Freiheit und soziale Verantwortung 
Über den Menschen im Ringen um die Wahrheit im Glauben und Wissen im Spannungsfeld kirchlicher und weltlicher Macht in Europa

HenningSchramm


Unter dem Eindruck der Eroberung Roms durch den Hunnen Alerich (410 n. Chr.) hat Augustinus (354-430 n. Chr.), der überaus einflussreiche Religionsführer sein Buch ›civitas dei‹, den Gottesstaat, geschrieben. Anders als im oströmischen Reich, wo die Kirche dem Staat unterworfen ist und unter dem Schutz des Staates steht, wird darin die ›civitas dei‹, die römische Kirche, die geistige und geistliche Macht, der ›civitas terrena‹, der weltlichen Macht, gleichrangig gegenüber gestellt. Seit dieser Zeit herrscht ein Patt im weströmischen Reich. Rom, Hauptstadt der Kirche, kann nur als christliches Rom überdauern, so Augustinus. Mit diesem Argument rechtfertigt er die Herrschaft der Kirche über den weltlichen Staat Rom, der nur so erhalten werden kann. Bis zum heutigen Tag hat dieses Dictum in Rom überdauert. Die Folgen von Augustinus‘ Gedanken der Gleichrangigkeit von weltlicher und geistlicher Macht, wie auch seine christliche Glaubenslehre bestimmten wesentlich in den nächsten über tausend Jahren das abendländische Geschehen. Erst mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert beginnen die Menschen in Europa neu über Gott nachzudenken und sich von dem starren Glaubenssystem der christlichen, insbesondere der katholischen Kirche allmählich zu emanzipieren und religiöse Wert- und Normsysteme und die damit einhergehenden Einflüsse auf das Handeln der Menschen, grundsätzlich öffentlich zu diskutieren und zu hinterfragen. Was die Menschen des abendländischen Kulturkreises über sich selbst denken, wie sie die Welt wahrnehmen und wie sie ihre Welt ökonomisch und sozial geordnet haben, ist ohne eine rückblickende Reflexion über das christliche Glaubenssystem wie auch die geistigen Auseinandersetzungen im Spannungsfeld von Wissen und Glauben, von Philosophie und Theologie unvollständig. Was hatte sich also in Europa ereignet, dass es diesem Teil der Welt gelang, Werte wie Selbstbestimmung und individuelle Freiheitsrechte, die Unantastbarkeit der Menschenwürde und Individualität gesellschaftlich durchzusetzen, einem säkularen Legitimitätsprinzip zu unterwerfen und demokratisch zu kodifizieren? Welche Anhaltspunkte liefert die europäische Geschichte in Bezug auf die heute beobachtbare extreme Ökonomisierung der Gesellschaft, die soziale Erosion durch den real existierenden Markt- und Finanzkapitalismus? Zum Verhältnis von Staat und Kirche in Europa Die Auseinandersetzung über Fragen der Welt, der Religion und Philosophie konzentrierte sich im Römischen Reich auf wenige Orte und das Christentum war im Wesentlichen eine Religion der Stadtkultur. Jenseits des Limes wurden grundlegende religiöse und philosophische Fragen kaum diskutiert und überlagerten nur geringfügig die täglich zu verrichtende Arbeit. Dies änderte sich als eine neue Institution auf den Plan trat, die typisch für die weströmische Christenheit wurde, die Klöster. Schon im sechsten Jahrhundert schuf Benedikt von Nursia mit seinen Regeln die Basis für das abendländische Mönchtum und das Kloster. Er forderte Gehorsamkeit, Keuschheit und Armut und machte Schluss mit dem Betteln. Er forderte stattdessen, dass die Mönche nicht nur Beten sondern auch arbeiten sollen (›ora et labora‹). Er legte den Grundstein für die Klosterwirtschaft, die sich als gut geführte landwirtschaftliche Lehrbetriebe über ganz Europa ausbreiteten und ein enges Netzwerk untereinander bildeten, von dem die Landbevölkerung profitieren konnte. Bald kamen Bibliotheken, systematische Pflege der Wissenschaft, Einrichtungen von Leseschulen für freie und unfreie Stände und Klosterschulen, hinzu. Dies hatte eine prägende Kraft auf die Bildungsidee in Europa und führte zu einem europaweiten Austausch von Wissen und zu regen Diskussionen über philosophische und Glaubensfragen. Während es in den islamischen Ländern im dreizehnten Jahrhundert unter dem Druck der Orthodoxie zu einem Abbruch der Philosophie und argumentierenden Theologie kam, entwickelte sich im christlichen Abendland just zu dieser Zeit eine einzigartige Institution: die Universität. Die große Zahl von Universitätsgründungen im dreizehnten Jahrhundert erstreckte sich über ganz Europa von Paris über Oxford bis Sevilla und Padua, um nur einige wenige zu nennen. Sie fielen zusammen mit einer enormen Verschärfung der Situation von Papsttum und Glaubensfragen insgesamt. Wurden bisher Häretiker weithin unblutig bestraft – und Heiden und Juden weitgehend toleriert –, so erhöhten die Kreuzzüge die Gewaltbereitschaft und Militarisierung der Kirche insbesondere gegenüber Nichtgläubigen und Juden beträchtlich. Als die Katarer in Südfrankreich bei der Ortschaft Albi (Albigenser-Krieg 1209-1229) eine eigene Kirche bilden wollten, die sich bewusst auch gegen die prunkvoll lebenden und mit weltliche Pfründen ausgestatteten Kirchenfürsten richtete, sah sich die katholische Kirche in ihrem Bestand bedroht und verfolgte in Zusammenarbeit mit den weltlichen Herrschern in zunehmendem Maße unbarmherzig und gewalttätig Ketzer, Hexen und sonstige Glaubensabtrünnige. In dieser Zeit, als der uneingeschränkte kirchliche Machtanspruch in Glaubensfragen brüchig zu werden begann und die Auseinandersetzung über das, was als wahr oder unwahr zu gelten habe, immer blutiger ausgefochten wurde, bildeten die Universitäten eine Heimstatt des geistigen Wettstreits und der Disputation. Sie standen, und das ist das Einzigartige, nicht nur der weltlichen und geistlichen Elite offen, sondern prinzipiell allen, auch den Nichtprivilegierten. Die Universitäten standen unter dem Schutz von Papst und Kaiser und konnten sich ohne Einfluss der jeweils örtlichen Mächte und Warlords entfalten – das war der Anfang unserer heutigen Hochschulautonomie und Forschungsfreiheit. Im Rahmen der scholastischen Methode wurde in den Universitäten eine Diskussionsform etabliert, wie über Streitfragen des grundsätzlichen Verständnisses des Menschen und der christlichen Glaubenslehre zu diskutieren sei. Es war damals zwar nicht möglich, die Existenz Gottes direkt zu kritisieren oder gar zu leugnen, aber es war erlaubt, uneingeschränkt Thesen und Gegenthesen über die Existenz Gottes zu formulieren, und Beweise und Gegenbeweise, die dann wiederum widerlegt werden mussten, in den Disput einzu-bauen. Die Förderung der Freiheit der Gedanken und Gedankenexperimente in den Universitäten in Form von Thesen, Hypothesen, Gegenthesen, Synthesen und widerspruchsfreie Beweisführung haben Freiräume geöffnet, die einen Nährboden für eine große Zahl philosophischer Fragen zu Gott, Vernunft und Glaube und die existenziellen Bedingungen des Menschen, wie auch für die experimentelle Naturwissenschaft geschaffen haben. Aus dieser Art der Erkenntnisgewinnung wurde auch die große, damals heftig diskutierte philosophische Frage, ob die Universalien, also real existierenden geistige Wesenheiten oder allgemeinen Ideen (also auch die Idee Gottes) der Entstehung der Einzeldinge vorausgehen, oder ob umgekehrt das Allgemeine sich aus dem Einzelnen, dem Besonderen ableitet. In diesem sogenannten Universalismusstreit setzten sich letztendlich die Nominalisten durch, die die Existenz von Universalien vor und außerhalb der Dinge ablehnten und den Ursprung im Einzelnen, im Individuellen sahen. Ihre These: die Realität der Welt ist die Existenz einzelner individueller Dinge mit je eigenen individuellen Qualitäten und erst die synthetische Betrachtung dieser Einzelheiten führt zum begrifflich Allgemeinen, zur Idee. War in den bestehenden Gesellschaftsordnungen des Mittelalters dem einzelnen Menschen bisher ein von seinem Willen völlig unabhängigen Platz zugewiesen worden, haben Vertreter des Nominalismus um Wilhelm von Ockam die Rolle das einzelnen Menschen im Zeitgeschehen betont, seine selbständige Aktivität, seinen individuellen Willen. Dies kam einer kleinen Revolution in dem damaligen streng hierarchisch geordneten Beziehungen der Feudalgesellschaft gleich, wo für den Menschen als Individuum kein Raum war, und der Mensch eher Objekt als Subjekt. Erstmals in der mittelalterlichen Philosophie wurde über den Menschen diskutiert, der sich seiner selbst bewusst ist, der der Natur nicht mehr schicksalhaft gegenüber steht, sondern diese durch seine Willenshandlungen zu beeinflussen vermag. Der Disput hatte weitreichende Konsequenzen für die europäische Kultur und mündet schließlich in die humanistische Bildungsidee des Erasmus von Rotterdam. Dieses neue Men-schenbild beinhaltet eine veränderte Naturauffassung, der die Mehrzahl der bedeutenden Naturphilosophen des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit zuneigte und Grundlage eines europäischen Menschenbildes wurde, das in der Neuzeit voll zur Entfaltung gekommen ist: der Vorrang des Individuums, des Individuellen und Privaten vor der Gemeinschaft, wie das zum Beispiel in dem Markt mit einzelnen, konkurrierender Marktteilnehmern und dem privatwirtschaftlich organisierten Kapitalismus zum Tragen kommt. Neben dieser kulturell-geistigen Ebene ist auf der politischen Ebene der bereits angesprochene Dualismus von Kirche und weltlicher Macht als eine Besonderheit der christlich europäischen Entwicklung hervorzuheben. Die Sphären der weltlichen und kirchlichen Machtbereiche wurden seit Augustinus prinzipiell akzeptiert (»Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist«) und die Dominanzbestrebungen des einen oder anderen austariert, natürlich auch mit militärischen Mitteln. Die weltliche Macht wurde durch die biblische Botschaft, dass der Gehorsam vor Gott Vorrang vor dem Gehorsam vor Menschen hat, in ihrem absolutistisch Anspruch in ihre Schranken gewiesen, wie auch das Bibelwort »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist« eine Absage an die Theokratie war. Im Zusammenhang mit der Entwicklung weltlicher, politischer Macht ist neben diesem Dualismus als ein weiteres spezifisch europäisch politisches Merkmal die schon früh sich entwickelnde Stadtkultur und deren relative Freiheiten, garantiert zum Beispiel durch die Reichsunmittelbarkeit der Reichsstädte (»Stadtluft macht frei«), zu nennen. Diese skizzierte geistige, kulturelle und politische Landschaft bildete den Humus für die großen naturwissenschaftlichen und philosophisch-geistigen Leistungen und Theorien der Aufklärung, die für Geistesfreiheit warben und die die Eigenverantwortlichkeit und den freien Willen des Individuums in den Vordergrund der geistig politischen Auseinandersetzung schoben. Einer der ersten, der gegen Machtmissbrauch und Dogmatismus der katholischen Kirche stritt, war der europäische Humanist Erasmus von Rotterdam, eine zentrale Figur des kulturellen Europas im sechszehnten Jahrhundert. Ein hervorragender Vertreter der naturwissenschaftlichen Disziplin dieses Jahrhunderts war Nikolaus Kopernikus. Dessen Hauptwerk De Revolutionibus Orbium Coelestium (Über die Kreisbewegungen der Weltkörper) das 1530 fertig aber erst nach seinem Tod im Jahr 1543 veröffentlicht wurde, leitete einen Paradigmenwechsel des damals vorherrschenden geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild ein. Galt bisher die Erde als Mittelpunkt des Universums, und die feste Überzeugung, dass sich die Sonne um die Erde dreht, zeigte Kopernikus’ Theorie, dass dem nicht so war, sondern dass sich im Gegenteil die Erde und die Planeten um die Sonne drehten. Die Infragestellung des von der Kirche scharf verteidigten Kosmozentrismus traf einen zentralen Nerv der katholischen Kirche, da er die Stellung des Menschen insgesamt relativierte und eine Vielzahl von Universen denkbar machte. »Dieser Gedanke war für die Kirche unerträglich, denn zahllose Universen würden zahlloser Jesus-Christus–Gestalten bedürfen, die im Unendlichen ihr Lösungswerk zu vollbringen hätten. Damit aber wäre das Dogma der Einmaligkeit Jesu hinfällig und die Kirche ihres unumschränkten Anspruchs beraubt, für das allgemeine Seelenheil zu sorgen«, so der Nobelpreisträger Iya Prigogine . Der Gedankengang des Nobelpreisträgers blieb für ihn ohne Folgen, hätte er ihn ein paar Jahrhunderte früher geäußert, wären diese Gedanken sein Todesurteil gewesen, wie bei dem Philosophen Giordano Bruno, der, weil er seine These einer unendlichen Zahl von Universen nicht widerrief, am 17. Februar 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Noch hatte in dieser Zeit die Kirche die Macht, ihre Sichtweise der Welt durchzusetzen und sie den Menschen vorzuschreiben. Zwischen 1543 und 1600 gab es gerade mal zehn Anhänger der kopernikanischen Theorie, darunter Galilei und der deutsche Astronom Johannes Kepler. Die Anhänger der kopernikanische Theorie wurden insbesondere im Zuge der Kirchenprozesse gegen Galilei (1633) massiv unterdrückt, wie sich auch insgesamt die katholische Kirche radikalisierte und Inquisition und Hexenverfolgungen, die nach neuesten Schätzungen zwischen dem dreizehnten und achtzehnten Jahrhundert insgesamt zweihunderttausend Opfer forderten, jetzt ihren Höhepunkt erreichten und der verheerendste Religionskrieg aller Zeiten dreißig Jahre lang in Europa und hier insbesondere auf deutschen Gebieten wütete und die Bevölkerung in Deutschland von damals ungefähr siebzehn Millionen auf acht Millionen, so schätzt man, halbierte. Säkularisierung und die Freiheit des Menschen Es dauerte nahezu zwei Jahrhunderte bis sich das kopernikanisch-kosmozentrische Weltbild im Zuge der Aufklärung und der neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wie zum Beispiel der von Isaak Newton entwickelten Himmelsmechanik allmählich durchsetzte. Im Zentrum der Aufklärungsphilosophie des achtzehnten Jahrhunderts in Europa stand der Glaube an die Kraft des menschlichen Geistes und der Selbstbestimmung des Menschen, der die bis dahin vorherrschende mystisch-spekulativen Tradition ablöste. Traditionelle Werte, Normen, Institutionen und die gesellschaftliche Verfasstheit insgesamt wurden in Frage gestellt und ihre Legitimation rationalen Kriterien unterworfen. Den Menschen aus der Unmündigkeit herauszuführen, indem er sich seines Verstandes ohne die Hilfe eines anderen bedient, so definierte der deutsche Philosoph Immanuel Kant das Ziel der Aufklärung. Der denkende Mensch, der erst durch den Gebrauch seines Verstandes zum Individuum wird (»Cogito ergo sum«, Descartes), rückt in den Vordergrund des philosophischen Interesses. Es scheint so, dass die geistig-kulturelle Evolution des Menschen, die sich, wie Neurowissenschaftler wie Damasio gezeigt haben, in erster Linie in der Evolution des menschlichen Gehirns widerspiegelt, hier ihre ersten durchschlagenden Früchte trug und die geistigen Freiheiten der menschlichen Art sich voll zu entfalten begannen. Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen, wurde zum Leitspruch der Epoche. Diese neue Rationalität durchdrang alle gesellschaftlichen Bereiche und bezog die Kritik des absolutistischen Herrschaftssystems und dessen absoluten Herrschaftsanspruchs über Menschen ebenso ein wie die Kritik an der irrationalen Macht der Kirche, die mit ihren Denkfiguren und moralischen Standards bis dahin die öffentliche Debatte zu dominierten. Die Freiheit, die Selbstverwirklichung, das Glück, das Gelingen und Gedeihen der Lebensführung, die Verwirklichung des guten Lebens (Eudaimonia), welche schon Aristoteles in den Mittelpunkt seiner praktischen Philosophie stellte, wurden unter den gegebenen politischen Verhältnissen neu debattiert. Was bedeutet Glück, was bedeutet gutes Leben, wie weit reicht die Freiheit des Einzelnen, wodurch wird sie begrenzt, wie kann sie verwirklicht und gefördert werden, sowohl auf wirtschaftlicher als auch politischer Ebene? Alles wurde auf den Prüfstand gestellt und musste sich legitimieren, die Staatsformen, bisher eherne Standesregeln und gesellschaftliche Werte, der Adel genauso wie der Klerus. Es blieb jedoch in diesem aufregenden Zeitalter nicht bei theoretischen Überlegungen. Die Ideen und Theorien mündeten auch in praktisches Handeln. Die Hinwendung zum Menschen und seinen Lebensbedingungen, die Durchleuchtung dessen, was Menschsein bedeutet und was die Entfaltung des Individuums beschränkt, fand Eingang in die Politik und führte zu großen politischen Umwälzungen in Europa und den USA. Die Kirche wurde zunehmend in ihre eigentlichen Aufgabenbereiche, die Seelsorge und Fürsorge für die Menschen, zurückgedrängt und büßte an weltlicher Macht und direktem Einfluss ein. So verlor zur Zeit der Aufklärung die Kirche große Teile ihres Eigentums. Kaiser Joseph löste 1782 über siebenhundert Klöster in den österreichisch-habsburgischen Ländern auf. Im Zuge der Französischen Revolution wandelte die Nationalversammlung 1789 den gesamten französischen Kirchenbesitz in Nationaleigentum um. Den Zehnt, den die Kirche zur Unterhaltung ihres wachsenden Klerus seit dem sechsten Jahrhundert eintrieb und eine der wichtigsten Einnahmequelle der Kirche war, fand sein Ende mit der Französischen Revo-lution und der deutschen Bauernbefreiung im neunzehnten Jahrhundert. Im Heiligen Römischen Reich wurden 1803 durch Reichsdeputationsbeschluss vier Erzbistümer, achtzehn Bistümer und etwa dreihundert Stifte, Klöster und Abteien säkularisiert. Davon profitierten vor allem das aufstrebende Bürgertum, die Manufakturbesitzer und Kaufleute, die zu günstigen Preisen wertvollen Kirchenbesitz erwerben konnten. Nicht, dass die Menschen in der Zeit der Aufklärung weniger glaubten als früher, aber der Glaube wurde teilweise privatisiert und verlor an Deutungsmacht über das, was wahr und falsch ist und was gutes Leben bedeutete. Im Krieg gegen die Gesinnungspolizei der Kirche neigte sich die Waage den weltlichen Kombattanten zu. Dass der Kampf um Deutungshoheit aber immer noch fortwährt, zeigt sich zum Beispiel an der Äußerung des Fuldaer Bischofs Heinz Joseph Algermissen, der in seiner Predigt am 9. Juni 2002 vor fast zwanzigtausend Gläubigen noch eindringlich dazu aufrief, in Familien und vor Kindern »Gott nicht tot zu schweigen«, den dadurch würden sie um die Kraft durch Christus betrogen und man enthalte ihnen das Wesentlichste im Leben vor. Die Kirche übt also nach wie vor psychischen Druck auf die Menschen aus und versucht zu definieren, was das Wesentliche ist. Trotz all der Umwälzungen in den letzten drei Jahrhunderten und dem Niedergang des weltlichen Einflusses und sakraler Deutungsmacht der Kirche, ist unbestritten, dass viele Werte der christlichen Kirche überdauerten und den Grundstock dessen bildeten, was wir heute in der europäischen Wertegemeinschaft als wichtig und wertvoll betrachten. Hier sind beispielhaft vier Pfeiler zu nennen: - Die Selbstzweckhaftigkeit des Lebens und Würde des Menschen. - Die Einzigartigkeit des Lebens und Individualität. - Die Gleichwertigkeit der Menschen. - Die Mitmenschlichkeit, wie Nächstenliebe, Achtung und Respekt vor dem Mitmenschen, Schutz und Hilfe von Minderheiten, Solidarität und soziale Gerechtigkeit. Auf politischer Ebene wurde die Richtschnur des Handelns das Recht, vor dem jeder Mensch prinzipiell gleich war. Die Freiheit des Handelns wurde durch das Rechtssystem und Legitimitätsprinzip begrenzt und gelenkt. Dies schlug sich erstmals nieder in der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika, in der den individuellen Freiheitsrechten eine hohe Priorität eingeräumt wurde. Aber auch in der Französischen Revolution, die die Gleichheit eines jeden Bürgers vor dem Gesetz garantierte. Verstand und Gefühl: Das moderne Bild des Menschen zwischen Vernunft und Poesie Seins-Dimensionen können prinzipiell unter zwei Blickwinkeln beschrieben werden, dem naturwissenschaftlichen oder philosophisch-poetischen. Der eine Blickwinkel stützt sich auf objektives Denken, der andere auf einer eher subjektiven, spekulativ-intentionalen Dimension des Denkens, einschließlich religiöser Denkweisen – und damit korrespondierend: logisch-experimentelle und empirisch-phänomenale versus logisch-spekulative und poetisch-metaphysische Betrachtungsweisen des Menschen. Das wissenschaftliche Bild vom Menschen ist beschreibbar mit den Begrifflichkeiten aus der Evolutionstheorie, Physik und Neurophysiologie, demgegenüber lässt sich das philosophisch-poetische Bild des Menschen eher in Bildern von Gefühl, Erleben, Initiative, Gedankenexperiment, des In-der-Welt-Zurechtfindens, des Fehler-Machen-Könnens, des moralischen Empfindens ausdrücken. Mit wissenschaftlichem, rationalem Denken und Vernunft allein kann die Welt (und insbesondere die soziale Lebenswelt) nicht in all seinen verwinkelten Facetten und differenzierten Erscheinungen erfasst werden. Es bedarf der personalen Komponente der Weltsicht, in der Sehnsüchte, Leidenschaften und Ängste artikuliert werden können. In den letzten Jahrhunderten hat die westliche Welt zwei große Revolutionen der Weltsicht erlebt. Kopernikus hatte, wie gezeigt wurde, zu Beginn der Neuzeit das geozentrische Weltbild und Darwin hatte am Anfang des industriellen Zeitalters die anthropozentrische Perspektive revolutioniert. Dank der Evolutionstheorie und kraft unseres objektiven, wissenschaftlichen Denkens sind wir heute in der Lage, viele Aspekte der Natur und Naturvorgänge zu verstehen. Wenn es nach der Kirche gegangen wäre, hätte sich der Mensch nicht mit der Durchdringung des unendlich Großen (Makrokosmos), des unendlich Kleinen (Mikrokosmos) und des unendlich Komple-xen (Mensch) in dieser Intensität zu befassen brauchen, und wir würden uns heute immer noch in einem mittelalterlich-religiösen Dämmerzustand befinden. Zusammen mit der Aufklärung und der Dominanz der objektiven, wissenschaftlichen Denkweisen führte das zu der Säkularisierung der westlichen Welt. Die religiösen Empfindungen, Lebensformen und Glaubenswahrheiten, die Jahrtausende die Weltperspektive geprägt hatten, sind damit natürlich nicht erloschen, sondern existieren als sakrale parallel zu den profanen Lebensformen und Denkweisen weiter. Aber die sakralen Elemente müssen sich nun in der säkularisierten Gesellschaft rechtfertigen. Sie müssen gegenüber Nichtgläubigen nicht-religiös fundierte Begründungen liefern, wenn sie ge-sellschaftliche Relevanz und Commonsense erlangen wollen. Bei Fragen der Genforschung zum Beispiel reicht es nicht mehr, zu argumentieren, dass der Mensch nicht in die Schöpfung Gottes eingreifen darf. Vielmehr müssen Gründe dargebracht werden, die auch vor nichtgläubigen, nichtreligiösen Menschen bestehen können, die vernünftig und evident sind, um in einer demokratisch verfassten Gesellschaft die Zustimmung von Mehrheiten zu bekommen. Unbestritten ist die religiöse Herkunft vieler unserer moralischen und ethischen Grundlagen. Sie müssen aber heute übersetzt werden in eine säkulare Sprache, in eine Sprache, die dem Commonsense zugänglich ist. Commonsense ergibt sich aber nicht aus einer beobachtenden, quasi wissenschaftlich-objektiven Haltung heraus, sondern aus einer teilnehmenden Perspektive. Ich generiere das Gemeinsame mit dem Du, indem ich als handlungsfähiges Subjekt dem Du gegenüber trete und initiativ werde. Die Handlungsinitiativen müssen im Zweifelsfall immer auch gerechtfertigt werden können. Hier hilft die naturwissenschaftliche Beobachterperspektive allein nicht weiter. Der Mensch muss sich auf die Teilnehmerperspektive einlassen. Commonsense ist mit sozialer Bewusstheit verbunden, mit Personen, die Begründungen für ihr Verhalten geben können, die aber auch Fehler machen können und sich korrigieren dürfen. Commonsense ist mit der Perspektive des anderen verknüpft. Das heißt, nicht nur die religiöse Seite muss sich in die säkulare Begründungszusammenhänge einfügen, sondern auch die säkulare Seite muss sich ein Gefühl für das Religiöse bewahren, um dessen sakrale Sprache in profane Sprache übersetzen können. Was aber ist das Religiöse? Man könnte Religion allgemein be-schreiben als die Begegnung mit dem Heiligen, das zwei wichtige Aspekte impliziert: Im weitesten Sinne impliziert es etwas Ganzes , ein Umgreifendes wie das Karl Jaspers nennen würde. Etwas, was wir (noch) nicht begreifen, was wir (noch) nicht wissen. Und es ist etwas Unverfügbares, auf das wir keinen Zugriff haben, das wir nicht beeinflussen können. Die Menschen haben diese Welt des Nicht-Wissens, die Ängste und Unsicherheit hervorruft, auf Gott, Götter oder Gottwelten projiziert und teilweise sogar Verantwortungen dorthin delegiert. Diese Gottwelten koppelten sich, wie ich im nachfolgenden Essay darlegen werde, von dem menschlichen Bewusstsein ab und führten eine Art eigenständiges Dasein. Manches von dem Nicht-Wissen ist durch die Wissenschaft dem Wissen zugänglich gemacht und dadurch dem Göttlichen, dem Heiligen entzogen worden. Vieles wissen wir auch heute nicht und dies Nichtgewusste lebt in Mythen, Gottwelten und Poesie als Bild, Symbol oder Möglichkeit weiter. Zum Menschsein gehört mythisches und mystisches Empfinden, ein Empfinden von Ehrfurcht vor einem Unverfügbaren, einem Umgreifenden, wie zum Beispiel dem Universum, das sich unserem Wissen entzieht. Ein Gefühl, das den Menschen gegenüber dem Unfassbaren, dem Wunderbaren ergreifen und fesseln kann. Zum Menschsein gehört also das Unverfügbare und Wunderbare. Der Mensch muss sich dem Nicht-Wissen stellen. Um Ehrfurcht zu entwickeln und zum Beispiel Angst vor der Welt des Ungewussten zu mildern, braucht es keine Konstruktionen von Gott oder Götter, sondern sehr viel mehr selbstreflexive Ehrlichkeit und eine Portion Mut, die ver-borgenen Impulse des ›limbischen Systems‹ (in dem sich die Ge-fühlswelten bilden) an die Oberfläche treten zu lassen. »Wenn du es nicht fühlst, wirst du es nicht erjagen«, sagte Goethe treffend. Es braucht ein ›lassendes Denken‹, ein Denken, das sich von den Dingen etwas sagen lässt; ein Denken, durch das Chiffren, Codes wahrgenommen werden können. Wir fühlen, bevor wir denken. Damasio, von dem dieser Satz stammt, zeigt in seinem Buch, in welchem Umfang der Mensch von Gefühlen geleitet ist und wie stark der Mensch seine Welt und sich selbst in Form von Bildern wahrnimmt, die gefühlt werden und im Gehirn keine Verbalisierung erfahren. Poetik zum Beispiel ist in der Lage, eine solche Unverfügbar-keit, umgreifende Einzigartigkeit und Subjektivität auszudrücken, zu spiegeln. Die Personen eines Romans etwa haben Intentionen und Gründe dieses zu tun und zu lassen. Und sie machen Fehler, sind nicht allwissend (nicht göttlich). Sie sind nicht unverfügbar, sondern werden von außenstehenden physischen, psychischen und sozialen Mächten bedrängt. Objektives, wissenschaftliches Denken steht hier nicht im Vordergrund der Ereignisse, sondern das subjektive Denken der handelnden Personen, deren nachvollziehbaren Fehlschläge, Missgeschicke und Schicksale und wie sie sich in diesem Bezie-hungsgeflecht verhalten. »Wenn man beschreibt, wie eine Person etwas getan hat, was sie nicht gewollt hat und was sie nicht hätte tun sollen, dann beschreibt man sie - aber eben nicht so wie ein naturwissenschaftliches Objekt.« Wissenschaftler, Philosophen, Poeten und Theologen, die sich mit dem Menschensein heute beschäftigen und das Wesen, das Besondere und Allgemeine des Menschen ergründen wollen, ist die Aufgabe gestellt, das Umgreifende, das Unverfügbare, die Essenz des Menschlichen und des Menschengeschlecht (auch im archetypischen Sinn) sichtbar zu machen. Dies kann nur gelingen, wenn sowohl die objektiv-wissenschaftlichen wie auch die subjektiv-poetischen Dimensionen des menschlichen Seins Berücksichtigung finden.