichen Erlösungsreligion werden extrem hohe Aggressionstabus aufgebaut, die die Gewalt bannen sollten, die in der damaligen politischen Landschaft wie auch zum Beispiel in der griechischen Götterwelt noch ein integraler Bestandteil des Geschehens war. Die Götter konnten sowohl liebevoll und schützend, aber auch hinterlistig, rücksichtslos und gewalttätig sein. Der christliche Monotheismus (8) wird demgegenüber von einem Gott der reinen Liebe repräsentiert, der eine Welt ohne Gewalt propagiert (Matthäus 5, 38-42).
Neben der Tabuisierung von Aggressionen werden in der christlichen Lehre sexuelle Regungen mit Verboten belegt und die Sexualität von der Liebe entkoppelt. Nicht nur dass Jesus selbst ohne geschlechtlichen Akt jungfräulich geboren worden sein soll, sondern alle sexuellen Impulse, die über die eheliche Sexualität zum Zwecke der Zeugung hinausgehen, sind mit drastischen Sanktionen belegt: „Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.“ (Matthäus 5, 28-29).
Propagiert wird die reine, edle und bedingungslose Liebe. Die Abspaltung der Liebe von der Sexualität hat zur Konsequenz, dass die Sexualität dem Bösen zugerechnet wird. Der heiligen Stadt Jerusalem, die die reine Liebe beherbergt, wird Babylon, „die Mutter der Hurerei“ entgegengesetzt. Für diese gelten dann die Gebote der Nächstenliebe und Barmherzigkeit allerdings nicht mehr: „Darum werden ihre Plagen an einem Tag kommen, Tod, Leid und Hunger und mit Feuer verbrannt werden; denn stark ist Gott der Herr, der sie richtet.“(Offenbarung 18, 8)
Das oberste Gebot christlicher Religion ist, Gott zu lieben („Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt“ Matthäus 22, 37). Es reicht also nicht aus, nur ein Diener Gottes zu sein, ihn zu achten und zu respektieren, um die Gnade Gottes zu finden, sondern die Menschen müssen sich ihm als Ganzes hingeben, mit all ihrer Emotionalität und all den Gefühlswelten, derer Liebe fähig ist. Sogar die Liebe zu Vater, Mutter, Sohn oder Tochter muss der Gottesliebe gegenüber zurücktreten, ist zweitrangig („Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“ Matthäus 10, 37).
Mit der biblischen Forderung nach dieser bedingungslosen Liebe erreicht die christliche Kirche eine ungemein starke Emotionalisierung religiöser Beziehungen und eine immerwährende Kontrolle der innersten Gefühlslagen der Menschen. Gott ist nicht nur als Idee Vater, sondern wird und soll auch in der konkreten emotionalen Gefühlswelt als Vaterfigur erlebt werden, und mit ihr werden alle Gebote und Verbote der Kirche emotionalisiert und internalisiert und im Über-Ich als oberste Kontrollinstanz abgespeichert. Jeder weiß, dass die Vielzahl von Geboten und Verboten, denen jeder ausgesetzt ist, auch unter Aufbringung sehr großer Kräfte nicht in jeder Situation und vollständig eingehalten werden kann. Haben im täglichen Leben kleinere, unbedeutende Übertretungen von Vorschriften oftmals nur geringe Auswirkungen, so ist das bei Übertretungen von Gottes Geboten allerdings anders. Mit diesen Übertretungen sind bei Gläubigen existenzielle Ängste vor der Hölle und konkreter Bestrafung durch Elend, Krankheit oder Tod verknüpft. Gott erkennt und sieht alles, kann also auch in das Innerste der Menschen schauen, so dass der Sünder keine Chance hat, die Gebotsübertretung vor Gott zu verheimlichen. Da es aber für den Menschen unmöglich ist, alle christlichen Gebote und Verbote immer und überall zu erfüllen, was natürlich auch die Kirche weiß, hat die katholische Kirche als Ventil die Beichte und den Ablass, der erstmals im 11. Jahrhundert erhoben wurde, eingeführt. Damit konnte die permanente Furcht vor Sünde und Bestrafung wenigstens teilweise Entlastung finden und abgebaut werden.
So sehr die christliche Religion Begriffe wie Mitmenschlichkeit, Solidarität, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, aber auch Ordnung, Disziplin, Leistung, Dienen und Arbeitsethos (“ora et labora”) in den Vordergrund ihres Wertekanons stellte, so unbarmherzig konnte gegenüber den Feinden dieser Glaubenssätze sein, was in einem seltsamen Widerspruch zu dem Nächstenliebegebot steht. Die Bibel bietet ein Fülle von Hinweisen, die der Interpretation breite Spielräume öffnet, wie mit Menschen, die christliche Glaubenssätze und Regeln missachten oder anderen Glaubens sind, zu behandeln und zu bestrafen seien. „Ihr Schlangen, ihr Otternbrut! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?“Matthäus 23, 33). Oder in der Offenbarung 21, 8 „Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Unzüchtigen und Zauderer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod“. Oder im Alten Testament im 1. Mose 19, 24-25 „Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war.“
Die Kirche hat im Laufe ihrer Geschichte diese biblischen Hinweise und Fingerzeige, wie Nichtgläubige oder Abtrünnige zu 'behandeln' seien, durchaus konkret umgesetzt, wie die Kreuzzüge gegen die Ungläubigen, die Ausrottung ganzer Kulturen und Völker in Mittel- und Südamerika im Namen der heiligen Kirche, oder aber die spätere unbarmherzige Inquisition und Hexenverfolgungen, in deren Gefolge Zehntausende von Menschen umgebracht worden sind, gezeigt haben.
Aber die Kirche hat auch die Gottesfurcht der Gläubigen selbst ökonomisch und politisch zu nutzen gewusst und ihre Macht immer weiter auf die säkulare Welt ausgedehnt und Reichtümer und Ländereien angesammelt sowie ihren Einfluss auf die weltlichen Herrscher verstärkt. Andererseits haben auch die weltlichen Herrscher von der Unantastbarkeit göttlicher Macht profitiert, indem sie sich zum Beispiel von der Kirche bescheinigen ließen, dass sie ‘von Gottes Gnaden’ herrschen und regieren würden. Könige und Kaiser leiteten daraus ihre absolutistische Macht über das Recht und die Menschen ab. Noch Kaiser Willhelm II. regierte von Gottes Gnaden und zog für sich daraus den Schluss, dass die Macht, die ihm Gott gegeben habe, nicht durch Parlamente entzogen werden könne.
Und die Kirche hat sich schließlich, wie bereits erwähnt, über mehr als ein Jahrtausend die Interpretationshoheit in der abendländischen Welt bewahrt. Sie hat lange Zeit bis ins 17./18. Jahrhundert die ideelle, geistige Welt in Europa geprägt und weitgehend definiert, was gut und böse ist, wie die Welt als Ganzes auszusehen hat und wie die Beziehungen der Menschen im Besonderen. Sie definierte die dienende und nahezu rechtlose Rolle der Frau in der von Männern dominierten Welt, und definierte wie Mann und Frau, ja welche Menschen überhaupt zusammen leben und sexuelle Beziehungen haben dürfen und wie deren sexuelles Leben auszusehen habe. Sie wollte uns glauben machen, dass der Mensch von Natur aus böse und schlecht sei („Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar“ 1 Mose 6, 5 oder auch in Matthäus 7, 11 „Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid...“). Deshalb würde der Mensch ohne die von der Kirche vorgeschriebenen sittlichen Werte und ohne Furcht vor Strafe verrohen und er wäre unfähig ein der Krönung der Schöpfung angemessenes Leben zu führen. Die Kirche nutzte auch die Furcht des Menschen vor dem Sterben und bot ihm bei Wohlgefallen ein ewiges Leben als Lohn. Dies war und ist über Jahrtausende ein enormes Druckmittel gewesen.
Der Aspekt des Weiterlebens über den Tod hinaus taucht in allen bekannten Religionen in den unterschiedlichsten Varianten auf und spielt für die menschliche Psyche eine wichtige Rolle, obwohl die Sehnsucht nach dem Weiterleben nach dem Tod natürlich durchaus auch säkular befriedigt werden kann. Indem der Mensch seine Taten, Ideen und Gedanken an andere Menschen weitergibt, überdauern diese Ideen und auch derjenige, der diese Ideen in die Welt gesetzt hat. Unsterblichkeit im Gedächtnis der Nachfahren zu erlangen, war bereits bei Homer und den Griechen der nachfolgenden Jahrhunderte höchstes Ziel und war der Wurzelstock der dauernden geistigen Welt (Geist der den Menschen gegenwärtig bleibt).
Manchmal überdauern die Ideen und ihre Träger sogar über Jahrtausende, wenn sie bedeutend genug für die Menschheit waren, wie Homer selbst und viele andere Philosophen und hervorragende Persönlichkeiten der Geschichte belegen.
Die Ich-Werdung und Selbst-bestimmung des Menschen mit der die prinzipiell freie Gestaltung sozialer Beziehungen im Rahmen eines diskursiven Begründungszusammenhangs einhergeht, wird heute von vielen Menschen als selbstverständlich erlebt. Die Hegemonie der christlichen Kirche stand diesen Emanzipationsbestrebungen und der vorurteilsfreien und vernunftgesteuerten Entfaltung und Gestaltung der menschlichen Belange entgegen, hat sie weit über ein Jahrtausend lang unterdrückt.
Man kann darüber streiten, ob der Mensch von Natur aus gut oder schlecht ist. Was wir heute wissen, ist, dass der Mensch durchaus in der Lage ist, sich selbst Gesetze und Regeln des Zusammenlebens zu geben und konsensfähige Orientierungen, Werte und Moral zu entwickeln, die für jeden Menschen eines Gemeinwesens gleiche Gültigkeit haben und gleichzeitig die Individualität eines Jeden respektieren. Europa, das auf drei wichtigen Fundamenten fußt: dem römischen Rechtsdenken (Gerechtigkeit ‚iustitia’ und Gesetzesrecht ‚ius’ = Sphäre der Politik und Verwaltung), der griechischen Philosophie (Logos, Rationalismus, Autonomie des Menschen = Sphäre des Geistes) und dem Christentum (Fideismus, christliches Denken = Sphäre des Glaubens), musste einen langen dornenvollen, einen mit religiös motivierten Kriegen gepflasterten Weg zurücklegen und viele Widerstände der christlichen Kirche überwinden, bis es zu dieser Säkularisierung von Werten und grundsätzlichen Orientierungen und der Überwindung der kirchlichen Hegemonie kam.
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(1) Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Paderborn 2. Auflage von 1787, S. 480
(2) Immanuel Kant, ebda. S. 478
(3) Immanuel Kant, ebda. S.476ff.
(4) Immanuel Kant, ebda. S. 516
(5) Horst Kurnitzky‚ Die unzivilisierte Zivilisation, Frankfurt/Main 2002, S. 220.
(6) Der Spiegel vom 18.5.02
(7) Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, München 1983, S. 19ff
(8) Der christliche Gott ging aus dem heidnischen Gott Jahwe hervor, einem Wettergott. Er wurde zum Beispiel als Stadtgott Jerusalems auf dem Berg Zion als Donnergötze verehrt. Im Jahre 639 v. Chr. versuchte Josia, König von Juda, den Monotheismus in Juda zu etablieren. Das Jahr 587 v. Chr., als der Babylonier Nebukadnezar Juda und Jerusalem eroberte und das Volk unterdrückte, verhalf dann dem Monotheismus zum Durchbuch. Es dauerte aber immer noch bis zum 2. Jahrhundert v. Chr., so vermuten Bibelforscher, bis sich diese Ein-Gott-Lehre wenigstens in dem kleinen und damals völlig unbedeutendem Königreich durchsetzte. Bis dahin wurde Gott Jahwe immer auch noch bei Bedarf als Wettergott angerufen und um Hilfe gebeten.
Liebe in Zeiten Benedikts
Essay anlässlich der päpstlichen Enzyklika ‚Deus Caritas Est’
von Henning Schramm
Es kommt sicher nicht von ungefähr, dass sich Papst Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika mit dem schillernden und schwer zu greifenden Begriff Liebe auseinandersetzt. Das individuelle wie auch das soziale Leben ist im Rahmen der kapitalistischen, neoliberalen Gesellschaftsordnung zunehmend durch selbstsüchtiges Verhalten geprägt. Das, was stabile soziale Beziehungsstrukturen auszeichnet, nämlich die Balance des Zurücknehmens eigener individueller Neigungen zugunsten des anderen auf der einen Seite, sowie die Bewahrung der Individualität auf der anderen Seite, wird immer mehr zugunsten des Auslebens des Ich verschoben. Fürsorge und Karitas werden professionellen Institutionen übertragen und sind aus dem Alltagsleben schon fast verschwunden. Liebe, die wesentlich durch die Aspekte Respekt, Verantwortung und Hinwendung zu dem anderen charakterisiert ist, wird aus dem öffentlichen Leben verdrängt und immer mehr zu einem Nischenphänomen. Die dominanten handlungsleitenden Interessen im kapitalistischen System sind Nehmen und Aneignung und nicht ein Geben, welches der Liebe immanent ist. Dies formt die Gesellschaft und auch das Bewusstsein seiner Mitglieder. Im Schlepptau dieses Bewusstseins hat sich eine Ethik des Erfolgs herausgebildet, in der Siegertypen, Macht, Effizienzdenken und ganz allgemein Nehmerqualitäten belohnt und geliebt werden. Erfolglose, Ineffiziente, Schwache und Bedürftige werden ins Abseits gedrängt und entwürdigt.
Ein weiteres entscheidendes Moment verbindet sich mit den vorherrschenden neoliberalen Marktkonzepten: Die Vereinzelung des Menschen. Der Mensch ist Vertragspartner und nicht ‚geliebter’ Mitarbeiter, er ist Produktionsfaktor, der sich rentieren muss, und nicht wesentlich Mensch mit all seinen sozialen Bindungen, seiner individuellen Würde und Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung und Zuwendung. Das Effizienzprinzip, nämlich mit einem Minimum an Arbeit, Zeit, Energie und Kapital ein Maximum an Output zu erzielen, beherrscht längst nicht mehr nur die Ökonomie und Erwerbstätigkeit (Vgl. Henning Schramm, Recht auf Ineffizienz, Münster 2005). Dort wo es Fuß gefasst hat, degradiert es die Menschen auf das Niveau von Maschinen, für die allein das Prinzip ursprünglich Anwendung fand. Effizienz entwickelt sich zu einem generellen Wertmaßstab menschlicher Leistung, ja zu einem Kriterium der Bewertung des Menschen selbst. Der Mensch, der ökonomischen Effizienzkriterien unterworfen ist, mutiert so zum frei verfügbaren Marktteilnehmer, der möglichst ohne tiefe soziale Bezüge und starke emotionale Bindungen dem ökonomischen System zu jeder Zeit und an jedem beliebigen Ort zur Verfügung steht. Der Aufbau stabiler und befriedigender sozialer Beziehungen ist unter diesen Gesichtpunkten eher kontraproduktiv. Soziale Erosion und individuelle Orientierungslosigkeit sind die Folge. Das Leben wird unvorhersehbarer und risikoreicher. Alles ist möglich. Damit steigt auch das Gefühl der Unsicherheit und das Angstpotenzial, die Angst vor Versagen und Degradierung, wie auch die Angst vor dem Verlust der Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz und der Wesentlichkeit des Lebens.
Wen wundert es da, dass spirituell-meditative Organisationen und theistische Konzepte, die Liebe versprechen, an Boden gewinnen. Der Verlust an tatsächlich erlebter Liebe wird ersetzt durch spirituelle, theistische Liebe. Hier marschiert mit sicherem Gespür die katholische Kirche vorneweg und versucht den Liebesbegriff für sich zu okkupieren. Sie versucht verloren gegangene Definitionsmacht, die sie viele Jahrhunderte innegehabt hatte, zurückzugewinnen. Um Gehör zu finden, musste sie allerdings ihren recht verstaubten Liebesbegriff der gelebten Wirklichkeit etwas anpassen. Insbesondere musste sie der Jugend ein glaubwürdiges Angebot machen. Diese huldigte auf dem letzten Kirchentag ja nicht nur der göttlichen Liebe, sondern sie gab sich offenbar auch, nimmt man die Zahl der in Köln zurück gebliebenen Kondome als Indiz, in beträchtlichem Maß dem Eros, der sexuellen Lust hin.
Den Versuch der Rückgewinnung der Jugend zu Beginn des 21. Jahrhundert hat Papst Benedikt mit seinem Rundschreiben unter anderem im Visier, wenn er Eros (begehrende Liebe) neben der die katholische Kirche bisher dominierende ‚christliche’ Agape (schenkende Liebe) als eine weitere Form der Liebe im katholischen Denken und Handeln zulässt.
Damit bestätigt die katholische Kirche implizit: bis zur Veröffentlichung des Textes am 25. Januar 2006 hat sie offiziell die begehrende, sexuelle Liebe mit „der Verheißung des Glücks“ (S. 2 der Enzyklika ‚Deus Caritas Est’ in der Online-Fassung des Vatikans) zwischen Mann und Frau unterdrückt beziehungsweise als nicht diskussionswürdig erachtet. Der jetzige zaghafte Schritt in Richtung Anerkennung von Eros, den Benedikt als „Urtypus der Liebe schlechthin“ (S. 3 der Enzyklika) bezeichnet, wird allerdings nicht der freien - und möglicherweise lustvollen - Interpretation aufgeklärter katholischer Christen überlassen, sondern strengen Anforderungen und Rahmenbedingungen unterworfen. Benedikt, Oberhaupt von immerhin über einer Milliarde Katholiken, erlaubt die sexuelle Liebe nur für Mann und Frau, d.h. homosexuelle Liebesbeziehungen sind wie bisher nicht im Sinn der katholischen Kirche. Eros ist weiterhin fest an die Institution der „unauflöslichen, monogamen Ehe“ gebunden, denn nur so kann sich nach Ansicht Benedikts „seine innere Weisung“ (S. 8 der Enzyklika) erfüllen, und auch dann nur, wenn sie von ekstatischen Begleiterscheinungen „gereinigt“ ist.
Das dürfte manchem katholischen Christen und insbesondere auch manchem katholischen Jugendlichen nicht gerade aus dem Herzen sprechen. Ekstatische, rauschhafte Regungen während des Geschlechtsakts müssen nach Ansicht Benedikts unter Kontrolle gehalten werden. Wie es sich mit dem Orgasmus verhält, darüber schweigt er zwar, aber man darf wohl davon ausgehen, dass auf dem beschriebenen Hintergrund auch orgiastische Liebe auf ein Mindestmaß zu reduzieren sei, wenn schon der Orgasmus als solcher nicht unterdrückt oder als Tatsache weggeredet werden kann. Aus Sicht der katholischen Kirche ist die Sexualität des Menschen also weiterhin prekär, muss kanalisiert und der reinigenden Vernunft unterworfen werden. Angesichts der tatsächlichen Verhältnisse in der Welt drückt dies noch immer eine doch recht weltfremde Gesinnung aus und sie bleibt lustfeindlich wie bisher.
Um an der kapitalisierten, effizienzorientierten Gesellschaft nicht zu zerbrechen und die von Oskar Negt beschriebene „Erosionskrise der Gesellschaft“ (Oskar Negt, Arbeit und menschliche Würde. Göttingen 2002) mit der Folge von Marginalisierung und Aussonderung zu stoppen, müssen in Zukunft die sozialpsychologischen Aspekte und Implikationen von Liebe in der Gesellschaft gestärkt werden. Insofern greift die Enzyklika mit dem zentralen Begriff der Liebe ein wichtiges Problemfeld unserer Zeit auf und zeigt Verständnis für die Nöte oder Defizite heutiger Existenzen. Der Papst erhebt auf dieses zentrale Phänomen der Liebe allerdings einen Alleinanspruch und führt es allein auf Gott zurück. „Liebe ist „göttlich“, weil sie von Gott kommt“ (S.12 der Enzyklika). Das kann in einer säkularen Gesellschaft nicht unwidersprochen bleiben.
Biologische Theorien erklären das Entstehen eines Liebesgefühls aus der Wiederherstellung eines homöostatischen Gleichgewichts nach einer Störung oder einem Ungleichgewicht. Der Organismus reagiert auf Ungleichgewichte und Störungen des Eins-Seins mit Unlustgefühlen und versucht diese Störungen zu beheben. Je besser ihm das gelingt, desto erfolgreicher ist er in der evolutionären Entwicklung. Die gelungene Homöostase oder Wiedervereinigung löst, gesteuert durch entsprechende physiologisch-chemische Prozesse, ein Gefühl der Zufriedenheit, ein Wohlgefühl oder gar Glücksgefühle aus. Die biologische Urform des Liebesgefühls ist also eine Belohnung für die Überwindung von Störungen der Einheit, des Zusammenspiels eines Organismus. Als Ergebnis seiner Untersuchungen ist der Neurologe Antonio R. Damasio überzeugt, dass „der fortwährende Versuch, einen Zustand positiv gesteuerten Lebens zu erreichen, ein tief verwurzelter und höchst charakteristischer Teil unserer Existenz ist“ (Antonio S. Damasio, Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen. München 2003, S. 47).
Nicht-theistische sozialpsychologische Konzepte erklären die Geburt der Liebe aus dem Bewusstsein der Getrenntheit und potenziellen Verlassenheit. Seit der Mensch Bewusstheit von sich selbst hat, entwickelt er auch ein Bewusstsein von Verlust, Absonderung und nicht Eins-mit-sich-Sein. Dies ist eine immerwährende Quelle von Angst. Erich Fromm formuliert das in seinem schon 1979 veröffentlichtem Buch über ‚Die Kunst des Liebens’ so: „Der Mensch steht der Lösung dieser einen und immer gleichen Frage gegenüber: Der Frage, wie die Getrenntheit überwunden, wie man das eigene individuelle Leben transzendieren und eins werden kann“ (Erich Fromm, Die Kunst des Liebens, Frankfurt 1979, S. 26). Die Antwort auf diese existenzielle Frage liegt nach Fromm in dem Streben nach zwischenmenschlicher Vereinigung, die durch Liebe möglich wird. Sie dient aber nicht nur der Arterhaltung, sondern ist eine allgemeine schöpferische, aktive Kraft, in der sich das Individuum als einzigartig erfahren und doch eins mit dem anderen sein kann. „In der Liebe ereignet sich das Paradoxon, das zwei Wesen eins werden und doch zwei bleiben“ (Erich Fromm, ebenda S. 40).
Die erotische Liebe (Eros) ist eine Erscheinungsform neben anderen Liebesbeziehungen wie zum Beispiel Mutter- Vater-, Selbst-, Nächsten- oder Gottesliebe. Eros hebt sich aber durch zwei Besonderheiten von den genannten Liebesbegriffen ab. Zum einen ist dies die sexuelle Komponente, also Liebe in Verbindung mit sexuellem Verlangen, das nach Vereinigung strebt. Zum anderen ist dies der Ausschließlichkeitscharakter der erotischen Liebe. Sie ist auf eine bestimmte Person gerichtet. Die sexuelle Komponente der erotischen Liebe verlangt nach orgiastischer, leidenschaftlicher Erfüllung. Die soziale Komponente achtet die Einzigartigkeit des anderen. Liebe ist gleichzeitig Nähe und Distanz zum geliebten Menschen, die auf dem Prinzip der wechselseitigen Achtung des Wesens des anderen basiert. Liebe bedeutet schöpferische Aktivität, in die sich der Liebende in seiner Totalität einbringt und in der er den anderen im Wesen seines Seins erlebt.
Das Wesen der Liebe impliziert also den geliebten Menschen als unverwechselbar und zugleich als wesensgleich zu empfinden, dem man mit Respekt, Empathie und Hingabe begegnet. In unserer ökonomisierten Welt, in der zweckrationale Handlungsmuster zur Norm werden, drohen diese wesentlichen Baustoffe für den Aufbau befriedigender sozialer Beziehungen und für die Entwicklung von Selbstbewusstsein zu verkümmern. Wo das Marketing des Ichs zur Perspektive des Handelns wird, gewinnen verkaufsfördernde Äußerlichkeiten an Wert und nicht die Wesentlichkeit des Menschen an sich. Die Lebensbereiche, in denen das Wesen der Liebe nicht nur marginale Bedeutung hat, sind auf der Landkarte des Lebens vom Aussterben bedroht. Liebe ist im öffentlichen Raum auf die sexuelle Komponente reduziert und ist als käufliche und konsumierbare Ware den Marktgesetzen unterworfen. Die wahre Liebe ist aus dem öffentlichen Leben verdrängt worden und versucht in einem rein privaten Nischenbereich zu überleben. Kann es sich eine Gesellschaft leisten, öffentlich lieblos zu sein?